Brandenburg : Probe wohnen in der einstigen Heimat

Bis in die 90er Jahre lebten Auerhühner in der Lausitz. Wildfänge aus Schweden sollen nun Chancen für eine Rückkehr ausloten

Angriffslustig. Während der Balz steigt der Testosteronspiegel der Auerhähne um das Hundertfache. Auch Menschen sollten ihm dann nicht zu nahe kommen.
Angriffslustig. Während der Balz steigt der Testosteronspiegel der Auerhähne um das Hundertfache. Auch Menschen sollten ihm dann...Foto: dpa

Bad Liebenwerda - Nach rund 20 Jahren soll das Wappentier des Naturparks endlich zurückkehren. Doch ob das Auerhuhn wieder dauerhaft in den Wäldern der Niederlausitz anzutreffen sein wird, sei aber fraglich, dämpft Lars Thielemann, Leiter des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft und Chef der Arbeitsgruppe Auerhuhn, allzugroße Erwartungen. Noch bis Mitte der 90er Jahre wurden vereinzelte Exemplare des einst im Süden Brandenburgs weit verbreiteten größten europäischen Hühnervogels in dem Naturpark gesichtet. Ihr langsames Aussterben ist Experten zufolge gravierenden Einschnitten der Vergangenheit in den Lebensraum der als äußerst sensibel geltenden Tiere geschuldet. Nun, nachdem einige der landschaftlichen Wunden verheilt sind, sollen 40 schwedische Auerhühner im einst verlassenen Verbreitungsgebiet zur Probe wohnen. Die ersten 20 Wildfänge sollen im April ausgesetzt werden, die anderen kommendes Jahr.

Dabei handele es sich aber nur um ein Pilotprojekt, noch nicht um einen Wiederansiedlungsversuch, gibt sich Thielemann betont vorsichtig. „Wir wollen herausfinden, ob eine Wiederansliedlung überhaupt möglich ist.“ Denn schließlich hätten die sogenannten Raufußhühner zwar einerseits geringe, aber mit Blick auf die Veränderungen der Landschaft im 20. Jahrhundert, auch hohe Ansprüche an ihren Lebensraum, meint der Fachmann. Bevorzugt würden ausgedehnte, störungsarme, alte und lichte Mischwälder, die von Blaubeersträuchern durchzogen seien. „Im Sommer ernähren sie sich fast ausschließlich von Blaubeeren und im Winter von Kiefernnadeln. Eigentlich genügsam“, findet Lars Thielemann. Doch eine immer intensivere Forstwirtschaft, bei der die enge Bepflanzung der Plantagen den Blaubeeren keinen Platz mehr ließen, sowie Abholzungen ganzer Wälder für den Braunkohleabbau und als Reparationsleistung nach den beiden Weltkriegen hätten den hiesigen Lebensraum der Auerhühner schrittweise zerstört. Zumindest in der Niederlausitz sei die Kohleförderung heute kein Thema mehr und auch die Forstwirtschaft habe sich verändert, so dass einige negative Faktoren mittlerweile abgestellt worden seien, sagt der Auerhuhnexperte.

Die Testansiedlung wird zu 75 Prozent von der Europäischen Union und zu 25 Prozent vom Land Brandenburg gefördert. Auch die Sparkasse Elbe-Elster beteiligt sich an dem Vorhaben. Insgesamt stehen knapp 368 000 Euro zur Verfügung. Doch das Aussetzen von Auerhühnern ist eine heikle Sache, die in anderen Regionen Deutschlands bislang kaum von Erfolg gekrönt war. Im Bayerischen Wald etwa, wo in Volieren aufgewachsene Tiere ausgesetzt worden waren, überlebte kein Exemplar. Außerhalb der Alpen und des Bayerischen Waldes kommen die vom Aussterben bedrohten Vögel noch im Schwarzwald, dem Fichtelgebirge, dem Erzgebirge und dem Harz vor.

Noch im 16. und 17. Jahrhundert müssen sie auch in der Niederlausitz so zahlreich gewesen sein, dass die sächsischen Kurfürsten extra zur Auerhuhn-Jagd anreisten. Die Burg Liebenwerda ließen die Monarchen sogar extra zum Jagdschloss umbauen. Quellen zufolge soll Kurprinz Johann Georg (1647-1691) in der Liebenwerdaer Amtsheide 14 bis 16 Auerhähne geschossen haben. „Dass das Auerhuhn zum Hochwild zählt, also nur vom Hochadel gejagd werden durfte, zeigt dessen Wertschätzung und Bedeutung“, meint Naturparkleiter Thielemann.

Trotz aller Zurückhaltung hält der Fachmann die gegebenen Voraussetzungen für eine Rückkehr der imposanten Vögel in die Niederlausitz für gar nicht mal so schlecht. Zusammen mit dem Naturpark Niederlausitzer Landrücken stehe den Tieren eine Waldfläche von knapp 60 000 Hektar zur Verfügung, so Thielemann. Experten halten wenigstens 50 000 Hektar für den Erhalt der Tierart für notwendig. Günstig sei auch, dass die Auerhühner in Schweden im April gefangen werden, somit in Brandenburg zu einer Zeit ausgesetzt würden, in der sie bereits ausreichend viel Nahrung finden, glaubt der Fachmann. Sollte der Versuch zeigen, dass eine Wiederansiedlung wirklich realistisch ist, müssten den ersten 40 Testbewohnern jedoch noch weitere Schweden-Hühner folgen. „Computermodelle gehen für eine erfolgreiche Wiederansiedlung von wenigstens 100 Tieren aus“, sagt Thielemann.