• POSITION: Klimaschutz kostet nicht die Welt. Keiner schon.

POSITION : Klimaschutz kostet nicht die Welt. Keiner schon.

Wer heute nicht aktiv wird, handelt wider besseren Wissens Von Annalena Baerbock

Foto:: privat

Als der Weltklimarat IPCC vor 25 Jahren gegründet wurde, hätte man das Argument, man habe es nicht besser gewusst, noch durchgehen lassen können. Doch im Jahr 2014 gilt dies nicht mehr. Heute liegen die neuesten Befunde des Weltklimarates vor und nie zuvor waren die Erkenntnisse zu Ursachen und Wirkungen des Klimawandels umfangreicher und präziser. Nie zuvor waren sich Klimaforscher rund um den Globus so sicher: Der weitere ungebremste Ausstoß von Treibhausgasen stellt eine reale Bedrohung für uns alle dar.

Die Botschaft der Experten ist eindeutig: Wenn wir das 2-Grad-Ziel erreichen wollen, müssen wir unsere Treibhausgas-Emissionen radikal senken und jetzt den Weg zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft einschlagen. Auf den Punkt gebracht heißt das: wir müssen unseren Treibhausgasausstoß bis 2050 um bis zu 70 Prozent senken. Obwohl sich die Weltgemeinschaft zum 2-Grad-Ziel verpflichtet hat und Jahr um Jahr Klimakonferenzen abhält, steigt der weltweite CO2-Ausstoß immer weiter an. Auch in Deutschland wieder. Auch in Brandenburg. Verantwortlich dafür ist vor allem der Energiesektor, von dem weltweit über ein Drittel der gesamten CO2-Emissionen stammen. Eine CO2-Reduktion bei der Energieerzeugung wird daher als eine der effektivsten Minderungsmaßnahmen identifiziert.

Was heißt das übersetzt für Deutschland und Brandenburg? Wenn wir unseren Klimaschutz-Verpflichtungen gerecht werden wollen, müssen wir den Ausstieg aus den fossilen Energien, insbesondere der Kohle, einleiten und uns stärker den Erneuerbaren zuwenden. Nicht umsonst trägt die Kohle den Titel „Klimakiller Nummer 1“, denn ihre Verstromung ist ebenso CO2-lastig wie ineffizient.

Brandenburgs Landesregierung darf deshalb auch nicht länger so tun, als hätte die heimische Braunkohle keinen Einfluss auf die globalen Treibhausgasemissionen. Das Kraftwerk Jänschwalde emittierte im vergangenen Jahr so viel, wie die 60 emissionsärmsten Länder der Welt. Deutlicher kann man Brandenburgs globale Verantwortung nicht unterstreichen. Deshalb ist es richtig, wenn der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer von einem neuen Kohlekonsens, also dem Strukturwandel raus aus der Kohle, spricht. Und es ist falsch, wenn SPD und LINKE mit der Erschließung neuer Tagebaufelder, von denen Welzow Süd II der Anfang ist, die Braunkohleverstromung noch bis weit über die Hälfte des Jahrhunderts verlängern wollen.

Die rot-grüne Landesregierung in NRW hat jüngst einen ersten wichtigen Schritt in Richtung Kohleausstieg vollzogen. Sie beschloss, den Tagebau Garzweiler II um ein Viertel zu verkleinern. Dadurch werden bis zu 300 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart und die Kohle bleibt dort, wo sie hingehört: unter der Erde. Die Landesregierung in Düsseldorf tut dies nicht aus Ideologie, sondern weil sie erkannt hat, dass nicht nur klimapolitisch, sondern wirtschaftlich ein „Weiter so“ fatal wäre und eine Verzögerung des Klimaschutzes zu größeren Herausforderungen und deutlich höheren Kosten führt. Auch dies unterstreicht der jüngste IPCC-Bericht, der deutlich sagt: je später wir handeln, desto teurer wird es. NRW handelt also folgerichtig und Brandenburg muss hier gleichziehen.

Auch die Bundesregierung muss den Klimabericht als klaren Handlungsauftrag verstehen. Merkel und Gabriel können nicht länger hinnehmen, dass wir trotz der Energiewende weiter steigenden Emissionen verbuchen. Schwarz-Rot muss die Energiewende zu Ende denken. Das EEG darf nicht zum Bestandsschutzgesetz für die Kohleverstromung verkommen und von Bundesumweltministerin Hendricks erwarten wir nun konkrete Reformvorschläge für den Emissionshandel. Dieser muss den schrittweisen Ausstieg aus der Kohleverstromung unterstützen, statt ihn zu verzögern. Klimasünder dürfen nicht länger billig davon kommen, während die Allgemeinheit die Kosten zur Bewältigung der Klimafolgeschäden alleine trägt. Das vergangene Jahrhunderthochwasser schlug für die Betroffenen, für Bund, Länder und Versicherungen mit über 10 Milliarden Euro zu Buche und lässt erahnen, welche realen Kosten mit dem Klimawandel und seinen Folgen verbunden sein können. Der Weltklimarat zeigt, dass die Kosten für mehr Klimaschutz noch überschaubar sind, doch radikal steigen, je länger wir mit der Transformation hin zu einer CO2-neutralen Gesellschaft warten. Kurz: Klimaschutz kostet nicht die Welt, keiner schon!

Das haben auch Teile der Wirtschaft erkannt. Immer mehr Initiativen aus Unternehmen, Verbänden und Stiftungen machen Druck auf die Bundesregierung und fordern ambitioniertere Klimaziele und eine deutsche Vorreiterrolle. Diese Unternehmen wissen: Klimaschutz zahlt sich aus.

Mit grüner High-Tech Made in Germany lassen sich schon heute Milliarden im Bereich der Energie- und Umwelttechnik umsetzen. Als eine der größten Wirtschaftsnationen muss Deutschland die Vorteile für die Wirtschaft stärker in den Mittelpunkt stellen und dafür werben. Die deutsche Industrie darf ihre beispielhafte Innovationskraft nicht unterschätzen und sich ihrer globalen Verantwortung und ihrer Vorbildfunktion stärker bewusst werden.

Ein Vierteljahrhundert nach Gründung des Weltklimarates wissen wir besser als je zu vor um die dramatischen Folgen des Klimawandels und seiner Ursachen. Wir kennen aber auch die Antworten und wissen um die Zeit die uns bleibt. Jetzt kommt es darauf an, Handlungsfähigkeit an den Tag zu legen, um die Klimakrise zu bewältigen. Wer heute nicht aktiv wird, der weiß inzwischen auch, dass er wider besseren Wissens handelt!

Annalena Bearbock wohnt in Potsdam und ist Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen

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