POSITION : Ein Schotte aus Brandenburg

Wilhelm von Humboldts Grenzziehung staatlicher Wirksamkeit Von Linda Teuteberg

Foto: promo

Die Humboldt-Universität zu Berlin feiert heute den 250. Geburtstag Wilhelm von Humboldts. Doch nicht nur die Attika-Figuren am Gebäude, auch der Namensgeber stammt aus Potsdam. Niemand prägte das Bildungsideal der deutschen Universitäts- und Schullandschaft wie Wilhelm von Humboldt. Zudem ging er als Ahnherr des Liberalismus in die Geschichtsbücher ein. Weshalb die Ideen des Ausnahmegeistes ein Vierteljahrtausend nach seiner Geburt erneut aktuell sind.

Bei seinen „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ handelt es sich nicht um vermeintlich neoliberale Flausen. Schon 20 Jahre, bevor er sich anschickte, einen Staat und dessen Bildungssystem neu zu ordnen, hatte Humboldt seine Gedanken geordnet und interessierte sich für den Zweck des Staates. Offenbar spürten die Zeitgenossen der Französischen Revolution die Notwendigkeit einer Debatte über Aufgaben und Begrenzungen des Staates. Erst wer Grund und Grenze der Staatsgewalt definieren kann, weiß zu sagen, wie viel Geld hierzu nötig ist. Heute ist die Staatsaufgabenlehre zur puren Fiskalpolitik verkommen. Der Staat definiert, was er braucht. Eine Begründung des Zwecks seines Handelns nötigt er sich nicht mehr ab.

Der Liberalismus hat es in Deutschland traditionell schwer. Das Land Hegels und Bismarcks misstraut aus tiefer Angst dem Freiheitsgebrauch des Einzelnen. Viel lieber setzt es auf den Staat. Denn beim Staat sei die objektive Vernunft zu Hause. Ob der Einzelne vom Staat geschützt werden müsse oder ob er nicht besser vor dem Staat zu schützen sei, ist jene Frage, die den klassischen Liberalismus von allen anderen Grundhaltungen trennt. In der deutschen Geistesgeschichte lässt sich einzig Wilhelm von Humboldt eindeutig der liberalen Tradition zuordnen. Er ist von dem Anliegen beseelt, den Staat in seine Schranken zu weisen, um die menschliche Freiheit nicht zu gefährden und er ist der einzige Liberale von Rang, den Deutschland über Jahrhunderte hinweg hervorgebracht hat. Geboren wurde er in Potsdam.

Humboldt gibt die Frage des Staatszwecks zurück an die Frage nach dem Zweck des Menschen. Wenn der Zweck des Staates im Menschen liegt, dann muss die Theorie des Staates sich am Menschenbild orientieren. „Der wahre Zweck des Menschen“, schreibt Humboldt, „ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“ Zu dieser Bildung aber sei „Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung.“ Humboldt fragt, ob der Staat nur Übel von den Menschen abwenden oder auch das Glück der Bürger befördern soll. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Der Staat ist für die Sicherheit des Einzelnen verantwortlich. Die Planung des Wohlstandes aller steht ihm hingegen nicht zu. Anders als es der obrigkeitsstaatlichen Tradition der Deutschen eigen ist, begegnet der preußische Philosoph dem staatlichen Wohltätigkeitsanspruch mit einer tief sitzenden Skepsis.

Humboldt schlägt sich eindeutig auf die Seite der schottischen Aufklärung eines David Hume und Adam Smith. „Der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand seiner Bürger und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich und gegen auswärtige Feinde notwendig ist.“ Während nämlich Sicherheit nötig ist, damit die Bürger in Freiheit ihre Zwecke verfolgen, Verträge abschließen und Eigentum bilden können, käme die Wohlstandswahrung unweigerlich in Konflikt mit der menschlichen Freiheit, zu deren Lasten sie ginge . Staatliche Planung, von welch guter Absicht auch immer motiviert, schwächt die menschliche Dynamik.

Humboldts Welt ist eine Welt vor der Erfindung des Wohlfahrtsstaates. Damals gehörte die Vorstellung noch nicht zum Gemeingut, der Staat müsse dem Bürger die Sorge für die großen Risiken des Lebens (Alter, Arbeitslosigkeit, Krankheit) abnehmen. Humboldt sperrt sich zugleich gegen die Versuchung, dem Staat die Verantwortung für das menschliche Glück (Ehe, Familie, Religion) zu überantworten.

Wilhelm von Humboldt hat die Welt vom Kopf auf die Füße gestellt. Späte Wohlfahrtsstaaten pflegen sich nur noch zu sorgen, woher sie das Geld für die ausufernden Sozialausgaben (Rente, Gesundheit, Arbeitsmarkt) nehmen. Sie sagen, es bleibe ihnen nur die Wahl zwischen Steuererhöhungen und Neuverschuldung. Nach den Staatsaufgaben wird kaum gefragt. Freie Menschen fragen: Welchen Staat wollen wir uns leisten? Erst an zweiter Stelle steht die Frage: Welchen Staat können wir uns leisten?

Humboldts Botschaften sind nicht etwa gestrig, sondern wieder aktuell. Sie geben eine Ahnung davon, dass Politik auch von freiheits- und vernunftbegabten Menschen aus gedacht werden kann, die dem Staat nicht jene Weisheit und Allzuständigkeit andichten, die Kinder bei ihren Eltern vermuten. Die vom Staat allerdings die Erfüllung seiner Kernaufgaben erwarten und zum Schutz ihrer Freiheit auf einen handlungsfähigen Rechtsstaat vertrauen.

Die nicht erwarten, dass im Bundeskanzleramt Vorstellungen darüber entwickelt werden, welchen Lebensstil die Bürger zu ihrem eigenen Besten zu pflegen hätten. Und die vom Staat erwarten, dass er zu einer ehrlichen Aufgabenkritik in der Lage ist. Welche übrigens jeglichen Funktions- und Gebietsreformen vorausgehen sollte. Schwer vorstellbar, dass Wilhelm von Humboldt den Bau eines Flughafens durch die öffentliche Hand für eine gute Idee gehalten hätte. Wann wenn nicht heute, in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und herausgeforderter politischer Kultur, ist Humboldts Bildungsbegriff relevant. Die größten Schätze, die er uns hinterließ, gilt es noch zu heben.

Die Autorin ist Mitglied des Bundesvorstandes der FDP und lebt in Potsdam.

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