Porträt Dietmar Woidke : Der Schäfer

Er wollte nie ganz nach oben. Und bis 2011 war das auch undenkbar. Doch dann wurde Dietmar Woidke Brandenburgs starker Mann. Am Mittwoch soll er Ministerpräsident werden.

Wer ist Dietmar Woidke?
Wer ist Dietmar Woidke?Foto: dpa

Es hat ihn fast umgehauen. Viel fehlte nicht und er hätte dagestanden, tränenüberströmt, obwohl diesen langen Kerl von immerhin 1,96 Metern sonst so schnell nichts aus der Fassung bringt. Alle hätten es gesehen. Das war vor ein paar Tagen, im Festsaal einer Kaserne in Potsdam-Eiche, bei einer sehr märkischen Zeremonie. Eine Combo des Polizeiorchesters spielte einen Song von Karat. „Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehen.“ Vor ihm saßen 70 Herren in blauen Polizeiuniformen. Die Gesichter dem Ernst der Lage angemessen betrübt. Sie waren gekommen, den letzten Worten ihres Chefs zuzuhören, der, nun ja, geht. Nicht wie sein Vorgänger wegen einer Alimenten-Affäre zurücktreten muss. Sondern, um jetzt neuer Ministerpräsident Brandenburgs zu werden.

Tieftraurig. So war Dietmar Woidkes Gemütslage, als sich der 51-Jährige von den Polizeiführern der Mark verabschiedete. Drei Jahre war er Innenminister. Er muss ein guter gewesen sein, wenn nur die Hälfte der Lobeshymnen stimmt, die in Eiche gesungen wurden. Er hat die verkorkste Polizeireform korrigiert, auf die Fachleute gehört. „Das kannten wir so von keinem Ihrer Vorgänger“, sagte ein Spitzenbeamter.

Der Termin war Woidkes Wunsch gewesen. Mit Müh brachte er die Rede zu Ende, Augen feucht, Stimme brüchig: „Die Polizei ist mir ans Herz gewachsen.“ Es klang kitschig - sentimental. Wie es das schnell tun kann bei Menschen, die vor Gefühlen zurückschrecken und dann den Ton nicht finden, wenn sie es wollen. Aber da war auch nichts Gekünsteltes, Gespieltes. Man nahm ihm ab, dass er sich auf das Amt ganz eingelassen hatte, typisch für ihn. Dass er empfand, was er sagte. Und vielleicht hatte Woidke auf den Termin gedrängt, um diesen einen Satz zu sagen: „Ich bin in diese Situation gekommen nur durch euch, nur durch eure Arbeit!“

Die „Situation“ ist die, dass er Matthias Platzeck beerben muss, der nach einem Schlaganfall abtritt. Viel früher als geplant, mit 59, für Platzeck ein menschliches Drama, für das Land ein politisches. Der „Brandenburger“ geht, ein Jahr vor der nächsten Wahl tritt der charismatische Landesvater ab, den man für den Prototyp eines Brandenburgers hielt und der seiner SPD die Siege sicherte. Bisher. Der nach Klaus Wowereit dienstälteste Länderchef, vielleicht der letzte Ausnahmepolitiker aus dem Osten der Wendezeit. Dem man auch im Westen zuhörte. Der immer mehr als Brandenburg war, einst, als „Deichgraf“ bei der Oderflut 1997 bundesweit berühmt geworden, zwischendurch mal kurz SPD-Bundesvorsitzender war. Der sich auch auf dem diplomatischen Parkett sicher bewegte. Mit Angela Merkel befreundet ist. Es ist wahrlich eine Zäsur, eine Zeitenwende, die da stattfindet.

Nun folgt einer, der anders ist. Auf den ersten Blick, langweilig wirkt, etwas spröde daherkommt, unprätentiös. Den außerhalb Brandenburgs keiner kennt, im Lande nur jeder Zweite, so dass es erstmals eng werden könnte für die SPD, die seit 1990 alle Landtagswahlen gewann. Woidke selbst staunt vielleicht am meisten darüber, was ihm da widerfährt, was das alles mit sich bringt, und spricht es aus. „Man wird gleich anders angeschaut. Etwas komisch ist das schon.“

Als Platzeck den Rücktritt ankündigte, hat Woidke gebraucht, um den Schock zu verarbeiten, ehe er sich nun langsam auf das neue Amt zu freuen und einzulassen beginnt. Es war lange auch wirklich nicht vorherzusehen, dass er so weit kommen würde. Andererseits lief zuletzt alles auf ihn zu. Wenn er am Mittwoch im Landtag oben auf dem Brauhausberg in Potsdam vereidigt wird, ist das eine ganz normale Geschichte. Wie erzählt man eine ganz normale Geschichte?

Da ist einer, den alle als ehrliche Haut beschreiben, egal wen man fragt. Der das Handwerk früh lernte, als Amtsleiter, Stadtverordneter, im Kreistag, ein Jahrzehnt lang im Landtag, auf einer der hinteren Bänke wohlgemerkt. Er wurde Minister für Agrar und Umwelt, Chef der Landtagsfraktion, wieder Minister, jetzt für Inneres. Jeden Job erledigte er so gut er es vermochte. Aus Machtkämpfen, Ränkespielen, klassischen Parteiritualen hielt er sich raus. So machte er sich keine Feinde. Er wollte, was man ihm abnehmen darf, nie ganz nach oben. Vielleicht blieb er deshalb als Einziger übrig. Dieser Landwirtssohn aus der tiefsten märkischen Provinz, der einst aus der Enge der Weite aufgebrochen war, ohne je wirklich wegzugehen.

Die Gegend, die ihn prägt und nicht loslässt, ist die Lausitz. Ein karger Landstrich. Die Leute leben auch heute noch weitgehend von dem, was aus der Erdkrume wächst. Oder von der Braunkohle, die drunter liegt, und immer noch archaisch ausgegraben wird. Eineinhalb Autobahnstunden sind es von Potsdam bis nach Forst, wo der künftige Regierungschef mit seiner Familie weiter leben wird, seine Bodyguards nun nach einer Bleibe schauen, für die Nächte, in denen sich die Rückfahrt nicht mehr lohnt. Tiefer Süden der Mark. Fast Sachsen. Fast Polen, das gleich hinter der Neiße liegt. Einst eine stolze Stadt der Textilindustrie. Von der ist nur der von Fabrikanten 1913 gespendete „Rosengarten“ geblieben, sein Lieblingspark. „Es ist der Ort, wo in Forst Beziehungen beginnen und Beziehungen enden“, erzählt Woidke vor ein paar Tagen bei einem Rundgang. Ja, auch bei ihm und seiner Frau Susanne funkte es hier, seine zweite Ehe.

Und von hier aus, wo die märkische Welt fast zu Ende ist, geht es noch mal fünfzehn Autominuten weiter, vorbei an Wiesen und Weiden, Korn- und Maisfeldern, ehe man Naundorf erreicht. „Drei Bäume vor Moskau.“ Das sagt Woidke über das 123-Seelen-Nest, in dem er groß wurde. Eine Straße, gesäumt von Gehöften. Fast alle herausgeputzt, Feldsteinkirche, Feuerwache, zwei Kneipen, das war’s. Der Bus fährt drei Mal am Tag. Es ist ein Dorf, in dem die Mark noch urwüchsig in sich ruht wie zu Fontanes Zeiten.

So weit, „zweihundert, dreihundert Jahre“, wie Woidke sagt, reicht auch der Stammbaum der Familie zurück. Seine Eltern, einfache Leute, Bauern, religiös, bodenständig wie er. Hier wuchs er auf, geboren. Sie bekamen 1961 mit ihm einen Sohn, der früh Melken und Treckerfahren lernte. Als der Familienbetrieb samt Schweinen, Kühen, Gänsen in den 70ern in die LPG „Frohe Zukunft“ kollektiviert wurde, wurde sein Vater dort Schlosser, seine Mutter Hauptbuchhalterin. Immer das Beste draus machen, so gut es geht.

„Der Dietmar“, so erzählen die Leute, sei ein unauffälliger, strebsamer Junge gewesen. „Wir mussten ihn zum Fußball immer erst holen“, sagt Fred Lehmann, 54, der Wirt der „Bauernschänke“, von der er nicht leben kann, tagsüber Finanzdienstleistungen verkauft. Wie alle hier ist er stolz auf Woidke, der schon länger ein hohes Tier sei, „aber Mensch geblieben ist“. Seinen eigenen Kopf hatte der damals schon. Er ging zur Christenlehre, trug die Haare lang. Er flog einmal aus der Schule, weil eine USA-Fahne auf seinem T-Shirt prangte. Er kurvte mit dem Cross-Motorrad herum, liebte Rockmusik, möglichst hart und laut. Um die fremden Texte zu verstehen, hörte er sie wieder und wieder, übersetzte sie, um sie dann „wieder in deutscher Lautschrift“ für die Kumpels von den Forster „Rock’n Roll Rudis“ zu notieren, die kein Wort verstanden, aber die Songs spielen wollten. So hat Woidke, der heute keinen Übersetzer braucht, Englisch gelernt.

In der elften Klasse bestellte man ihn aufs Wehrkreiskommando, um ihn als Offizier für die NVA zu werben. Niemals, kam nicht infrage, auch nicht drei Jahre Wehrdienst, obwohl die Studienchancen gestiegen wären. Er verließ sich auf sein „Bauchgefühl“, so wie später auch. Also diente er 18 Monate bei einer Nachrichtentruppe in Cottbus. „Als Stabszeichner“, weil er der Einzige mit Abi war. Es ließ sich aushalten als „Salonsoldat“, ja, auch Glück gehörte dazu.

Freilich, in Honeckers Republik der begrenzten Möglichkeiten waren für einen unangepassten Individualisten wie ihn die Grenzen gesetzt. Studium? Maschinenbau oder Landwirtschaft. Klar, was er wählte. Er büffelte Agrarwissenschaften, Tierproduktion und Ernährungsphysiologie an der Berliner Humboldt-Uni, von 1982 an. Es war die DDR-Endzeit, in der das Vibrieren zunahm und die auch Woidke politisierte. Er engagierte sich in der evangelischen Studentengemeinde, in der Zionskirchgemeinde. Er war beim Mahntrommeln gegen das Massaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz dabei. Er besaß die Telefonnummer eines Mannes, den er noch nicht persönlich kannte. „Aber wir alle wussten, dass er im Notfall helfen konnte.“ Manfred Stolpe.

Auch in dieser Erfahrung liegt begründet, warum seine die Linie später klar war begründet, mit der er als Innenminister war, als ein vorging, als ein Stasi-Fall nach dem anderen bei der Polizei aufflog. Warum er gegen alle Widerstände und das Murren der Linken die Überprüfung aller Polizeichefs durchsetzte, das Stasi-Unterlagengesetz ändern ließ. Seitdem zollen ihm Roland Jahn und Ulrike Poppe größten Respekt, dem Unterschätzten aus Brandenburg. Dem Doktor Woidke.

Seit 1987 war er Assistent an der Uni, begann seine Promotion, Thema: „Zur Strohkonservierung mittels Harnstoff- Saccharose-Zusatz“. Es war ein Thesenpapier zur Mangelwirtschaft. Da das Getreide für den Menschen war, sollte für’s Tierfutter der Stroh-Nährwert erhöht werden. Als er so forschte, wie Stroh zu vergolden sei, hielt er im Garten der Agrar-Fakultät nahe der Invalidenstraße drei Schafe, mit Plastiktüten am Hintern. „Für die Verdaulichkeitsuntersuchungen“, wie er beim Rundgang in Forst erzählte, mit Witz, mit Sinn für die Pointe: „Ich war der letzte Schäfer in Berlin-Mitte.“

Dann fiel die Mauer. Er ging in den Westen, wie viele Landsleute. Während es Platzeck, knapp zehn Jahre älter als er, in die Politik spülte, in Volkskammer und Ministeramt, fing Woidke bei einer Futtermittelfirma in Bayern an. Er verdiente gut, kam in Europa rum. Drei Jahre später reichte er die Kündigung ein, weil das Klima in der Firma, und damit sein Seelenfriede nicht mehr stimmten.
So kam er zurück, wurde 1993 Agrar-Amtsleiter im Kreis, trat im gleichen Jahr in die SPD ein, der er schon lange nahestand, „trotz Oskar Lafontaines“. Als Vorbild nennt er Helmut Schmidt, dessen hanseatische Art er schätzt. Matthias Platzeck nennt übrigens Johannes Rau. Die Kopf-Sozis und die Gefühls-Sozis.

Dass Woidke überhaupt in die Politik kam, schreibt sich Egon Rattei zu, 70, ein Freund aus Naundorf. Er war Chef der Agrargenossenschaft Forst, und der Anführer der Bauern in der Gegend. Es nahte die Kreisreform, bei der vier Verwaltungen zu einer zusammengelegt würden. Woidke gerade zurück, war ohne Chance auf den einzigen Amtsleiterposten. „Da haben wir Bauern überlegt: Was machen wir mit dem Dietmar?“ Dem Studierten vom Fach. „Wir fanden, dass er in den Landtag sollte.“

So sagte es Rattei in eine Fernsehkamera, als er vor ein paar Tagen auf dem Hof der Agrargenossenschaft stand, hinter ihm Kühe, trächtige Kühe, die raus durften aus dem großen Stall zur „Schwangerengymnastik“, wie er sagte. – Sie haben ihn als Lobbyist in den Landtag geschickt? – „Ja, na klar!“

Wie auch immer, bei der Landtagswahl 1994 holte Woidke den Direktwahlkreis, mit einem SPD-Traumergebnis, im sonst schwarzen Süden. Es dauerte zehn Jahre, bis ihn Platzeck zum Agrar- und Umweltminister machen sollte, zu einem, der fortan auch auf den Dorffesten zu Hause war. Es waren Lehrjahre für Woidke. Bei Naturschützern war er nicht gelitten. Die Forstreform, mit der Waldarbeiter und Förster eingespart werden sollten, packte er halbherzig an, so dass sie heute noch nicht abgeschlossen ist. Er saß im Kabinett, und war weit weg. Zum Potsdamer Küchenkabinett nämlich, mit dem Platzeck wirklich regierte, gehörte er nie. Mit Rainer Speer, dem Rotzigen, mit Generalsekretär Klaus Ness, der nun die Fraktion führen soll, war er in gegenseitiger Abneigung verbunden. Es waren auch kulturelle Welten, die aufeinanderprallten.

Als Platzeck im Herbst 2009 bei der rot-roten Regierungsbildung Woidke nicht wieder zum Minister machte, wegen der Frauenquote, da knallte Rattei ihm 3500 Protest-Unterschriften auf den Tisch. „Matthias, so nicht! Nicht mit unserem Dietmar!“ Platzeck blieb hart. Vergessen hat er den Aufstand nie. Und es imponierte ihm, wie sich Woidke nach einer Bedenkzeit einreihte, als Chef der Landtagsfraktion, bis ein Jahr später mit Speers Rücktritt seine Stunde kam. Das Innenministerium, seine Ministerpräsidentenschule. Als er antrat, war der Unmut groß, in der Polizei, in der Bevölkerung, jede zweite Wache sollte schließen. Die Brandenburger fragten sich, wie sicher sie dann noch seien. Es überraschte alle, wie er sich hineinkniete, durchs Land fuhr, zuhörte, erklärte, korrigierte und nachbesserte, an Statur gewann. In dieser Zeit hat Platzeck der wie Manfred Stolpe einst so etwas nicht dem Zufall überlässt, Woidke darauf vorbereitet, dass er sich bitte auf mehr einstellen möge, für den Fall der Fälle. Das war im Frühjahr 2011, in der Babelsberger Eckkneipe „Waisenhaus“. Sein Gegenüber gab wenig darauf.

Und nun? Was kann man von Dietmar Woidke erwarten, der in mancher Hinsicht Platzeck ähnelt, alte Schule, kirchlich gebunden, konservativ, auch in der offenen neugierigen Art, auf Leute zuzugehen? Im Unterschied zu Platzeck, dem bürgerlichen Arztsohn aus Potsdam, mit dem die SPD wegen dessen grünen Anfängen Stallgeruchs lange fremdelte, der bei Vorstandswahlen durchfiel, muss Woidke nicht erst zum Brandenburger werden. Noch ist es zu früh. Noch ist Woidke selbst nicht so weit. Ein Ja zu einem Fusionsanlauf darf man getrost ausschließen. Bei zwei Reizthemen hat er sich festgelegt, der Braunkohle, von der er hofft, dass sie „einige Jahrzehnte“ unverzichtbar bleibe. Beim Pannen-Flughafen, wo er als Unwissender nicht in den Aufsichtsklub der Halbwissenden geht. Und wenn er das, was er bei der Polizei erprobte, nun etwa im Bildungswesen anfängt, zuerst Ende der Jubelpropaganda, – ehrliches Eingeständnis der Defizite, dann systematisches Anpacken, dann werden sich einige umgucken.

Jürgen Goldschmidt, Bürgermeister von Forst, mit dem er einst das Abi machte, formuliert es so: „Der Politikstil von Matthias Platzeck war angenehm. Ich denke, der von Dietmar Woidke wird verbindlicher sein.“ Nämlich ein Ministerpräsident, der wieder die erste Silbe betont. Brandenburg ist ein Land, das sich schwer erschüttern lässt. In Spremberg steht Woidke auf dem Marktplatz, keine sechs Tage ist es her, seit die Kunde die Dörfer erreicht hat, dass er der Neue sein soll. Und doch wird er auf der Bühne schon als „Landesvater“ angekündigt. Er schmettert aus voller Kehle die Brandenburg-Hymne, wie immer dabei wackelt er vergnügt mit dem Kopf hin und her. Dann spricht Klaus-Peter Schulze, Sprembergs Bürgermeister, der für die CDU in den Bundestag will. Er dankt dem „lieben Dietmar“, der immer „ein zuverlässiger Partner“ gewesen sei. „Wir hier in der Peripherie, und das betrifft auch die Kollegen in der Prignitz und in der Uckermark“, sagt Schulze, „wir sind froh, dass der künftige Ministerpräsident nicht aus der Mitte des Landes, sondern aus der Randlage kommt und die Probleme hier kennt.“ Und die Leute klatschten und nickten. Zeitenwenden in Brandenburg.

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