Brandenburg : Piloten: Flugrouten am BER zu riskant

Der Pilotenverband Cockpit findet: „Lärmschutz darf beim Fliegen nicht vor Sicherheit stehen“

Annette Kögel Alexander fröhlich
Sicherheitsfaktor. Piloten wollen nach dem Start erst einmal möglichst schnell im Geradeausflug Höhe machen.
Sicherheitsfaktor. Piloten wollen nach dem Start erst einmal möglichst schnell im Geradeausflug Höhe machen.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Schönefeld - Wieder alles neu bei den Flugrouten am BER: Die Behörden sollen jetzt dringend überprüfen, ob die Hoffmannkurve für Piloten, Passagiere und die Anwohner des künftigen Hauptstadtflughafens ein Sicherheitsrisiko ist – dies fordern jetzt Verkehrsexperten. Die Politik reagierte damit auf Recherchen dieser Zeitung, nach denen der Verband der Verkehrspiloten erhebliche Sicherheitsbedenken gegenüber dem von Piloten „Stuntkurve“ genannten Manöver geäußert hatte. Wenn die Flugkapitäne mit voll besetzten Maschinen Sekunden nach dem Start auf nur 182 Meter Höhe eine lange 145-Grad-Kurve einlenken müssten, „reduziert dies die Sicherheit ohne Not“, warnte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg.

Der Verband der Verkehrspiloten in Deutschland hatte von der neuen Flugroute „Hoffmannkurve“ erst infolge der Recherchen dieser Zeitung erfahren. Bislang waren die Piloten angesichts des Verlaufs der Flugrouten-Lärmdebatte um den BER nicht von einer so radikalen „Stuntkurve“ als Lösung ausgegangen. Man sei nie in die Fachdebatte eingebunden gewesen. Später vorgetragene Bedenken würden die Argumente deshalb aber nicht in ihrer Bedeutung mindern, hieß es bei Cockpit. Die neuen Abflugrouten würden nämlich Passagiere und Crew unnötig in Gefahr bringen. „Es ist schlecht, wenn wir in sehr niedriger Höhe Kurven fliegen müssen. Das erhöht das Sicherheitsrisiko. Man braucht erheblich mehr Aufmerksamkeit als bei konventionellen Starts, die erst einmal ein Stück geradeaus verlaufen“, sagte der Sprecher der Vereinigung Cockpit, Jörg Handwerg, dieser Zeitung. „Lärmschutz darf beim Fliegen nicht vor Sicherheit stehen.“

Der Bürgermeister von Königs Wusterhausen, Lutz Franzke (SPD), sagte, in der Fluglärmkommission habe die Flugsicherung die Hoffmannkurve als Vorschlag vorgelegt. „Eine flugtechnische Abwägung ist nicht gemacht worden“, sagte Franzke, der Mitglied der Kommission ist. Die Kurve sei lediglich per Flugsimulation theoretisch getestet und zur Lärmbelastung geprüft worden. „Die Route klang erst einmal frappierend einfach. In der Tiefe ist das nach meiner Wahrnehmung aber noch nie beraten worden.“ Es habe lediglich die Aussage gegeben, dass die Route – vor Ort im Volksmund auch „Fleischerhakenkurve“ genannt – technisch möglich sei. Die Doppelkurve sei „ein Doppelschwenk unter Volllast. Die Maschinen müssen schnell an Höhe gewinnen. Ich kann mir vorstellen, dass Piloten damit ein Problem haben.“ Aber angesichts der schwierigen Lage in der Fluglärmkommission mit verschiedenen Gemeinden, ihren unterschiedlichen Interessen und langwieriger Kompromisssuche „schafft man sich damit kein Gehör“.

Der Pilotenverband will die beschlossenen Hoffmannkurven nach Osten und die vorgeschlagene nach Westen nun kritisch diskutieren. Außerdem soll geprüft werden, ob die zuständigen Behörden vor dem Beschluss eine Risikoanalyse durchgeführt haben. Die Flugsicherungsbehörde wies die Bedenken zurück. Die Kurve sei „anspruchsvoll“ zu fliegen, aber technisch problemlos machbar. Sie entspreche den Gesetzesvorgaben. Der Pilotenverband dagegen kritisierte, die Flugroutendebatte sei eine „politische“ und sie fände „unter großem gesellschaftlichem Druck“ statt. Der Verband sei – anders als beim Flughafen Frankfurt – nicht eingebunden gewesen. „Da werden unsere Argumente nicht gern gehört. Man will leider lieber rasch Ruhe haben.“

Entsprechend der neuen Route sollen die Piloten künftig bei Starts von der Südbahn des BER in Richtung Osten bereits Sekunden nach dem Start eine lang gezogene Rechtskurve über 145 Grad einleiten. Dafür müssten sie noch über der Startbahn auf 600 Fuß steigen – das ist mit rund 180 Metern etwa die halbe Höhe des Fernsehturms. Nach wenigen Kilometern müssten sie dann eine Linkskurve fliegen.

Warum das ein Problem ist, erklärt der Pilotensprecher: „Kurven sind einfach fehleranfälliger, deswegen fliegt man sie aus gutem Grund meist erst ab 1000 Fuß Höhe.“ Das Flugverfahren in geringer Höhe sei nicht sinnvoll, „weil es mentale Kapazitäten bindet und die Komplexität deutlich erhöht, wenn mal ein unerwünschtes Ereignis eintritt, wie Vogelschlag, Triebwerks- oder Hydraulikprobleme oder andere schwere Fehler. Wir haben allein in Deutschland im Jahr 1000 Vogelschläge.“ Auch bei Triebwerksausfällen bräuchten Piloten ein größtmögliches Sicherheitspolster. Deswegen wollten Piloten nach dem Start erst einmal möglichst schnell im Geradeausflug Höhe machen.

Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung wies Sicherheitsbedenken zurück. Man habe die Kurve im Flugsimulator auch unter widrigen Wetterbedingungen getestet und alles mit Chefpiloten diskutiert. Die Hoffmannkurve am BER geht zurück auf die Initiative des Privatpiloten Marcel Hoffmann aus Eichwalde, der der Fluglärmkommission das schnelle Abkurven zum Schutz der vom Lärm betroffenen Gemeinden vorgeschlagen hatte. Hoffmann sagte, er habe die Routen in Absprache mit Verkehrspiloten, mit Fluglotsen und Kartenexperten entwickelt. „Und ich gehe davon aus, dass die Behörden erst recht besonders genau prüfen, wenn jemand von außen einen Vorschlag äußert.“

Der SPD-Verkehrsexperte im Berliner Abgeordnetenhaus, Ole Kreins, sagte: „Flugrouten sind nur vorläufig, und diese muss untersucht werden.“ Wenn die Piloten warnen, dass keiner freiwillig so tief so lange Kurven fliege, weil man bei Vogelschlag oder Triebwerksausfall mitten im Manöver mit Drehmoment nicht so effektiv reagieren könne wie beim Geradeaussteigflug, müsse man darauf hören. Dem schloss sich Oliver Friederici (CDU) an: „Sicherheitsbedenken müssen die Behörden eingehend prüfen.“ BER-Experte Martin Delius (Piraten) bezweifelt, dass ein Kurvenflug, bei dem man wegen geringeren Auftriebs mehr Schub geben muss, Lärm senke. Harald Moritz (Grüne) fordert völlig neue Routenverfahren: „Piloten müssen eingebunden werden.“

Allerdings ist die Hoffmannkurve nicht in Stein gemeißelt. Franzke erwartet die Ergebnisse einer Unterarbeitsgruppe der Fluglärmkommission, die Parallelstarts am BER prüfen und im Frühjahr Vorschläge vorlegen soll. Sollten Parallelstarts möglich sein, könnten die Flugzeuge länger geradeaus fliegen. „Große Teile der Hoffmannkurve wären dann entbehrlich und wir wären dichter an dem, was uns früher mit dem Planfeststellungsbeschluss versprochen wurde", sagte Franzke. Überdies klage seine Stadt auch gegen die neuen Routenvorschläge.

Auslöser für die Debatte waren 2010 veröffentliche Flugrouten, die entgegen den Vorgaben aus dem Planfeststellungsbeschluss und den Erwartungen in der Region nicht mehr geradeaus verliefen. Wegen des Parallelbetriebs der beiden Startbahnen ist nach Vorgabe der Flugsicherung ein Winkel von 15 Grad zwischen den Routen nötig. Seither läuft die Kompromisssuche um mit neuen Routen die Lärmbelastung für Städte und Gemeinden im Süden Berlins gering zu halten.

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