• Nahverkehr in Berlin und Brandenburg: „Schildbürgerstreich“ für Pendler

Nahverkehr in Berlin und Brandenburg : „Schildbürgerstreich“ für Pendler

Ein Experte zerpflückt die Nahverkehrspläne für die Region Brandenburg-Berlin - im Auftrag der CDU im Potsdamer Landtag. Die Hälfte der Verbindungen bezeichnet er als „suboptimal".

Potsdam - Eigentlich soll es für die geplagten Pendler der Hauptstadtregion ab 2023 den Durchbruch bringen: Doch nun geraten die Pläne von Verkehrsverbund (VBB) und den Landesregierungen von Berlin und Brandenburg für das Netz „Elbe-Spree“ in die Kritik, für das aktuell die Ausschreibung für die Jahre 2023 bis 2034 läuft. Es geht um die wichtigsten Verbindungen zwischen Berlin und dem Umland, 17 Regionalexpress- und Regionalbahnlinien, darunter auch den heute meist rappelvollen RE1 zwischen Magdeburg über Berlin nach Frankfurt (Oder), insgesamt um zwei Drittel des Regionalverkehrs.

„Etwa die Hälfte der Verbindungen bleibt suboptimal“, warnte der Nahverkehrsexperte Hans Leister am Dienstag in Potsdam auf einer Pressekonferenz der CDU-Landtagsfraktion. Für die hatte der 65-Jährige, der früher Regionalchef der Deutschen Bahn und Geschäftsführer privater Bahnunternehmen war und heute als Berater tätig ist, 2017 bereits ein beachtetes Bahnkonzept für die Hauptstadtregion entwickelt. Nun nahm er für die CDU die laufende Ausschreibung für das Netz „Elbe-Spree“ unter die Lupe – und übersetzte die komplizierten Takttabellen in den zu erwartenden „Pendlerfahrplan 2023 bis 2034“. Es werde „mehr Züge und mehr Platz“ geben, sagte Leister. Er präsentierte zugleich aber eine konkrete Mängelliste: So sollen künftig zwar mehr Züge zwischen Cottbus und Berlin fahren, „doch die Fahrtzeit wird elf Minuten länger als heute“, obwohl diese Strecke gerade für 160 Stundenkilometer ausgebaut wird. „Ein Schildbürgerstreich“, sagt der CDU-Verkehrsexperte Rainer Genilke.

Vom Uni-Campus in Golm soll künftig einmal stündlich ein Zug nach Berlin fahren

Ein anderes Beispiel ist Golm mit dem Uni-Campus: Künftig soll von dort in der Stoßzeit stündlich nur ein Direktzug (heute sind es zwei) nach Berlin fahren. „Auf den werden sich die Studenten stürzen“, so Leister. Zwischen Potsdam und Berlin seien zwar künftig vier Regionalzüge (RE und RB) pro Stunde geplant, „wie heute“. Und zwischen Nauen, dem rasant wachsenden Falkensee und Berlin sollen ab 2023 zwar pro Stunde vier Züge fahren. „Auf der Karte sieht das gut aus“, sagte er. „Aber drei Züge fahren kurz hintereinander, dann kommt lange nichts. Der vierte Zug wird überfüllt sein.“ Auch auf der Strecke zwischen Bad Belzig und Berlin – bisher fährt ein Regio pro Stunde direkt nach Mitte – wird es nicht unbedingt besser. Künftig sollen zwar zwei Züge fahren, aber davon nur einer – mit weniger Sitzplätzen als heute – bis Mitte, während der andere in Wannsee ende. „Dabei könnte man den auch bis Charlottenburg fahren lassen, wo neun Minuten später ohnehin ein Regio nach Cottbus abfahren soll.“ Mit einer durchgehenden Verbindung von Bad Belzig über Berlin bis Cottbus könne man das ändern und dabei noch einen Zug sparen. Wegen der Mängelliste fordert die CDU die Ausschreibung des Netzes „Elbe-Spree“ zu stoppen und zu überarbeiten.

Die geplante Linie Potsdam – Wustermark – Spandau – Gesundbrunnen soll an den beiden gewohnten Bahnhöfen Wustermark und Elstal im Havelland vorbeifahren, am Outlet Center halten und durch den Rabgierbahnhof schleichen, wie es die CDU beschreibt. Gegen die Pläne protestiert wie berichtet eine Bürgerinitiative „Pro Wustermark“ Ihr Vorschlag, um Wustermark künftig nicht links liegen zu lassen: Die Züge der RB 21 könnten wie bisher von Potsdam kommend nach Wustermark fahren, dort die Fahrtrichtung wechseln und weiter nach Berlin fahren.

Grundlage für das Vergabeverfahren eines Großteils des regionalen Bahnnetzes sei der Landesnahverkehrsplan, der aber noch gar nicht endgültig abgestimmt sei, kritisierte CDU-Fraktionschef Ingo Senftleben. Mit Blick auf fehlende aktuelle Fahrgastzahlen sagte er: „Wir planen offensichtlich mal wieder an den Realitäten vorbei.“ Genilke ergänzte: „Wir bestellen im Grunde die Stehplätze von morgen.“ Nötig sei eine zukunftssichere Planung. (mit dpa)

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