• Nach dem Jahrhunderthochwasser: Frieden am „Bösen Ort“

Nach dem Jahrhunderthochwasser : Frieden am „Bösen Ort“

In Lenzen wurde der Elbe mit Deutschlands größtem Renaturierungsprojekt mehr Raum gegeben.

Lenzen -  Friedlich fließt die Elbe in der Prignitz im Nordwesten Brandenburgs dahin. Schafe halten auf den Deichen das Gras kurz, in einiger Entfernung tollen Pferde umher. So idyllisch
sich die Natur in der Lenzener Elbtalaue präsentiert, so gewaltig zeigte sie hier vor zehn Jahren ihre andere Seite - beim Jahrhunderthochwasser von 2002. Auf 7,34 Meter stieg der Elbpegel in Wittenberge. Das Wasser kletterte bis neun Zentimeter unter die Deichkronen. Eine Katastrophe wie in Sachsen konnte nur deshalb verhindert werden, weil weiter südlich Polder der Havel geflutet wurden, die 31 Millionen Kubikmeter Wasser aufnahmen.

Der Elbpegel fiel und flussabwärts in der Prignitz atmeten die Menschen auf - vor allem am „Bösen Ort“ bei Lenzen, wo Bundeswehrsoldaten und freiwillige Helfer rund eine Million
Sandsäcke auf den aufgeweichten Deich geschleppt hatten. Weil der Verlauf der Elbe hier eine fast rechtwinklige Kurve nimmt, prallten die Wassermassen mit voller Wucht auf den Deich und machten ihn weich wie Wackelpudding. 37 Dörfer sollten geräumt werden, mehr als 3.000 Einwohner waren hin- und hergerissen, ob sie bleiben oder der
Aufforderung zur Evakuierung folgen sollten.

„Damals hätte der 'Böse Ort' seinem Namen beinahe alle Ehre gemacht“, sagt Lenzens Bürgermeister Christian Steinkopf (CDU) rückblickend. Heute ist der neuralgische Punkt entschärft. Zwar macht die Elbe weiterhin einen scharfen Knick, doch hat sie jetzt mehr Platz, sollte sie über die Ufer treten. Denn in einem bislang deutschlandweit einmaligen Projekt wurde der Deich um 1,3 Kilometer ins Landesinnere zurückverlegt. Der alte Deich blieb erhalten und bildet nunmehr mit dem neuen, 7,1 Kilometer langen Schutzwall den
Rahmen für einen 420 Hektar großen Überflutungsraum. Auf der Fläche beginnt sich wieder eine Flussaue mit Auwäldern zu entwickeln.

Für Naturschützer ist das Renaturierungsprojekt ein Riesenerfolg. Schon vor 100 Jahren wurde überlegt, den Deich vom Fluss weg weiter ins Land zu verlegen. Seit der Wende kämpften Umweltaktivisten um die Idee. Sie argumentierten seinerzeit, dass Lenzen prädestiniert dafür sei: Denn dadurch konnten die Wissenschaftler des Europäischen Zentrums für Auenökologie direkt vor der Tür forschen. Das Vogelparadies in der Lenzener Elbtalaue wurde vergrößert und die Gefahren am „Bösen Ort“ gebannt.

Das Projekt der Deichrückverlegung kostete 15 Millionen Euro. „Über die Jahre soll im Zusammenspiel von Elbwasser, Vegetation und Tieren ein Auenwald mit Weiden, Ulmen und Eichen und einer halb offenen Landschaft wachsen“, sagt die Biologin Birgit Felinks, die das Renaturierungsprojekt leitet. Im Ernstfall würde das Überflutungsgebiet die 3.800 Einwohner in Lenzen und den umliegenden Dörfern schützen. Bürgermeister Steinkopf teilt die Euphorie nicht ganz. „Das ist doch nur ein Klacks und hilft an anderer Stelle nicht viel, wenn das Hochwasser kommt“, befindet der 65-Jährige.

Nach einer Expertise des Präsidenten des Brandenburger Landesumweltamtes, Matthias Freude, sind der Elbe in den vergangenen 300 Jahren durch Besiedlung, landwirtschaftliche Nutzung und Eindeichung 83,8 Prozent ihrer ursprünglichen Flussaue genommen worden. Heute ist es Freude zufolge sehr mühsam, den Menschen zu erklären, weshalb die zum Schutz gebauten Deiche zurückverlegt werden und bei Hochwasser mehr - zum Teil auch besiedelte und landwirtschaftlich genutzte - Flächen überflutet werden sollen.

Ein Modell im Besucherzentrum des UNESCO Biosphärenreservates Flusslandschaft Elbe auf der Burg Lenzen illustriert auf einfache Weise, wie der Hochwasserschutz funktioniert. Steigt der Elbpegel, wird das Wasser durch Schlitze in dem alten Deich in die Flussaue geführt. Dass es die Höhe des neuen Deiches übersteigt, gilt als unwahrscheinlich. Zumindest beim kritischen Elb-Hochwasser vor zwei Jahren „sind wir nicht ins Schwitzen gekommen“, sagt Lenzens Amtsdirektor Axel Wilser.

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