• „Mutter Courage des Ostens“: „Weichgespülte Sprechblasen waren ihr ein Gräuel“

„Mutter Courage des Ostens“ : „Weichgespülte Sprechblasen waren ihr ein Gräuel“

Vor zehn Jahren, am 26. November, starb die ehemalige brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt.

Yvonne Jennerjahn

Potsdam/Berlin - Zahlreiche Sozialeinrichtungen, Schulen und Straßen tragen inzwischen ihren Namen. Die SPD und andere haben Auszeichnungen nach ihr benannt. Als „Mutter Courage des Ostens“ ist die ehemalige brandenburgische Sozialministerin mit dem wenig diplomatischen Berliner Jargon bekannt geworden. Vor zehn Jahren, am 26. November 2001, ist Regine Hildebrandt an Krebs gestorben.

 „Beruf, Familie, Freunde, Domkantorei“ hat die promovierte Biologin aus der DDR einmal als Säulen ihres Lebens bezeichnet. Regine Hildebrandt wurde am 26. April 1941 in Berlin-Mitte geboren. Bis zum Mauerbau 1961 hat sie an der Bernauer Straße im Grenzgebiet zu West-Berlin gelebt. Die Junge Gemeinde der evangelischen Kirche war ihre Heimat, Junge Pioniere und FDJ lehnte sie ab.

Nach dem Abitur 1959 durfte sie dennoch ein Studium an der Ost-Berliner Humboldt-Universität beginnen. Fünf Jahre später ging es in die Produktion, Regine Hildebrandt wurde stellvertretende Leiterin der pharmakologischen Abteilung des VEB Berlin-Chemie. 1968 folgte eine Promotion über „phenylsubstituierte Carbaminsäureester“, später hatte sie eine Führungsposition in der Zentralstelle für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten inne.

1989 begann auch Regine Hildebrandt, sich in der DDR-Opposition zu engagieren und beteiligte sich an der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“. Nach Gründung der Ost-SPD im Herbst trat sie der neuen sozialdemokratischen Partei bei, wurde bei den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 ins DDR-Parlament gewählt und war von April bis August Sozialministerin im Kabinett von Lothar de Maizière (CDU).

Im Herbst 1990 wurde Regine Hildebrandt nach der Wiedervereinigung in den SPD-Bundesvorstand und den brandenburgischen Landtag gewählt, im November wurde sie in Potsdam Sozialministerin. Mit respektloser „Berliner Schnauze“ und unerschöpflicher Energie stritt die resolute Frau dort für Arbeitsplätze im Osten, die Förderung berufstätiger Frauen, den Erhalt von Kindergartenplätzen.

 „Weichgespülte Sprechblasen waren ihr ein Gräuel“, charakterisierte sie Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck
(SPD) am Sonntag in einer Videobotschaft. „Regine konnte so direkt sein, weil ihr innerer Kompass unanfechtbar war.“ Damit avancierte
die Sozialdemokratin zur beliebtesten Politikerin Ostdeutschlands, auch wenn ihr unbürokratischer Umgang mit Haushaltsmitteln sogar
schließlich die Potsdamer Staatsanwaltschaft beschäftigte.

Dass sie an der hohen Arbeitslosigkeit der 90er Jahre nicht viel ändern konnte, hat Regine Hildebrandt sehr geärgert. Aber als persönlichen Misserfolg hat sie es nicht gesehen. „Unter so bescheuerten Bedingungen arbeite ich schon die ganze Zeit, die ich als Ministerin tätig bin“, hat sie dazu forsch in einem Interview
gesagt. Der Gang in die Politik sei nicht die „Erfüllung eines sehnlichen Wunsches“ gewesen, sondern „Einsicht in die Notwendigkeit“, so hat sie es gesehen. „Man kann nicht 40 Jahre lang meckern, und dann hat man zufällig gerade keine Zeit.“

1996 wurde ihre Brustkrebs-Erkrankung bekannt. Trotz Chemotherapie und Operation arbeitete Hildebrandt ohne große Unterbrechungen weiter. Erst die Entscheidung der brandenburgischen SPD für eine Koalition mit der CDU brachte 1999 das landespolitische Aus. Regine Hildebrandt wollte nach dem Verlust der absoluten SPD-Mehrheit lieber mit der PDS regieren - legte ihr Mandat nieder und schied aus dem Kabinett aus. Zehn Jahre später regiert in Brandenburg Rot-Rot.

Ihr letztes Engagement galt Sterbenden und todkranken Menschen, sie setzte sich für die Hospizbewegung, aber auch für aktive Sterbehilfe ein. „Mutmacherin für die Ostdeutschen“ hat Brandenburgs damaliger Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) seine volksnahe Ex-Ministerin im Frühjahr 2001 bei der postumen Verleihung des Bundesverdienstkreuzes genannt. Als Stimme „vieler, die sich unverstanden und mitunter ohnmächtig fühlen“, hat sie der damalige
Bundespräsident Johannes Rau gewürdigt.

Wenige Tage vor ihrem Tod am 26. November 2001 wurde Regine Hildebrandt noch einmal in den SPD-Bundesvorstand gewählt. An ihrem Todestag am kommenden Samstag wird in Berlin wieder ein Preis verliehen, der ihren Namen trägt: Die SPD zeichnet zum zehnten Mal Initiativen für ihr bürgerschaftliches Engagement mit dem Regine-Hildebrandt-Preis aus. Die mit 20.000 Euro dotierte Preis geht in diesem Jahr in die brandenburgische Uckermark und nach
Mecklenburg-Vorpommern.

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