Lkw sollen sicherer werden : Notbremsung per Computer

Nach schweren Lkw-Unfällen fordert die Dekra mehr verpflichtende Sicherheitstechnik für Laster.

Potsdam - Ein Januarnachmittag, kurz nach 16 Uhr. Das Mädchen hält mit seinem Rad an einer roten Ampel. Neben ihr ein Lkw. Als die Ampel Grün zeigt, fahren beide los. Die Zehnjährige will über die Kreuzung geradeaus, der Laster biegt rechts ab. Dabei übersieht der Fahrer das Kind, überrollt es beim Abbiegen. Das Mädchen erliegt wenig später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Der tödliche Lkw-Unfall Anfang des Jahres in Brandenburg/Havel hat viele schockiert und eine Debatte über Sicherheitstechnik an Bord von Lastern entfacht. Nach dem „schwarzen Mittwoch“ am 4. April, als bei vier Unfällen vier Menschen auf Brandenburgs Straßen starben, wurde der Ruf nach obligatorischem Einbau von Abbiege- und Notbremsassistenten in Lkw lauter. Nun fordert auch die Prüfgesellschaft Dekra mehr Engagement von Politik und Wirtschaft, um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen.

Der elektronische Abbiegeassistent, der auf Radler aufmerksam macht, müsse für alle Nutzfahrzeuge zur gesetzlich vorgeschrieben Ausstattung gehören, sagte der Potsdamer Dekra-Niederlassungsleiter Dirk Benndorf am Dienstag bei der Vorstellung des Verkehrssicherheitsreports 2018, der sich diesmal schwerpunktmäßig dem Güterverkehr widmet.

„Es wirkt eine zerstörerische Kraft, wenn ein Fahrzeug mit 40 Tonnen auf ein anderes auffährt“

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will den Einbau dieser technischen Systeme bei Lastwagen in Deutschland beschleunigen – dies geschieht aber zunächst auf freiwilliger Basis der Speditionen und Logistikunternehmen. Die Länder Brandenburg, Berlin, Bremen, Hessen und Thüringen fordern eine EU-weit verpflichtende Ausrüstung von Lkws mit Abbiege-Assistenten. Für ältere Fahrzeuge ab 7,5 Tonnen soll es eine Nachrüstpflicht geben. Eine Forderung, die die Brandenburger Dekra-Experten unterstützen.

Brandenburg sei als Transitland besonders von einer Zunahme des Güterverkehrs belastet, erläuterte Benndorf. Deutschlandweit werde in den kommenden Jahren mit einem Anstieg des Güterverkehrs um 35 bis 40 Prozent gerechnet – auch weil Kunden zunehmend im Internet bestellten und per Transporter viele Pakete von A nach B gefahren würden. Entsprechend ist auch die Zahl der Lkw-Unfälle in Brandenburg gestiegen. Während sich im Stadtverkehr schlimme Lkw-Unfälle mit Radfahrern wie jener in Brandenburg/Havel häufen, sind auf den Autobahnen vor allem Auffahrunfälle ein Problem.

Mit per Videoanimation nachgestellten Unfällen zeigen die Dekra-Experten, wie massiv Crashs mit Schwertransportern sind: Ein Lkw fährt mit hoher Geschwindigkeit auf einen Pkw auf, schiebt das Auto auf einen Bus und zerquetscht es regelrecht. „Es wirkt eine zerstörerische Kraft, wenn ein Fahrzeug mit 40 Tonnen auf ein anderes auffährt“, erläutert Jens-Peter Schultze, Dekra-Niederlassungsleiter in Oranienburg. Der eingequetschte Autofahrer habe null Überlebenschancen. In diesem Jahr starben nach Angaben des Potsdamer Polizeipräsidiums bereits 17 Menschen bei Lkw-Unfällen auf Brandenburgs Straßen, mehrmals waren es Auffahrunfälle wie der beschriebene, die Menschen das Leben kosteten. Für mehr Sicherheit fordert die Dekra deshalb: Vom Fahrer aus bestimmten Gründen kurz abgeschaltete Notbremsassistenten müssten sich nach wenigen Sekunden automatisch wieder einschalten.

Akustische Warnsignale sollen Lkw in der Spur halten

Bei Baumunfällen – in Brandenburg starben im Vorjahr 51 Menschen durch einen Crash mit Alleebäumen – könne ein Spurhalteassistent helfen, der den unaufmerksamen Fahrer akustisch oder durch ein vibrierendes Lenkrad ermahnt, nicht vom Weg abzukommen.

Die Technik des autonomen Fahrens, speziell das sogenannte Platooning, biete ebenfalls Potenzial, um die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen, ist Benndorf überzeugt. Unter Platooning versteht man computergesteuertes Fahren in Kolonnen. Mehrere Lkw fahren mit Hilfe eines technischen Steuerungssystems in sehr geringem Abstand hintereinander, mit nur einem Fahrer im ersten Wagen. Unternehmen wie Daimler testen diese Technologie bereits. Die Dekra will aus der ehemaligen Rennstrecke Lausitzring ein Testzentrum für die Technologie des autonomen Fahrens machen.

Aber die Technik allein könne es nicht richten, betonte Benndorf. Auch Berufskraftfahrer müssten noch mehr dafür sensibilisiert werden, wie hoch die Gefahr durch Ablenkung am Steuer ist – etwa durch Daddeln auf dem Smartphone.

Brandenburgs Verkehrspolizei hatte vergangene Woche moniert, dass Speditionen die Kontrollgeräte an Bord, die Ruhezeiten aufzeichnen, manipulieren. Dagegen, sagt Benndorf, helfe auch die beste Technik nichts: „Wo kriminelle Energie herrscht, da kommen wir nicht weiter.“

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Hintergrund: Mehr Lkw-Unfälle

14 164 Lkw-Unfälle gab es im Vorjahr nach Angaben der Polizei in Brandenburg – ein Anstieg um 11,4 Prozent. 1421 Menschen wurden verletzt, 39 getötet. Nach Zahlen des Polizeipräsidiums wurden bis Anfang Juni 2018 bereits 4638 Lkw-Unfälle verzeichnet, für die die Fahrer der Transporter selbst verantwortlich sind, das sind zwei Drittel aller Lkw-Unfälle. In diesem Jahr starben bereits 17 Menschen bei von Lkw verursachten Unfällen in Brandenburg, im Vorjahreszeitraum waren es neun.

Im vergangenen Jahr starben bei Verkehrsunfällen insgesamt in Brandenburg bezogen auf die Einwohnerzahl im Ländervergleich die meisten Menschen, nämlich 148. 

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