Linke fordert Stipendium : Lockstoff für Landlehrer

Die Linke im Brandenburger Landtag will Pädagogikstudenten 500 Euro im Monat zahlen. Als Gegenleistung sollen sie später in der Peripherie unterrichten. Doch ob das funktioniert, ist fraglich.

Verzweifelt gesucht. Während es in Brandenburg rund um Berlin wie hier an der Potsdamer Regenbogenschule oft sogar mehr Bewerber als freie Lehrerstellen gibt, sind Pädagogen nur schwer für die ländlichen Gebiete der Mark zu begeistern.
Verzweifelt gesucht. Während es in Brandenburg rund um Berlin wie hier an der Potsdamer Regenbogenschule oft sogar mehr Bewerber...Foto: Bernd Settnik/dpa

Potsdam - Biete Studienzuschuss, suche Landlehrer: Die Linke im Landtag will trotz des Flops der Brandenburger „Buschprämie“ für Lehrkräfte versuchen, dem Pädagogenmangel mit einem monetären Lockmittel zu begegnen. Lehramtsstudenten sollen ein monatliches Stipendium in Höhe von 500 Euro erhalten, wenn sie sich im Gegenzug dazu verpflichten, nach der Uni drei bis fünf Jahre an einer Schule in ländlichen Regionen der Mark zu unterrichten. Wer vorher das Handtuch wirft und zurück in die Stadt flüchtet, soll den Studienzuschuss zurückzahlen müssen. Den Vorstoß stellte die Fraktion am Donnerstag bei einem Pressegespräch zum Jahresanfang vor.

„Wir brauchen dringend ein Willkommensmanagement für Lehrer, ähnlich wie bei Ärzten. Sonst hört die Bereitschaft junger Leute, in Brandenburg zu unterrichten, beim Autobahnring auf“, sagte die Vize-Fraktionsvorsitzende und Bildungsexpertin der Linken, Kathrin Dannenberg. Brandenburg kämpft seit vielen Jahren mit einem drastischen Lehrermangel, der sich weiter verschärfen wird, wenn zahlreiche Pädagogen in den Ruhestand gehen. In den kommenden zwölf Jahren werden mindestens 12.000 Lehrer gebraucht. Während es in Potsdam und dem Berliner Umland meist mehr Bewerber als freie Stellen gibt, haben Schulen in Regionen wie der Prignitz, der Uckermark oder Märkisch-Oderland schon jetzt große Probleme, Personal zu finden. Die schwierige Lehrerakquise wird erschwert durch den massiven Wettbewerb mit anderen Bundesländern, die ähnliche Nachwuchsprobleme haben. Berlin bietet Master-Studenten der vom Lehrernotstand besonders betroffenen Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik inzwischen ein Stipendium von 500 Euro monatlich, wenn sie aufs Lehramt umsatteln.

Linke belebt CDU-Vorschlag wieder

Gänzlich neu ist die Idee der Linken also nicht. Selbst im eigenen Bundesland gab es diesen Vorstoß bereits. Bereits im Sommer 2016 hatte die CDU-Landtagsfraktion die Einführung eines Landlehrerstipendiums gefordert. Herausgekommen war mit den Stimmen von Rot-Rot nur ein Prüfantrag an das Ministerium. Dieses sollte auswerten, welche Erfolge ein in Sachsen eingeführtes, ähnliches Anreizsystem bringt. „Leider ist schon viel Zeit verstrichen, in der wir Chancen verpasst haben“, sagte der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Gordon Hoffmann, gestern. „Trotzdem freuen wir uns über die Einsicht der Linken – besser spät als nie.“ Er hoffe, dass das Projekt „nicht wieder an der Unlust der SPD scheitert“.

Die Sozialdemokraten wollen den Zwischenbericht des Bildungsministeriums zum sächsischen Landlehrerstipendium abwarten, der am 18. Januar im Bildungsausschuss vorgelegt werden soll. Wichtiger als alle anderen Maßnahmen sei aber, dass alle Bundesländer ihre Ausbildungskapazitäten für Lehrkräfte erhöhen, erklärte die bildungspolitische Sprecherin und Vize-Vorsitzende der SPD-Fraktion, Simona Koß, gestern. „Sonst wird es zu einem Hase-und-Igel-Spiel bei der Lehrereinstellung kommen, das so keiner wollen kann.“

Einen „Königsweg“ für die Gewinnung von Lehrern habe noch kein Bundesland gefunden, so Linke-Fraktionschef Ralf Christoffers. „Aber wir müssen etwas tun.“ Wichtig für die Attraktivität Brandenburgs im Wettstreit um Pädagogen sei sicher, dass die Lehrerbesoldung ab 2019 stufenweise angehoben wird und Grundschullehrer bessergestellt werden. Aber das alleine werde nicht reichen. „In Brandenburg gibt es weniger Problemschulen als in Berlin, bei uns ist das Unterrichten entspannter“, meint er. Das müsse den Hochschulabsolventen aber bewusst gemacht werden – etwa in dem sie während ihres Praxissemesters unterstützt werden und an ihrem Einsatzort günstig eine Zweitwohnung mieten können. „Studenten wohnen an ihrem Uniort, also in Potsdam oder Berlin. Niemand wird freiwillig sein Praxissemester in Finsterwalde oder Calau machen, weil der Aufwand zu groß ist“, vermutet Kathrin Dannenberg. Werde den jungen Leuten ein Praktikum auf dem Land leicht gemacht, fänden sie vielleicht Gefallen daran und unterrichten dann dort auf Dauer. Gleichzeitig müssten Seiteneinsteiger besser qualifiziert werden.

Rot-Rot lehnte Anreizprogramme mehrfach ab

Die Linke greift damit teils alte Forderungen anderer auf. Die Grünen hatten bereits 2012, also in der vergangenen Legislatur, das Modellprojekt „Landlehrer in Sicht“ vorgestellt, für das sich Kommunen im berlinfernen Raum bewerben sollten, um mit Landeshilfe Anreize für Pädagogen zu schaffen. Der Antrag wurde abgelehnt. Ebenso der zwei Jahre später gestellte gemeinsame Antrag von Grünen und CDU mit dem Titel „Sicherung des Lehrkräftebedarfs in ganz Brandenburg“, der ein Qualifizierungsprogramm für Quereinsteiger vorsah.

Auch 2015, als der damalige Bildungsminister Günter Baaske (SPD) die später umgesetzte Idee ins Spiel brachte, Pädagogen mit einer Landprämie die Peripherie schmackhaft zu machen, war der Koalitionspartner Linke noch skeptisch. Brandenburg habe bereits eine „Buschzulage“, erklärte die damalige bildungspolitische Sprecherin Gerrit Große – nämlich die Verbeamtung, die in Berlin nicht üblich ist. Zudem ließen sich die jungen Leute allein mit Geld wohl nicht ködern. Das hat sich bewahrheitet: 300 Euro pro Monat und das drei Jahre lang wollte das Ministerium an Pädagogen zahlen, die das Großstadtleben gegen gute Landluft tauschen. Kein einziger Lehrer ließ sich durch die Prämie locken.

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