• Kampf gegen die Pandemie: Noch kein grünes Licht für Massenimpfungen

Kampf gegen die Pandemie : Noch kein grünes Licht für Massenimpfungen

Deutschland bereitet sich seit Monaten auf Massenimpfungen gegen Corona vor. Noch fehlen zugelassene Vakzine und das Votum der Experten zur Priorisierung. In Brandenburg sollen noch im Dezember die ersten Impfzentren errichtet werden.

Dirk Baas
In Russland haben die Corona-Impfungen bereits begonnen.
In Russland haben die Corona-Impfungen bereits begonnen.Foto: dpa

Die Zulassung von Corona-Impfstoffen ist auf der Zielgeraden. Auch Deutschland bereitet sich darauf vor. Im Mittelpunkt steht die Frage, wer zuerst geimpft werden soll. Das wird in der noch vorläufigen Nationalen Impfstrategie geregelt. Das Bundesgesundheitsministerium rechnet mit dem Beginn der Aktion Anfang nächsten Jahres. 

In Brandenburg werden Corona-Impfungen zunächst mit dem Biontech-Pfizer-Impfstoff durchgeführt. Im Bundesland sollen elf Impfzentren errichtet werden, die ersten beiden noch im Dezember in Potsdam und Cottbus. Im kommenden Frühjahr sollen acht weitere Impfzentrenin Kyritz, Oranienburg, Prenzlau, Eberswalde, Frankfurt (Oder), Elsterwerda, Luckenwalde und Brandenburg an der Havel hinzukommen. Ein elfter Standort wurde nach Angaben des Landes noch nicht genau festgelegt. Der Aufbau weiterer Impfzentren werde geprüft.

Der Evangelische Pressedienst (epd) erläutert, welche Bedingungen vor dem Beginn der Impfungen erfüllt sein müssen, wie die Strategie des Bundesgesundheitsministerium aussieht, welche Gruppen priorisiert werden und wo noch Schwierigkeiten liegen.

Warum gibt es noch keinen offiziellen Starttermin für die Massenimpfungen?

Weil es noch keinen von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zugelassenen Impfstoff gibt. Die Zulassung aber ist nötig, bevor das Bundesgesundheitsministerium per Rechtsverordnung festlegt, in welcher Reihenfolge geimpft wird. Die EMA prüft derzeit zwei Vakzine.

Warum ist die bereits erarbeitete Impfstrategie des Gesundheitsministeriums noch in einem vorläufigen Status?

Das Ministerium lässt sich bei seinen Überlegungen von Experten beraten. In diesem Fall ist das eine Arbeitsgruppe aus Fachleuten der Ständigen Impfkommission (Stiko), der Leopoldina und des Deutschen Ethikrats. Sie haben ein Positionspapier vorgelegt, das als detaillierte Covid-19-Impfempfehlung dient. Die Schlussfassung dieser Empfehlung kann aber erst erfolgen, wenn eine Impfstoffzulassung und eine Auswertung der wissenschaftlichen Daten vorliegt, die zeigt, welche Personengruppen die Impfung am besten schützt. Das soll der Stiko zufolge bis Ende Dezember geschehen.

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Auf welcher Grundlage werden die Corona-Impfungen erfolgen?

Rechtliche Basis ist eine Verordnung des Ministeriums, deren Entwurf dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. Der „Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung“ zufolge sollen Risikogruppen und Personen, die in „bestimmten Einrichtungen“ tätig sind oder dort behandelt oder gepflegt werden, zuerst eine Impfung erhalten. Experten interpretieren das so, dass damit auch Mitarbeiter, Patienten und Bewohner von stationären und ambulanten Einrichtungen, wie Krankenhäusern, Altenheimen und Arztpraxen zuerst geimpft werden. 

Das Ministerium hat eine vorläufige Strategie veröffentlicht, die einen Zwei-Stufen-Plan vorsieht. Die Rede ist von einer zweigeteilten Phase 1 und einer Phase 2. Zunächst werden von mobilen Teams der Impfzentren sogenannte vulnerablen Gruppen, also etwa Pflegeheimbewohner und Menschen mit Behinderungen sowie deren Betreuerinnen und Betreuer und etwa Klinikpersonal das Vakzin erhalten. Der Bund sorgt für die Verteilung der Impfstoffe an 60 Standorte im Bundesgebiet. Die Verteilung erfolgt nach dem Bevölkerungsanteil. Lagerung und Logistik ist Sache der Länder, die die Verteilung an die dazu extra errichteten Impfzentren regeln. 

Dazu richten die Länder Anlieferungszentren für die Impfstoffe ein. Derzeit sind 27 solcher Zentren geplant. Erst in der Phase 2 kommt die erwachsene Bevölkerung an die Reihe. Hier übernehmen dann auch ärztliche Einrichtungen, niedergelassene Ärzte und Betriebsärzte oder Medizinstudenten das Impfen. Jens Spahn geht davon aus, dass erst im Sommer flächendeckend in Arztpraxen geimpft werden kann.

Welche Probleme bestehen?

Die größte Schwierigkeit besteht in der fachgerechten Verteilung der Impfstoffe. Das Vakzin des Herstellers Biontec/Pfizer muss bei minus 70 Grad gelagert und verteilt werden. Beim Impfstoff von Moderna, der zweite Anbieter, der die Zulassung bei der EMA beantragt hat, ist nur eine normale Kühlung nötig. Eine organisatorische Herausforderung ist die Aktion aber ganz unbestritten, zumal alle Impflinge zweimal in mehrwöchigem Abstand geimpft werden müssen. Noch sind die Bundesländer fieberhaft auf der Suche nach Ärzten und qualifiziertem Personal für die Impfzentren.

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Wie viele Impfdosen werden gebraucht?

Diese Frage kann niemand beantworten. Denn das hängt von der Impfbereitschaft der Bürger ab, zu der es nur Umfrageergebnisse gibt. Laut einer Erhebung der Barmer Krankenkasse ist knapp über die Hälfte der Bevölkerung über 16 Jahren zu einer Corona-Impfung bereit. Um eine „Herdenimmunisierung“ zu erreichen, sind das zu wenige. 42 Prozent der Befragten wollen ihre Kinder impfen lassen. 15 Prozent sagten, sie wollten sich vielleicht impfen lassen, 9 Prozent „eher nicht“ und 13 Prozent „sicher nicht“.

Wie will man einen Ansturm auf die Impfzentren vermeiden?

Das Gesundheitsministerium teilte dem epd mit, es solle ein einheitliches Terminmanagement geben, um lange Warteschlangen vor den Zentren zu vermeiden. Das Ministerium erarbeite zusammen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ein standardisiertes Modul zur Terminvereinbarung für alle Impfzentren einschließlich der mobilen Impfteams. Dieses Modul soll ein freiwilliges Angebot an die Länder werden. Die können aber auch eigene Strukturen aufbauen. 

Zudem ist geplant, dass für bevorzugte Impfungen in den Zentren Atteste von Hausärzten vorgelegt werden müssen, aus denen hervorgeht, dass „ein krankheitsbedingt erhöhtes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf in Bezug auf die Coronavirus-Krankheit-2019“ vorliegt. Die Hausärzte lehnen dieses Verfahren rigoros ab, weil es die Praxen überfordern würde. Priorisierungsentscheidungen würden „quasi durch die Hintertür bei den Hausärztinnen und Hausärzten abgeladen“. (epd)

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