INTERVIEW : „Die Stasi hat alles vertuscht“

Repro: Promo
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Herr Leide, wie konnte es sein, dass NS-Kriegsverbrecher auch in der DDR so lange unbehelligt blieben?

Die Staatssicherheit war seit Mitte der 1950er Jahre die ausschließliche Untersuchungsbehörde in der DDR für NS-Verbrechen. Bei der Stasi lagerten elf Kilometer Akten aus dem Dritten Reich, aber kein Staatsanwalt, kein Wissenschaftler, niemand sonst wusste, dass es diese Unterlagen gibt.

Ermittelt wurde aber nicht...

Die Stasi hat die Akten für die antifaschistische Kampagne gegenüber der Bundesrepublik, aber auch für die Kaderüberprüfung und die Anwerbung von Inoffiziellen Mitarbeitern genutzt.

Jetzt ermitteln die Behörden, Schlüsselfigur ist ein Brandenburger. Warum?

Bei einer Routineüberprüfung hat die Stasi festgestellt, dass es eine Akte über den SS-Obersturmführer Heinz Barth gibt. Das war 1976. Barth war Zugführer und im Juli 1944 am Massaker in Oradour-sur-Glane beteiligt. Das war ein Zufallsfund, die Akten lagen seit 1954 im Archiv der Stasi. Das war der Fall, wenn Wehrpflichtige an die Grenze versetzt wurden, dann wurden Verwandte auf ihre NS-Vergangenheit überprüft. Mit dem Fund stellte die Stasi fest, dass Barth 1953 in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war. Um sich als antifaschistischer Musterstaat darzustellen, kam der Entschluss, Barth 1983 vor Gericht zu stellen. Im Zuge der Ermittlungen wurden zwei Untergebene von Barth herausgefischt, die am Massaker beteiligt waren und das auch ausgesagt haben. Darunter dieser Mann aus Brandenburg.

Warum geschah ihm aber nichts?

Barth wurde vor Gericht gestellt, weil die DDR Frankreich erklären musste, warum dieser Mann 40 Jahre unbehelligt blieb. Offiziell hieß es, er habe sich versteckt, das stimmte natürlich nicht. Da wäre es ein Unding gewesen, auch die anderen vor Gericht zu stellen, das hätte einen Aufschrei gegeben. Deshalb wurden sie komplett aus dem Prozess rausgehalten, weder in der Anklage noch als Zeugen tauchen sie im Urteil auf. Ihre Namen und Aussagen wurden aus dem Verfahren getilgt. Man hat sich nur Barth vorgeknöpft und einen „Schauprozess“ veranstaltet. Die beiden anderen wurden vertuscht.

Und wie kommt es zu den Ermittlungen?

Ich kann es mir nur so erklären: Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg kann erst seit 1989 auf die Stasi-Akten zugreifen und darin nach NS-Tätern suchen. Das sind Untersuchungsvorgänge, in denen sämtliche Untersuchungsergebnisse zusammengefasst wurden – ein Vorgang betraf Heinz Barth und enthielt auch die Zeugenaussagen.

Interview: Alexander Fröhlich

Henry Leide, tätig bei der Stasi-Unterlagenbehörde Rostock,

widerlegte 2006 mit dem Buch „NS-Verbrecher und Staatssicherheit“ das Bild einer antifaschistischen DDR.