• Interview | Chef der Landesärztekammer: "Wir brauchen eine gründliche Aufklärung"

Interview | Chef der Landesärztekammer : "Wir brauchen eine gründliche Aufklärung"

Der Präsident der Landesärztekammer, Frank Ullrich Schulz, über die Vorgänge am Potsdamer Bergmann-Klinikum, Hüftoperationen und eine Studie, die den Abbau von Krankenhäusern empfiehlt.

Benjamin Lassiwe
Im Klinikum soll wieder nach Tarif bezahlt werden
Im Klinikum soll wieder nach Tarif bezahlt werdenFoto: Ottmar Winter

Herr Schulz, wie ist die Corona-Pandemie aus Sicht der Brandenburger Ärztekammer bislang verlaufen?
Ich denke, die Kliniken hatten genügend Vorlauf. Die Intensivbetten sind zum Glück nicht voll belegt. All das, was in den Kliniken geleistet wurde, um hier zusätzliche Plätze zu schaffen, hat im Land zu einer niedrigen Sterberate geführt. An dieser Stelle ein Dank an alle Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern. Und auch die Leistung der Hausärzte in der ambulanten Versorgung ist beachtlich: Dort werden 80 Prozent aller COVID19-Patienten im Land behandelt. Die Hausärzte stehen also an der vordersten Front.

Wie steht es um die Versorgung mit Schutzausrüstung?
Das ist ganz schlecht gelaufen. Teilweise mussten Kollegen mit unzureichendem Schutz an Patienten arbeiten. Auch deswegen gab es mancherorts Ausbrüche von COVID19. Dass es da nicht ausreichend Masken und Kittel gibt, macht den Kollegen nicht nur Sorge. Es macht sie wütend und ärgerlich, auch wenn es langsam besser wird. Aber hier brauchen wir eine ausreichende Bevorratung für Kliniken und Praxen – und auch wenn sich das Gesundheitsministerium wirklich Mühe gibt, ist das noch lange nicht erreicht.

Gibt es Mediziner, die sich wegen fehlender Schutzausrüstung infiziert haben?
Persönlich kenne ich keinen Kollegen. In den Krankenhäusern sind aber Kollegen infiziert.

Sie selbst sind ja Facharzt für Orthopädie. Wie lange können denn planbare Eingriffe, etwa Operationen an der Hüfte oder am Kniegelenk, noch aufgeschoben werden?
Das sind ja planbare Eingriffe. Ich empfehle meinen Patienten: So lange COVID19-Patienten in der Klinik sind, sollte man das eher nicht machen. Trotzdem kann man das nicht unbegrenzt einschränken. Wir sehen, dass die Kliniken derzeit ausreichend Kapazitäten für COVID19-Patienten vorhalten. Ich habe die Hoffnung, dass im Mai auch wieder Endoprothesen-Operationen vorgenommen werden können.

In Potsdam ist das Ernst-von-Bergmann-Klinikum geschlossen worden. Wie sehen Sie das als Kammerpräsident?
Es ist fatal, wenn ein so großes Krankenhaus komplett ausfällt. Denn auch kardiologische Notfallpatienten und Schlaganfallpatienten müssen ja weiter versorgt werden. Im Moment sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft angekündigt. Wir brauchen eine gründliche Aufklärung von allem, was dort geschehen ist.

Muss die Ärztekammer dort auch selbst aktiv werden?
Im Augenblick ist die Staatsanwaltschaft mit den Vorgängen dort beschäftigt. Wir reden ja nicht mehr über berufsrechtliche Verfehlungen, um die wir uns tatsächlich kümmern müssten. Wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt, ist die Kammer außen vor. Ob und wie wir uns dort noch einschalten, wird man dann sehen müssen.

Haben Sie sich je eine derartige Situation vorstellen können?
Kaum jemand hat sich das vorher vorstellen können. Wie wir nun wissen, ist es aber leider möglich und wir müssen uns darauf einstellen.

Wie wirkt sich die Pandemie auf die Arbeit der Ärztekammer aus?
Wir bemühen uns derzeit darum, die Prüfungen der Medizinischen Fachangestellten unter Dach und Fach zu bekommen. Unter strengen Hygienevoraussetzungen sollte das möglich sein. Dann müssen wir trotz der Pandemie unsere neue Weiterbildungsordnung verabschieden. Und wir werden als Ärztekammer natürlich auch für den Erhalt aller Krankenhäuser im Land kämpfen: Der Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung, in Deutschland 600 Kliniken abzubauen, muss jetzt erst recht hinfällig sein. Wir können derzeit nur froh sein, so viele Krankenhäuser im Land zu haben.

Wie steht es um die Abschlussprüfungen für die MHB-Studierenden?
Deren M2-Prüfungen sind in Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam und dem LAVG in der letzten Woche an drei Tagen hintereinander erfolgreich durchgeführt worden. Nun sind wir alle auf die Ergebnisse gespannt.

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Was halten Sie in dem Zusammenhang von den Plänen einer Fakultät in Cottbus?
Da gibt es natürlich gewisse Ängste an der MHB. Aber diese Hochschule darf nicht vernachlässigt werden, wenn in Cottbus eine Fakultät entstehen sollte. Natürlich freuen wir uns über eine Stärkung der medizinischen Ausbildung im Land Brandenburg.

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