• Inklusion: Brandenburger Eltern setzen weiter auf Förderschulen

Inklusion : Brandenburger Eltern setzen weiter auf Förderschulen

Obwohl das Land Förderschulen ablehnt, sind sie in Brandenburg weiterhin sehr gefragt, wie neue Zahlen zeigen. 

Schreckgespenst? Nicht alle trauen dem Inklusionsgedanken.
Schreckgespenst? Nicht alle trauen dem Inklusionsgedanken.Foto: Jonas Güttler/dpa

Potsdam - Brandenburger Eltern haben offenbar noch immer kein allzu großes Vertrauen in das Gelingen der vom Land angestrebten Inklusion, sondern setzen weiterhin auf Förderschulen für ihre Kinder. Markant sind besonders die steigenden Schülerzahlen im Förderbereich „Lernen“, heißt es in einer aktuellen Antwort des Bildungsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der CDU-Fraktion. Maßgeblich für die Beschulung an einer Förderschule oder einer Schule mit gemeinsamem Unterricht sei jedenfalls die Entscheidung der Eltern.

Die Zahlen zeigen: Kindern mit Handicap wird oft der Besuch einer Förderschule empfohlen. Im Schuljahr 2017/18 wurden 5230 Feststellungsverfahren abgeschlossen. 1954 Mal wurde die Empfehlung gegeben, eine Förderschule zu besuchen. 2013/2014 gab es bei 5115 Verfahren 1376 Förderschulempfehlungen.

Wird bei einem Kind ein sonderpädagogischer Förderbedarf vermutet, wird ein sogenanntes Feststellungsverfahren durch Sonderpädagogen durchgeführt. Gemeinsam mit den Eltern, der Kita und der Schule wird dann eine Empfehlung für das jeweilige Kind erarbeitet. In diesen Feststellungsverfahren werde zunehmend auf die „Komplexität der Gesamtumstände für das Kind“ verwiesen, schreibt das Ministerium in seiner Antwort. Wenn etwa ein Kind mit Lernschwierigkeiten zusätzlich Probleme im emotional-sozialen Bereich habe, erfolge häufiger eine Aufnahme an der Förderschule.

Eigentlich sollten bis 2019 alle Förderschulen schließen

Damit wird der vom Land eingeschlagene Weg, auf den Unterricht an Regelschulen zu setzen und damit der UN-Behindertenrechtskonvention zu folgen, konterkariert. Die damalige Bildungsministerin Martina Münch (SPD) war es, die beim Thema Inklusion vor acht Jahren vorpreschte und forderte, bis 2019 alle Förderschulen zu schließen. Was sie kurz darauf, nach Druck aus den eigenen Reihen und durch den Koalitionspartner Linke, so rigoros gar nicht mehr verstanden haben wollte. 

Münchs Ankündigung habe sich, wie damals schon abzusehen gewesen sei, als Illusion erwiesen, erklärt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Gordon Hoffmann, auf PNN-Anfrage. Tatsächlich sei der Anteil der Schüler mit Förderbedarf, deren Eltern sich für die Förderschule entscheiden, innerhalb von fünf Jahren von 27 auf 37 Prozent gestiegen, erklärt Hoffmann, der gemeinsam mit Michael Schierack die Anfrage an das Ministerium gestellt hatte. „Die Debatte um die Schließung von Förderschulen hat sich damit erledigt“, so Hoffmann. „Förderschulen werden weiterhin gebraucht.“

Auch im Programmentwurf der CDU für die Landtagswahl am 1. September wird die Inklusion thematisiert. Die Union will im Wahlkampf Bildungsthemen in den Vordergrund stellen. In dem Programmentwurf heißt es: „Wir bekennen uns zur wertvollen Arbeit der Förderschulen.“ Inklusion müsse ohne Illusionen umgesetzt werden. Kinder mit Lernschwierigkeiten könnten nur erfolgreich an Regelschulen lernen, wenn es dort kleine Klassen, gute Konzepte und sonderpädagogische Kompetenz gebe.

Potsdam plant neue Förderschule

Das ist auch die Meinung vieler Eltern und Experten. In Potsdam gibt es derzeit Streit um eine geplante neue Förderschule (PNN berichteten). Trotz Bekenntnis der rot-roten Landesregierung zum inklusiven Bildungssystem plant die Landeshauptstadt den Neubau einer Förderschule für bis zu 300 Schüler. Förderschullehrer hätten ihr erklärt, dass das Ende der Förderschulen angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen für Inklusion „unterlassene Hilfeleistung“ sei, erklärte Potsdams parteilose Bildungsbeigeordnete Noosha Aubel.

Das von Britta Ernst (SPD) geführte Bildungsministerium ist offenbar selbst vorsichtiger geworden beim einst mit Vehemenz vertretenen Ansatz. Brandenburg befinde sich „in einem Prozess, in dem es gilt, Haltungen und Einstellungen zu verändern und langjährige Erfahrungen zu überwinden, um Schülerinnen und Schüler in ihrem Leistungsspektrum individuell zu fordern und zu fördern“, schreibt das Ministerium. Auf den Punkt gebracht bedeutet es wohl das, was Ministerin Ernst in einem PNN-Interview erklärte: „Inklusion kann man nicht von oben überstülpen.“ Das klappe nur, wenn auch Akzeptanz da ist.

Die Inklusion schreitet trotzdem voran

Die nun veröffentlichen Zahlen zeigen dabei zwar, dass Förderschulen weiter beliebt sind – aber auch, dass es dennoch Fortschritte bei der Inklusion gibt. Der gemeinsame Unterricht wird weiter ausgebaut. Im Schuljahr 2017/18 wurde 636 Mal der Besuch einer Regelschule empfohlen, an der gemeinsamer Unterricht von Schülern mit und ohne Förderbedarf stattfindet. Ein Schuljahr zuvor war es nur 380 Mal. 

Gleichzeitig stieg die Zahl der Sonderpädagogen aber nur leicht. Im Vorjahr waren an den staatlichen Schulämtern 2054 Inklusionsspezialisten beschäftigt, 2013 waren es 1874. Das Problem bislang: Das Möchtegern-Inklusionsvorzeigeland Brandenburg hatte keine eigenen Sonderpädagogen ausgebildet. Ab dem Wintersemester 2020/21 werden an der Uni Potsdam nun 60 Studienplätze für Sonderpädagogik angeboten.