• Hohenzollern fordern Kunstwerke zurück: "Der Prinz war immer ein fairer Verhandlungspartner"

Hohenzollern fordern Kunstwerke zurück : "Der Prinz war immer ein fairer Verhandlungspartner"

Tausende Kunstwerke fordern die Hohenzollern zurück. Zu Recht, findet Berlins Ex-Senatskanzleichef André Schmitz und glaubt, dass sich der Prinz seiner Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst ist.

André Schmitz.
André Schmitz.Foto: Mike Wolff

Die Hohenzollern haben mit Forderungen nach Tausenden Kunstwerken aus Museen breite Entrüstung provoziert. Die Rede ist von Habgier, von Maßlosigkeit. Warum mahnen Sie zur Mäßigung?
Aus meiner Sicht liegt es im Interesse der öffentlichen Hand, wenn es 30 Jahre nach der Wiedervereinigung endlich eine einvernehmliche Lösung in diesen Vermögensauseinandersetzungen gäbe. Das wäre besser als Prozesse, die vielleicht Jahrzehnte dauern. Die Materie ist hochkompliziert. Es ist leicht, Stimmung gegen den Adel zu machen.

Die Monarchie wurde vor über 100 Jahren abgeschafft. Es ist doch ein Anachronismus: Warum verhandelt man überhaupt mit seinem Ur-Urenkel über Eigentumsansprüche an Kunstschätzen?
Ich kann solche Meinungen gut nachvollziehen. Vielleicht war die Weimarer Republik zu großzügig gegenüber den vormals regierenden Häusern. Aber die Realität ist nun einmal so, und das lässt sich nicht rückgängig machen. Politik muss verantwortlich im Sinne des Gemeinwohls damit umgehen: Es gibt Ansprüche der Hohenzollern aus dieser Zeit, aus dem Vertrag zwischen dem preußischen Staat und den Hohenzollern aus dem Jahr 1926. Die Bundesrepublik hat sich immer in der Rechtsnachfolge gesehen. Übrigens, wir haben nach 1945 über Jahrzehnte mit dem Haus Hohenzollern gute Erfahrungen als Leihgeber vieler Exponate in Museen gemacht, sowohl mit Luis Ferdinand, dem Großvater des jetzigen Chefs des Hauses wie auch mit Prinz Georg Friedrich. Ein Großteil der Leihgaben sind unstreitig Eigentum des Hauses. In meiner Amtszeit habe ich Georg Friedrich Prinz von Preußen immer als fairen Vertragspartner erlebt.

Wann hatten Sie mit dem Konflikt zu tun?
Lange, gleich seit meinem Einstieg in die politische Laufbahn, als ich 2001 Chef der Senatskanzlei in Berlin wurde. Schon damals gab es eine Runde bei mir, haben wir zusammen mit dem Linke-Kultursenator Thomas Flierl versucht, mit Georg Friedrich Prinz von Preußen einen Kompromiss auszuloten. Und seit 2006 war ich als Staatssekretär für Kultur im Land Berlin, zeitweise auch Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, an den Gesprächen beteiligt. Nach meinem Ausscheiden, in jüngerer Zeit habe ich dann auf eine Bitte vom Bund versucht, 2015/2016, als Mediator zwischen beiden Seiten zu vermitteln. Das hat aber leider auch kein endgültiges Ergebnis erbracht.

Was wäre eigentlich schlimm daran, wenn am Ende eben Gerichte entscheiden?
Ob man das will, ist eine politische Entscheidung. Jeder weiß doch: Vor Gericht ist man auf hoher See, in Gottes Hand. Niemand kann prophezeien, wie Gerichte am Ende entscheiden werden. Es kann für die öffentliche Hand am Ende viel teurer werden, solche Beispiele hat es gegeben. Es gibt offensichtlich Rechtseinschätzungen auf Seiten der öffentlichen Hand, die dieses Prozessrisiko als hoch ansehen. Da ist es besser, einen Kompromiss zu suchen. Es ist schade, dass durch die jüngsten Indiskretionen die Verhandlungen sicherlich nicht einfacher geworden sind. Es sind ja keine Geheimverhandlungen.

Mit Verlaub, Herr Schmitz, es war nicht bekannt, weder den Parlamenten, noch der Öffentlichkeit, die einen Anspruch darauf haben zu erfahren, was mit Tausenden Kunstwerken in Museen Berlins und Brandenburgs geschehen soll!
Natürlich hat die Öffentlichkeit darauf einen Anspruch. Aber schon zu meiner Zeit war klar: Was herauskommt, wird den jeweiligen Länderparlamenten zur Genehmigung vorgelegt. Und ist nicht zu beanstanden, dass schwierige Gespräche erst einmal hinter verschlossenen Türen geführt werden, damit sie gelingen. Noch einmal: Ein Vergleich läge auch im Interesse der öffentlichen Hand, besonders für Berlin.

Warum für Berlin?
Es wäre eine kulturpolitische Chance: Es würde die Möglichkeiten verbessern, aus dem Schloss Charlottenburg ein dynastisches Hohenzollern-Museum zu machen, das natürlich auch deren widersprüchliche Rolle in der Geschichte präsentiert, wie es in einer Demokratie selbstverständlich ist. Die Dynastie hat immerhin seit 1415 die Geschicke in Brandenburg, in Berlin, in Preußen und am Ende auch Deutschlands bestimmt. Das in seiner ganzen Vielschichtigkeit darzustellen ist eine Lücke in der Berliner Museumslandschaft, die auch im wieder aufgebauten Schloss im Humboldt-Forum nicht gefüllt werden wird. Dort wird es einen kleinen Bereich geben, der ein bisschen die Geschichte des Stadtschlosses erzählt. Aber eine zusammenhängende Darstellung dieser Familiengeschichte, die so eng mit deutscher Geschichte verknüpft ist, gibt es bisher nirgendwo.

Warum sollte es das Schloss Charlottenburg sein?
Es ist ein schwieriger Standort. Aus meiner Sicht lag und liegt es im Interesse Berlins, Charlottenburg aufzuwerten und nicht alles nach Mitte zu verlagern. Das Projekt eines Hohenzollern-Museums in Charlottenburg ist übrigens schon vor meiner Amtszeit vom Stiftungsrat der Preußischen Schlösser und Gärten beschlossen worden. Auch der Bund hat das damals unterstützt. Es gibt eine fertige Konzeption der Stiftung, die nur in Teilen umgesetzt ist, mit der kleinen Hohenzollern-Ausstellung. Ich wundere mich, dass das in der Diskussion gar keine Rolle spielt, es auch keiner von der Stiftung sagt. Es ist eine uralte Beschlusslage.

Das Dynastie-Museum ist gar nicht der Wunsch des Hauses Hohenzollern?
So ist es, das Haus Hohenzollern war daran gar nicht so sehr interessiert. Es führt ja schon ein dynastisches Museum, die Burg Hechingen mit jährlich 350.000 Besuchern. Dort kann man übrigens erleben, dass es nicht rückwärtsgewandt ist. An Ausstellungen wie Friedrich der Große in Potsdam oder Luise in Charlottenburg hat man gesehen, dass es ein großes Interesse an solchen Ausstellungen gibt, die in einer Demokratie, in einer Republik natürlich niemals bedeuten können, dass dort zum Wiederaufrufen der Monarchie aufgerufen wird. Da ist auch der Prinz ein Bürger der Bundesrepublik Deutschland …

… einer, der auch ein Wohnrecht im Schloss Cecilienhof fordert ...
Ich finde das auch abwegig. Das wird es auch nicht geben. Das würde zudem nie die Zustimmung in den Parlamenten finden. Offensichtlich hat der Anwalt der Hohenzollern hier ein sehr großes Paket gepackt, um mit der öffentlichen Hand zu verhandeln. Wenn ich die Ergebnisse der jüngsten Verhandlungsrunde richtig interpretiere, beginnt das Haus Hohenzollern inzwischen aber, von dieser Forderung Abstand zu nehmen. So ganz neu ist das Thema übrigens nicht. In meiner Amtszeit gab es ein Angebot der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten an Prinz Georg Friedrich von Preußen, die Villa Quandt als Wohnsitz zu nehmen.
Bestandteil der Vergleichsverhandlungen war bislang auch eine von den Hohenzollern geltend gemachte 1,2-Millionen-Entschädigung für enteignete Immobilien in Brandenburg, die das Land unter Verweis auf NS-Verstrickungen von Kronprinz Wilhelm ablehnt. Das Verfahren lag wegen der Vergleichsverhandlungen einvernehmlich auf Eis. Brandenburgs Finanzminister Christian Görke (Linke) setzt nun allerdings auf gerichtliche Klärung. Wie sehen Sie das?
Es ist zumindest verwunderlich, dass das nach so vielen Jahren plötzlich forciert wird. Es hängt vermutlich mit dem nahen Wahltermin in Brandenburg zusammen. Ansonsten waren diese Verfahren um Immobilien immer Sache der Brandenburger, dazu kann ich nichts sagen.
Die reklamierten Kunstwerke sind von unschätzbaren Wert. Allein aus dem Bestand der Schlösserstiftung fordert das Haus 116 Gemälde, darunter von Cranach, Menzel, Pesne. Halten Sie Befürchtungen für berechtigt, dass bei einer Rückgabe die Hohenzollern die Schlossmuseen ausräumen?

Nein, dieses Worst-Case-Szenario haben wir übrigens damals schon durchgespielt. Da sagte mir Hartmut Dorgerloh, der Generaldirektor der Stiftung, immer: Wenn das Haus Hohenzollern seine Leihgaben abzieht, wäre das bedauerlich, aber zu verschmerzen.

Die aktuellen Forderungen gehen weit über die bisherigen Leihgaben hinaus.
Von einem drohenden Leerräumen der Schlossmuseen kann selbst im schlimmsten Fall keine Rede sein. Ich kann mir ohnehin nicht vorstellen, dass es dazu kommen könnte. Ich habe den Prinzen als verantwortlichen Chef des Hauses erlebt, der sich auch dem öffentlichen Interesse verpflichtet fühlt. Er weiß um seine Verantwortung auch gegenüber der Gesellschaft. Ich bin mir sicher, dass es nicht zu einem solchen Eklat kommt.

Sie sind Sozialdemokrat, warum werfen Sie sich eigentlich so für die Hohenzollern in die Bresche?
Ich bin kein Vertreter des Hauses Hohenzollern. Mir geht es darum, dass eine zügige gütliche Einigung gut für die öffentliche Hand, gut für Berlin wäre. In anderen Bundesländern ist das mit Vertretern der vormals regierenden Häuser auch gelungen, obwohl die Ausgangslage dort noch schwieriger war. Man hat überall eine Lösung gefunden.

Zum Beispiel?
Ich denke nur an die Wartburg, da sitzt der Chef des Hauses, Prinz Michael von Sachsen-Weimar-Eisenach, sogar als Mitglied im Stiftungsrat. Es ist eine Lösung gemeinsam mit dem Haus zum Wohle der Allgemeinheit.

Im Konflikt um Tausende Kunstwerke agierte André Schmitz als Mediator. Der SPD-Politiker war unter Klaus Wowereit Chef der Senatskanzlei und Staatssekretär für Kultur.

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