Hartmut Mehdorns Versagen : Der Langstreckensprinter

Erst konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Nun gesteht Hartmut Mehdorn ein: Am BER braucht er mehr Geduld

A. Fröhlich K. Kurpjuweit Th. Metzner U. Zawatka-Gerlach
Weiß noch immer nicht, wann der BER-Flughafen eröffnen kann: Hartmut Mehdorn.
Weiß noch immer nicht, wann der BER-Flughafen eröffnen kann: Hartmut Mehdorn.Foto: dpa

Berlin/Potsdam - Von Hartmut Mehdorn, der am Flughafen BER als Tempomacher angetreten war, sind kleinlaute Töne zu hören. In einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ gab der Airport-Chef jetzt bekannt, was seit Wochen aus der Flughafengesellschaft zu vernehmen war: dass ein Eröffnungstermin für den neuen Hauptstadt-Flughafen auch in der Aufsichtsratssitzung am 25. Oktober nicht beschlossen werden kann.

„Anfangs bin ich durchaus optimistisch gewesen. Bis ich Stück für Stück gemerkt habe, was da noch alles gemacht werden muss und wie viel Zeit und Geduld man noch braucht, um fertig zu werden. Das ist die bittere Realität“, sagte Mehdorn. „Es ärgert mich selber gewaltig, dass es nicht schneller geht. Ich bin nicht Häuptling von Geduld. Es wurmt mich. Es verlängert die Zeit, in der wir hier die Dödel vom Dienst sind. Aber letztlich kann ich nur sagen: Qualität geht vor Zeit.“ Dass der Flughafen, der 2011 und dann 2012 starten sollte, womöglich 2014 in Betrieb geht, gilt mittlerweile fast als ausgeschlossen. Frühestens 2015 ist wahrscheinlich. Heute kann Mehdorn nicht einmal 2016 ausschließen.

Bereits viermal musste ein fest geplanter Termin verschoben werden. Die Planer bestärken Mehdorn. Jetzt einen neuen Termin zu nennen, könnte teuer werden, sagte ein Insider dieser Zeitung. Die Flughafengesellschaft wäre dann erpressbar, Firmen könnten, wie im vergangenen Jahr, den Druck nutzen und ihre Forderungen in die Höhe treiben.

Erst wenn für die weiteren Arbeiten, etwa für die Brandschutzanlage, die nun in mehrere Bereiche aufgeteilt werden soll, rechtsverbindliche Verträge mit den Unternehmen abgeschlossen seien, könne ein verlässlicher Termin festgesetzt werden. Die Verhandlungen mit Siemens, das die komplette Steuerung der Brandschutzklappen übernehmen soll, sind nach PNN-Informationen weit vorangekommen. Die Gespräche liefen „kooperativ und konstruktiv“, sagte eine Siemens-Sprecherin. Baulich soll ein Abschluss der Arbeiten in eineinhalb Jahren möglich sein, heißt es weiter.

Der Regierende Bürgermeister und amtierende BER-Aufsichtsratchef Klaus Wowereit (SPD) wollte Mehdorns Worte am Montag nicht kommentieren. Allerdings hatte Wowereit schon in den vergangenen Wochen intern, aber auch auf öffentlichen Veranstaltungen mit Unternehmern signalisiert, dass ein Eröffnungstermin erst beschlossen und verkündet werde, wenn „zweihundertfünfzigprozentig“ feststehe, dass dieser neue Zeitplan eingehalten werden könne. Wowereit ließ durchblicken, dass der Aufsichtsrat dies in seiner Sitzung Ende Oktober nicht leisten könne.

Eigentlich war Mehdorn vom Aufsichtsrat verpflichtet worden, bis dahin ein tragfähiges Gesamtinbetriebnahmekonzept – samt Eröffnungstermin – vorzulegen. Daraus wird, wie Mehdorn bereits nach den letzten Aufsichtsratssitzungen andeutete und nun offiziell bekräftigte, wohl nichts werden. „Wenn wir es können, werden wir eine Zeitzone oder sogar einen Termin nennen“, sagte Mehdorn mit Blick auf die Aufsichtsratssitzung am 25. Oktober. Aber: „Wir werden aber kein neues Risiko eingehen.“ Er werde sich daher erst zu einem Termin äußern, wenn er sicher sei, sagte der 71-jährige Manager. Da ist er sich mit Wowereit offenbar einig.

Als er im März dieses Jahres antrat, konnte alles nicht schnell genug gehen. Dann musste er erleben, dass er an der kurzen Leine der Politik geführt wurde – wie noch nie in seiner Karriere. Selbst bei der Bahn habe er das nicht erlebt, bekennt Mehdorn, der in den vergangenen Wochen stundenlang Wowereit Rechnenschaft ablegen musste. Oder wie jetzt, als er Aufträge über elf Millionen Euro auslösen wollte, um Netzwerkprobleme im Terminal zu lösen. Doch Brandenburgs Finanzminister Helmuth Markov (Linke), Chef des Finanzausschusses des Aufsichtsrates, verweigerte im Umlaufverfahren die Zustimmung. Nun wird das Problem im Aufsichtsratssitzung erst einmal diskutiert – aber erst in sechs Wochen.

Nicht äußern wollte sich Mehdorn zur Zukunft seines Kollegen Horst Amann in der Geschäftsführung. Nur so viel: „Ich kann dazu nichts sagen. Das ist Sache des Aufsichtsrates.“ Amann war im August 2012 als Hoffnungsträger zum Flughafen gekommen. Die Arbeiten auf dem Flughafen sind weitgehend eingestellt, Amann setzt darauf, erst die Bestandsaufnahme der Mängel abzuschließen, um dann den Ablauf der Restarbeiten detailliert zu planen. Mehdorn hatte das in der Vergangenheit heftig kritisiert, Bauexperten dagegen sehen zu Amanns gründlichem Vorgehen keine Alternative, um die Baustelle in den Griff zu bekommen.

Dahme-Spree-Landrat Stephan Loge (SPD), dessen Bauaufsichtsbehörde allein mit dem BER fast ausgelastet wäre, hat Verständnis für Mehdorns Nöte. „Wer nicht ungeduldig ist, wäre da fehl am Platz“, sagte Loge am Montag. „Ich bin froh, dass die Tiefgründigkeit der Probleme dem Bauherrn klarer wird. Das ist ein Hoffnungsschimmer.“

Sehr viel kritischer kommentierte der Berliner Grünen-Abgeordnete Andreas Otto die Äußerungen Mehdorns. „Das Versteckspiel geht weiter“, sagte er am Montag. Er forderte von Mehdorn und Wowereit, noch vor der Bundestagswahl am 22. September „die Karten auf den Tisch zu legen“. Aus Sicht des Grünen gibt es zwei Erklärungen. Entweder habe das Krisenmanagement von Flughafengesellschaft, öffentlichen Gesellschaftern und Aufsichtsrat völlig versagt. Oder die zusätzlichen Kosten seien so hoch, dass darüber lieber geschwiegen werde.

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