• Grüne Woche in Berlin: Brandenburg kann mehr als nur Spreewaldgurken

Grüne Woche in Berlin : Brandenburg kann mehr als nur Spreewaldgurken

Auf der Grünen Woche beweisen die Aussteller aus Brandenburg Kreativität. Mit dabei: Whiskey aus der Uckermark, Crème-Brûlée-Likör aus der Lausitz oder Ziegenkäse aus der Prignitz.

Felix Hackenbruch
Auch Gürkchen sind in diesem Jahr wieder auf der Grünen Wochen mit dabei. Aber Brandenburgs Aussteller haben mehr zu bieten. 
Auch Gürkchen sind in diesem Jahr wieder auf der Grünen Wochen mit dabei. Aber Brandenburgs Aussteller haben mehr zu bieten. Foto: Messe Berlin

Berlin - Wer bei der Grünen Woche in die Brandenburg-Halle möchte, braucht Durchhaltevermögen. Bei den Österreichern muss man sich am gut besuchten Hornhaut-Hobel-Stand und den Wurstbergen vorbeiquetschen. Etwas weiter dudelt der Steiermark-Franz auf seinem Akkordeon und sorgt damit immerhin für etwas Platz. Überhaupt bleibt der Weg nach Brandenburg sehr musikalisch. In Holland marschiert eine Blaskapelle am Gouda vorbei, die Schweizer haben ihre Jodlerinnen und in Thüringen singt die Klöße-Maria irgendwas in ihr Playback-Mikrofon. Egal, Ohren zu und durch. Dann endlich Halle 21a. „Brandenburg. Es kann so einfach sein“, prangt über dem Eingang. Gleich am ersten Stand gibt es Alkohol.

Es sind die Werderaner Tröpfchen, die vom dortigen Obst- und Gartenverein präsentiert werden. Der heiße Sommer im letzten Jahr habe Spitzenobstweine hervorgebracht, sagt Hersteller Toni Geißhirt und freut sich über „viel Süße und Aroma“. Geißhirt tüftelt mit Obstweinen bereits seit er 13 ist.

Der Werderaner Toni Geißhirt macht auch aus Löwenzahn Wein.
Der Werderaner Toni Geißhirt macht auch aus Löwenzahn Wein.Foto: F. Hackenbruch

In Werder nennen sie ihn deshalb „Himbeertoni“. Neu im Sortiment hat er in diesem Jahr Löwenzahn-Wein. Wie er auf so etwas kommt? „Wir gehen einfach raus und probieren, was einigermaßen schmeckt und bei den Kunden ankommt.“ Für einen Liter Löwenzahn-Wein muss er rund 100 Gramm Löwenzahnblüten pflücken. Und geschmacklich? Einigermaßen.

Senf geht immer. Sybille Opitz (l.) wirbt bei Jütro aber auch für vegane Remoulade.
Senf geht immer. Sybille Opitz (l.) wirbt bei Jütro aber auch für vegane Remoulade.Foto: F. Hackenbruch

Ein paar Meter weiter drückt Sybille Opitz den Messebesuchern am Jütro-Stand Essiggurken in die Hand. „Die legen wir extra für die Grüne Woche ein“, sagt sie. Viel mehr Frisches gibt es hier aber nicht. „Konserven und Feinkost“ lautet das Motto des Unternehmens aus Jüterbog, das viele Supermarktketten beliefert. Optiz wirbt für die neue vegane Remoulade auf Erbsenmehlbasis. „Schmeckt gar nicht groß anders“, sagt sie und hofft damit, im Trend zu liegen. Am beliebtesten sei jedoch der Senf. „Den kaufen die Besucher hier in Eimern.“

Senf und Spreewaldgurken – alles wie immer in der Brandenburg-Halle? Mitnichten! Whiskey aus der Uckermark, Eierlikör mit Crème-Brûlée-Geschmack aus der Lausitz, Schoko-Gurken mit Brausefüllung aus Potsdam, Bio-Ziegen-Käse aus der Prignitz – das Angebot aus der Mark ist breit und überraschend.

Popcorn als Gourmet-Produkt

Nina Quade ist erstmals als Ausstellerin auf der Grünen Woche und verkauft Popcorn. Vom klassischen Kino-Popcorn hält sie jedoch nichts. Ihre Sorten: Pina Colada, Karamell-Zimt, Erdnussbutter oder Trüffel-Meersalz. „Popcorn ist für uns ein Gourmet-Produkt“, sagt Quade. Seit sie als Schülerin an einem Austausch nach Kanada teilnahm und dort Karamell-Popcorn entdeckte, ist sie vom Mais-Snack begeistert. Seit 2015 betreibt die 45-Jährige die „Popcorn Bakery Berlin“ in Falkensee. Mit Erfolg. Ihre Manufaktur brummt, das Popcorn gibt es sogar in München. „Popcorn wächst über das Kino hinaus.“ Gemeinsam mit ihren vier Kindern tüftelt sie an den Rezepten. 16 Sorten hat sie im Sortiment – zur Weihnachtszeit gibt es zusätzlich Lebkuchen-Popcorn. Quade kann sich weitere Kreationen vorstellen: „Popcorn ist extrem vielseitig.“

Gourmet statt nur Kino. Nina Quade und ihr Sohn machen 16 Popcorn-Sorten.
Gourmet statt nur Kino. Nina Quade und ihr Sohn machen 16 Popcorn-Sorten.Foto: F. Hackenbruch

Auf Vielfalt setzt auch Wolfgang Brasch mit seiner „MagicOne“. So hat er die Maschine benannt, die wie ein einarmiger Bandit aussieht und Brasch zufolge über eine Million Eis-Kreationen hervorbringen kann. Salbei, Sanddorn, Rosenkohl, Knoblauch, Sesam, Spirulina – bei der Rheinsberger „Eis-Zauberei“ wird alles zu Eis verarbeitet. „Mir schmecken vor allem die Hanf-Sorten“, sagt Brasch. Entscheidend seien frische, gesunde und individuelle Zutaten. „Ich war schon immer auf dem Trip für gesunde Produkte“, sagt Brasch. Er kennt sich aus. Zu DDR-Zeiten hat er Koch gelernt, später sah er als Matrose und Kapitän die Welt. „Dann kam aber eine Frau“, sagt er und lächelt. Nach der Wende entdeckte er in einem Fachmagazin Informationen über Eismanufakturen, hatte die Idee seiner „MagicOne“ und ließ sie sich patentieren. Inzwischen steht die Maschine in Russland, Taiwan und sogar in Japan. „Ich denke über eine MagicTwo nach“, verrät Brasch zum Abschied.

"Bier braucht Heimat"

Traditioneller geht es auf der Bühne zu, die auch am heutigen Montag zum Brandenburg-Tag ganz im Zeichen der Mark steht. Die Uckermark ist am Sonntag für die Bespaßung zuständig, drei junge Paare tanzen in Lederhosen und Dirndl über das Parkett. Es läuft ein Schlager-Lied nach dem anderen, das Publikum klatscht zufrieden mit. Nicht weit entfernt lehnt Thomas Köhler an einem Stehtisch. Er kennt das Prozedere, für ihn ist es schon die 15. Grüne Woche.

Thomas Köhler von der Potsdamer Braumanufaktur kommt seit 15 Jahren.
Thomas Köhler von der Potsdamer Braumanufaktur kommt seit 15 Jahren.Foto: F. Hackenbruch

Seit 2003 braut er in der Potsdamer Braumanufaktur. Seine „Potsdamer Stange“ hat inzwischen Kult-Status. „Bier braucht Heimat. Die Menschen finden es gut, wenn es regionale Biere gibt“, sagt er und freut sich, dass mit der „Brandenburger Bierstraße“ schon 18 Gasthausbrauereien aus der gesamten Mark ihre Biere auf der Messe präsentieren. „Das ist eine Nische mit Potenzial“, sagt Köhler. Seine Arbeit sieht er auch als Heimatpflege. Drei der zehn Sorten, die er braut, habe schon Theodor Fontane bei seinen Reisen durch Brandenburg erwähnt. Seine Überzeugung: „Die Liebe zur Heimat lässt sich in Produkten wiederspiegeln.“

Vogelsänger: "Der große Trend ist Kreativität"

Es ist spät geworden. Auf der Bühne singt inzwischen ein Kirchen-Chor aus der Uckermark „Oh Happy Day“. Menschen mit glückseligen roten Gesichtern bilden den vielstimmigen Kanon. Dann wird es ruhig, die letzten Besucher torkeln aus der aufgeheizten Halle. Plötzlich taucht Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger auf. Auch er wirkt zufrieden: „Der große Trend ist die Kreativität. Ich habe noch nie so viele neue Produkte in der Brandenburg-Halle gesehen“, sagt der SPD-Politiker. Sein persönlicher Favorit: „Auf so etwas wie Popcorn mit Karamell und Meersalz muss man erst einmal kommen.“ Er appelliert an die Filialleiter der Supermärkte, zehn bis zwanzig Prozent regionale Produkte ins Sortiment aufzunehmen. Dann erblickt er Innenminister Karl-Heinz-Schröter (SPD) und verabschiedet sich. 

In einer kleinen Gruppe von Besuchern stimmen die beiden Minister „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ an. Dann wird angestoßen. Die Gäste mit Bier, die Politiker mit Wasser. Wer länger in Brandenburg bleiben möchte, braucht eben auch Durchhaltevermögen.