• Großbrand bei Potsdam: Wie das Feuer nach Brandenburg kam

Großbrand bei Potsdam : Wie das Feuer nach Brandenburg kam

Die Flammen südlich von Potsdam zwangen die Menschen, in Notunterkünften zu übernachten. Doch nun bleibt die Angst vorm nächsten Feuer.

Sven Goldmann Hannes Heine Sebastian Leber
Eine riesige Rauchwolke steigt über dem Waldgebiet auf, in dem rund 600 Feuerwehrmänner gegen die Flammen kämpften.
Eine riesige Rauchwolke steigt über dem Waldgebiet auf, in dem rund 600 Feuerwehrmänner gegen die Flammen kämpften.Foto: dpa/Michael Kappeler

So ein Waldbrand kommt nie zur passenden Zeit, aber muss es denn unbedingt am 38. Hochzeitstag sein? Uwe Naehte steuerte am Donnerstagnachmittag gerade seinen Bus durch den Landkreis Potsdam-Mittelmark, noch ein paar Stunden bis zum Feierabend. Ein 63 Jahre alter Mann mit wildem Lockenschopf, er hat früher bei der Feuerwehr gearbeitet und schnell erkannt, dass da etwas passiert sein musste. Viel Rauch und ein roter Streifen am Horizont – wird wohl ein größerer Waldbrand sein, kann schon mal passieren in diesem trockenen und nicht endenden Sommer. „Aber natürlich hab’ ich mir nicht vorstellen können, dass es quasi bei mir vor der Haustür brennt“, also ein paar hundert Meter vor der Karl-Marx-Straße in Frohnsdorf, einem Dorf, das zum Brandenburger Städtchen Treuenbrietzen gehört.

Die Feier zum Hochzeitstag der Eheleute fiel aus. Das 380 Seelen zählende Frohnsdorf wurde am selben Abend evakuiert, in ein schnell eingerichtetes Notquartier in der Treuenbrietzener Stadthalle. Uwe Naethe ist früh am nächsten Morgen noch einmal zurückgefahren, mit behördlicher Genehmigung, um daheim die Gänse, Hühner und Schweine zu füttern. Von der Haustür hat er den tanzenden Flammen zugeschaut, ein roter Feuerschein bis hoch in die Baumkronen. „Ich hab’ ja in meiner Zeit bei der Feuerwehr schon einiges gesehen, aber so etwas noch nie.“

Treuenbrietzen liegt knapp 40 Kilometer südwestlich von Potsdam, das ist keine allzu beruhigende Entfernung, wenn 400 Hektar Wald in Flammen stehen. Der Wind trieb den Brandgeruch über die Landeshauptstadt, die südlichen Berliner Randbezirke bis nach Charlottenburg und Kreuzberg. Auch die Berliner Feuerwehr schickte Einsatzwagen zur Unterstützung, alle trafen sich auf einem Spielplatz am Rand von Frohnsdorf, wo sich die Einsatzzentrale eingerichtet hatte.

Berlins Innensenator Andreas Geisel nutzt die Lage im Nachbarbundesland für ein Statement, das man auf zweierlei Weise lesen kann. „Die Brandenburger Feuerwehr arbeitet bei der Bekämpfung der schlimmen Waldbrände am Limit“, sagt der Innensenator. „Es ist völlig normal, dass wir in einer solchen Situation unseren Kolleginnen und Kollegen solidarisch mit Hilfe zur Seite stehen.“ Am „Limit“ ist schlecht, weil es bedeutet: Es fehlen Reserven, die – im Falle neuer Flammen – nötig wären.

Die Polizei hat die nach Frohnsdorf führende Bundesstraße 102 schon kurz hinter der Treuenbrietzener Innenstadt gesperrt. Feuerwehrleute ruhen sich im Gras des Spielplatzes aus, gleich neben dem Klettergerüst. Um kurz nach neun gehen die ersten erleichterten Blicke gen Himmel. Regen! Aber es bleibt bei ein paar Tropfen, zu wenig, um das Feuer in den Griff zu bekommen. „Das reicht nicht“, sagt Malte Bluhm von den Johannitern, der die Sammelstelle für die Einsatzkräfte im Haus der Freiwilligen Feuerwehr in Treuenbrietzen koordiniert. Seit vier Uhr in der Nacht sind sie vor Ort, versorgen die Einsatzkräfte von Katastrophenschutz und Polizei. Nudeln mit Tomatensoße zum Frühstück.

Ein blauer Wasserwerfer fährt vor, die Brandenburger Polizei hat ihn vor zwei Jahren für den Einsatz bei Demonstrationen angeschafft. Der Fahrer braucht eine kurze Pause. Die Lage vor Ort ist schwierig, heißt es. Der Wind macht den Einsatzkräften zu schaffen, facht das Feuer immer wieder an. Da helfen die paar Tropfen Regen nicht. In dem Moment hört es auch schon wieder auf zu regnen. Trotzdem richten die Helfer ihre Blicke wieder nach oben. Ein Löschhelikopter knattert über Frohnsdorf, unter ihm schwebt ein an Ketten befestigter riesiger Wasserkorb, den der Pilot gleich auf eines der zahlreichen Glutnester kippen wird. Der Brand muss aus der Luft bekämpft werden, alles andere ist zu gefährlich. Im Wald von Treuenbrietzen lagert wie überall rund um Berlin noch Munition aus dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder kommt es an diesem Freitag zu Detonationen.

Um halb elf kommt der Ministerpräsident nach Frohnsdorf. Dietmar Woidke ist eigentlich in der Uckermark mit Frank-Walter Steinmeier verabredet, aber an so einem Tag muss der Bundespräsident mal zurückstehen. Alle Kameras und Mikrofone richten sich sofort auf Woidke, aber der hebt nur kurz und entschuldigend die Hand, „ich muss erst Mal zu den Einsatzkräften – Wahnsinn, was die hier für einen Job machen“. Woidke ist ein hochaufgeschossener Mann, gut einen Kopf größer als der neben ihm stehende Michael Knape, der eine gelbe Weste mit dem Schriftzug „Bürgermeister“ trägt. Der Ministerpräsident legt seinen Arm um seinen Treuenbrietzener Statthalter und sagt: „Dieser Mann ist jetzt seit 30 Stunden im Einsatz“, 30 Stunden ohne Schlaf, das sei doch mal ein Vorbild. Knape versucht ein Lächeln, es gelingt ihm nicht so recht, und dann geht es auch schon weiter auf den Spielplatz, wo die Feuerwehrleute warten.

Noch gibt es 38 000 ehrenamtliche Feuerwehrleute im Land, dazu kommen 1000 Berufsfeuerwehrleute und 900 Einsatzkräfte in Werkfeuerwehren. Oft sind die Freiwilligen zuerst da – doch in vielen Orten werden es weniger. Dietmar Woidke will die Altersgrenze anheben und die Jugendarbeit fördern. Dazu wolle das Land 5,5 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung stellen – für Ausrüstung und Prämien.

Aber reicht das? Bei extremer Trockenheit, Hitzerekorden, Bränden dieser Größenordnung? Der Flächenbrand, sagt ein Feuerwehrmann aus Berlin, wäre ohne die Hubschrauber der Bundeswehr und die Wasserwerfer der Bundespolizei jedenfalls kaum zu löschen gewesen. Während in den Innenministerien bundesweit über neue Feuerwehrwagen mit größeren Wassertanks und moderne Löschdrohnen nachgedacht wird, gibt es bislang keine Löschflugzeuge. Anders als in den USA fehlen ausreichend große, ruhige Gewässerabschnitte, um die Flugzeuge zu betanken. Experten empfehlen nun zumindest den Kauf kleinerer Maschinen, die auf breiten Flüssen landen könnten. Am Nachmittag sagt der Präsident des Technischen Hilfswerks, Albrecht Broemme, im RBB-Inforadio: „Ich gehe davon aus, dass wir auch in Deutschland den Einsatz von Löschflugzeugen brauchen.“

Zeit für einen Anruf in Osnabrück. Jan Südmersen ist dort leitender Feuerwehrmann und bundesweit anerkannter Experte für Flächenbrände. Südmersen arbeitete schon bei Großbränden in Nordamerika und leitet den Verein „@fire – Internationaler Katastrophenschutz Deutschland“. Am Freitag beobachtet er das Feuer bei Treuenbrietzen aus der Ferne, spricht vom Eindämmen des Feuersaumes, von Fronten und Flanken. Die Kollegen vor Ort sollten Reserven bereithalten und darauf achten, dass nicht alle Mann im Dauereinsatz sind, weil es noch tagelang viel zu tun geben werde. Die Brandenburger Feuerwehr sei gut aufgestellt, aber wie fast überall in Deutschland reiche das Personal nur knapp – und nur, weil jeder mit voller Kraft einsteige.

Und nun, sagt Südmersen und wird am Telefon leiser, stünden die Nachlöscharbeiten an: „Schaffen das die Leute noch, die schon seit Tagen im Dienst sind?“ Als vor einigen Wochen im Brandenburgischen Storkow schon mal 100 Hektar Wald brannten, rückte auch Südmersen mit seinen Männern an – die Nachlöscharbeiten dauerten einen halben Tag. In Treuenbrietzen ist ein fast fünfmal so großes Gebiet betroffen. Glutnester, vielleicht sogar neue Ausbrüche und dazu noch die Griller, Raucher, Kokeler – solange Wälder und Felder trocken sind, drohen neue Brände. Der schlimmste Fall? Es bliebe trocken und Wind käme auf.

Im Wald hinter Frohnsdorf züngeln am Abend immer wieder Flammen empor. Olaf Fetz, Stadtbrandmeister von Treuenbrietzen, winkt ab. Die Einsatzkräfte müssen sich jetzt erst einmal um die Feuerwand kümmern, die in der Ferne durch die Bäume zu sehen ist. Die Glutnester werden so zur Nebensache. Fetz fährt Patrouille auf dem Waldweg, der die Landkreise Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming trennt. Seine Kollegin zeigt auf einen etwa einen Meter tiefen Krater im Boden, wo gestern während der Löscharbeiten eine Granate hochging. Dass in dem Wäldchen noch Weltkriegsmunition liegt, sei nicht bekannt gewesen. „Meine Hosenbeine haben geflattert, das war Wahnsinn“, sagt Fetz.

Auf dem Weg steht nun Frank Tiews, Kriminalhauptkommissar aus Bad Belzig. Er soll untersuchen, ob es Brandstiftung war. Einiges spricht dafür, weil zeitlich versetzt an mehreren Stellen Feuer ausgebrochen sein sollen. Aber feststellen, ob Brandbeschleuniger im Spiel waren – das sei kaum möglich, sagt Tiews. Dafür sei das Areal zu groß. Nur bei überschaubaren Flächen lasse das LKA den Boden ausheben und untersuchen. Doch so trocken wie der Wald ist, genüge ein Feuerzeug, um ein Inferno zu entfachen. Als Brandstifter hätte er „Angst, dass ich nicht mehr wegkomme, so schnell wie sich die Flammen ausbreiten können“.

Auf dem Spielplatz von Frohnsdorf nehmen sich Ministerpräsident Woidke und Bürgermeister Knape eine halbe Stunde Zeit für die Lagebesprechung mit den Einsatzkräften. Dann treten sie vor die Kameras und verkünden eine erste Erfolgsmeldung. Die Gefahr für Frohnsdorf ist gebannt, die Einwohner dürfen zurück in ihre Häuser. Der erste ist Karsten Marsch, er lehnt an seinem Gartenzaun und hat nur einen Wunsch: schlafen. „Ich will endlich ins Bett“, sagt der 58-jährige Elektriker. Er hat die Nacht nicht auf einem Feldbett und der Stadthalle verbracht, das wäre ja noch vergleichsweise bequem gewesen. Aber da ist noch Bina, der Familienhund, den hätten sie schlecht mit in das Notquartier nehmen können. Also hat Karsten Marsch sein Auto neben der Stadthalle geparkt, damit sie wenigstens die Toilette dort nutzen können. Die Angst raubt ihm die Nachtruhe. „Das ist unser Lebenswerk“, sagt Marsch und zeigt auf das Haus, in dem er seit 20 Jahren wohnt. In das er viel Liebe, Geld und Arbeit gesteckt hat. „Wir hätten alles verloren. Wir hätten ganz von vorne anfangen müssen.“

Die Lage sei „sehr ernst“, sagt auch Raimund Engel, der Waldbrandschutz-Beauftragte für Brandenburg. In der Waldbrandzentrale in Wünsdorf wertet er am Freitagmittag Kamerabilder der betroffenen Flächen aus. „Die Kiefernnadeln und auch das wenige Laubholz sind so ausgedorrt, ja knochentrocken. Wir versuchen die Linien zu verteidigen, damit sich das Feuer in der Fläche nicht noch weiter ausbreitet.“ Diese Linien seien meistens Wege, die von den Einsatzkräften regelmäßig mit Wasser bespritzt und feucht gehalten würden. Weil das Feuer vielerorts jedoch selbst die Baumkronen erfasst habe, könne es sich durch die Luft verbreiten und die Verteidigungslinien regelrecht überspringen.

Engel sagt, die Meldungen über die Ausbreitung des Feuers hätten sich überschlagen: „Aus 10 betroffenen Hektar wurden plötzlich 20, dann 30, und die nächste Nachricht lautete schon 100 Hektar“. Donnerstagabend hätten Experten einen Hubschrauberflug über die betroffene Region unternommen. „In der einsetzenden Dunkelheit war das Ausmaß des Brandes gut zu erkennen, der Anblick war höchst beunruhigend.“ Einen solchen „Vollbrand“, bei dem das Feuer nicht nur am Boden wütet, sondern die Baumkronen erreicht, habe es in Brandenburg in dieser Größenordnung noch nicht gegeben. „Das kennt man aus Australien oder den USA, aber doch nicht hier.“

Das Haus von Karsten Marsch ist zur Mittagsstunde das einzige, bei dem die Rollläden wieder nach oben gezogen sind. Die anderen sind wie verrammelt, es wirkt, als hätten sich die Frohnsdorfer auf eine längere Abwesenheit eingestellt. Ministerpräsident und Bürgermeister machen sich auf den Weg in die Stadthalle, um den dort ausharrenden Menschen die Entwarnung mitzuteilen. Fünf Kilometer durch den Wald, er wirkt so idyllisch, wenn die Sonne durch die Baumwipfel blinzelt. Großes Hallo, als die Wagenkolonne das Notquartier erreicht. Woidke schüttelt Hände, er nimmt sich Zeit, auch für einen älteren Mann, der von seinem Dackel erzählt. Noch einmal legt der Ministerpräsident seinen Arm um die Schultern des Bürgermeisters. Knape erhält das Schlusswort, er nutzt es zu einer Dankadresse an die 600 Helfer, sie sind aus ganz Brandenburg, Berlin und aus Sachsen-Anhalt nach Treuenbrietzen gekommen. „Die Solidarität lebt in Deutschland“, sagt Knape, und das sei eine schöne Botschaft nach diesem schweren Tag.