Brandenburg : Graffitisprayer, Liebespaare, Terroristen

Videoüberwachung mit automatischer Gesichtserkennung am Berliner Südkreuz soll ausgebaut werden

Hannes Heine
Pilotprojekt. Seit August 2017 gibt es Kameras am Bahnhof Südkreuz.
Pilotprojekt. Seit August 2017 gibt es Kameras am Bahnhof Südkreuz.Foto: W. Kumm/dpa

Berlin - Das Projekt zur automatischen Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz, begonnen von der Deutschen Bahn und mehreren Bundesbehörden, wird massiv ausgebaut. Das Auswerten der Lage auf den Bahnsteigen durch Überwachungskameras und Computer soll nach der Sommerpause deutlich ambitionierter fortgesetzt werden, als bislang bekannt war. So wurde zwar vor einigen Tagen mitgeteilt, die eingesetzten Computerprogramme sollten gefilmte Personen und Gegenstände so analysieren, dass sie bestimmte Abweichungen von der „Normalität“ im Bahnhof erkennen. Aus High-Tech-Firmen und von Politikern heißt es nun aber, praktisch könnten alle möglichen Formen „abweichenden Verhaltens“ automatisch registriert werden – also womöglich Rennen, wildes Gestikulieren oder Handbewegungen, wie sie beim Graffitisprühen üblich sind. Zudem seien Funktionen wie „Personenzählung“ dazugekommen.

Dies geht aus einer Antwort von Innenstaatssekretär Stephan Mayer (CSU) auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Alexander Ulrich (Linke) hervor, die dieser Zeitung vorliegt. Demnach wird die Videoanalyse am Südkreuz für sechs Szenarien ausgebaut, bislang war von vier Einsatzmöglichkeiten die Rede. Zu den Szenarien zählen: 1) abgestellte Gegenstände (etwa mutmaßliche Kofferbomben), 2) Betreten bestimmter Bereiche (beispielsweise Gleise), 3) Personenströme (für den Fall von Paniken), 4) Menschenzählung (um Bahnsteigüberfüllungen vorzubeugen). Dazu kommt 5) die „retrograde Auswertung von Videodaten“. Zudem sollen nicht mehr nur die Gesichter gesuchter, also verdächtiger Menschen anhand biometrischer Merkmale erkannt werden, sondern 6) auch „liegende (hilfsbedürftige) Personen“.

Die zuletzt genannte Möglichkeit ließe sich auf jede Form bestimmter Bewegungen und Positionen anwenden. Was wäre, wenn zwei Liebende, die sich lange nicht gesehen haben, auf dem Bahnsteig aufeinander zurennen – wird das dann ähnlich registriert wie eine Schlägerei einen Bahnsteig weiter? Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums kündigte an, sich dazu äußern zu wollen. Es gab dann aber doch kein Statement.

An dem Projekt sind neben der Bahn die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt beteiligt, die dem Innenminister unterstehen. Noch ist nicht bekannt, welche Firmen für die zweite, ambitioniertere Phase infrage kommen – einige der IT-Unternehmen, die sich dafür angeboten haben, werben damit, dass ihre Software zuverlässig „Muster“ im öffentlichen Raum erkennen und „Verhalten interpretieren“ könne. In der Ende September beginnenden, mindestens sechsmonatigen Testphase sollen die Daten und Bilder aber nicht gespeichert werden.

Die erste Phase am Südkreuz, die der Gesichtserkennung, begann im August 2017. Seitdem werten Computerprogramme die Bilder aus drei der mehr als 70 Kameras auf dem Gelände aus. Die Computer haben die Merkmale von 300 freiwilligen Testpersonen gespeichert und sollen erkennen, wann diese Männer und Frauen im Bahnhof auftauchen. Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach im Dezember bei einer Zwischenbilanz von einer Erkennungsquote von 70 bis 85 Prozent. Er habe „einen erheblichen Mehrwert für die Fahndung nach Terroristen und Schwerverbrechern“ erkennen können. Hannes Heine