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Gesundheit : Brandenburgs Kinder kränkeln

Heuschnupfen, Darmerkrankungen und Asthma: Kinder in Brandenburg sind überdurchschnittlich oft wegen chronischer Krankheiten in Behandlung.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Potsdam - Neurodermitis, Heuschnupfen, Darmerkrankung, Asthma, Adipositas und dann auch noch Rücken. Was sich liest wie die Krankenakte eines nicht besonders fitten Erwachsenen, sind die Befunde, mit denen Hendrik Karpinski und seine Kollegen täglich konfrontiert sind. Karpinski ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Niederlausitz in Lauchhammer. Er kann aus der Praxis bestätigen, was der Kinder- und Jugendreport der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) beschreibt: Brandenburgs Kinder sind kränker als Gleichaltrige in anderen Bundesländern, vor allem die chronischen Erkrankungen, die Patienten über Jahre, manchmal für immer begleiten, bereiten märkischen Kindern Probleme. „Ja, es bildet sich so ab“, sagt Jugendmediziner Karpinski.

Drei Erkenntnisse

Vor allem drei Erkenntnisse sind es, die Gesundheitswissenschaftler Julian Witte von der Universität Bielefeld bei der Auswertung der DAK-Daten gewonnen hat. Der erste Befund: In Brandenburg ist annähernd jedes dritte Kind körperlich chronisch krank, die meisten Minderjährigen leider dabei unter der Hautkrankheit Neurodermitis. Mit 127 registrierten Neurodermitis-Fällen pro 1000 minderjährigen Brandenburgern liegt das Land 56 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.

Der zweite überraschende Befund: Schon in jungen Jahren haben es die Brandenburger im Kreuz. Fast jedes fünfte Kind hat mindestens einmal im Jahr damit zu tun. „Das ist alarmierend“, sagt Anke Grubitz, Leiterin der DAK-Landesvertretung Brandenburg, „denn frühere Muskel-Skelett-Probleme können im Erwachsenenalter schwere Rückenleiden nach sich ziehen“, sagt sie.

Die dritte Erkenntnis: Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle. Und zwar sind nicht etwa die Landkinder, die in einer Umgebung mit viel frischer Luft aufwachsen, besser dran als die Stadtkinder. In ländlich geprägten Gebieten lag der Anteil der Kinder mit Allergien um 37 Prozent höher als bei jenen, die in der Stadt aufwachsen. Auch die Neurodermitis-Fälle häufen sich eher auf dem Land. Eine stichhaltige Erklärung dafür gebe es nicht, so Witte. Die „Bauernhofhypothese“, wonach Landkinder weniger anfällig für Allergien seien, scheine sich gedreht zu haben.

Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen Stadt und Land, wenn man die DAK-Studien für Berlin und Brandenburg vergleicht. So wurden in Brandenburg 31 Prozent mehr Kinder aufgrund von Rückenleiden behandelt. Auch Hautkrankheiten, Atemwegsprobleme, Adipositas und Bronchitis wurden häufiger in Brandenburg diagnostiziert als in Berlin. Anders bei den psychischen Leiden: In Berlin wurden mehr Kinder mit Angststörungen und Depressionen (plus 32 Prozent gegenüber Brandenburg) behandelt. Das müsse nicht bedeuten, dass Kinder in Brandenburg weniger psychische Probleme haben, sagt Kinderarzt Karpinski. Er vermute eher, dass Depressionen in Berlin häufiger diagnostiziert würden, weil Spezialisten schneller erreichbar seien. „Die Hürde, sein Kind einem Psychiater vorzustellen, ist ohnehin hoch“, erklärt er. Wer dann noch weit fahren muss, um einen Kinderpsychiater konsultieren zu können, nehme davon eher Abstand.

Der gefühlte Mangel

Aber nicht nur Spezialisten, auch „normale“ Kinderärzte finden Familien in der Mark nicht immer vor der Haustür. „Nach der Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung ist die ambulante Versorgung mit Kinderärzten in Brandenburg gedeckt“, sagt Karpinski. „Aber das ist nicht die Wahrnehmung der Bevölkerung.“ In den alten Ländern sei es üblich, Kinder dem Hausarzt vorzustellen. Im Osten sei man schon immer zum Kinderarzt gegangen. „Deswegen ist der gefühlte Mangel hier größer“, vermutet er. Kinder in Brandenburg würden relativ häufig in Krankenhäusern versorgt statt in Praxen. „Wir springen da in Lücken“, sagt der Ärztliche Direktor. Für die Krankenkassen wiederum treibt das die Ausgaben in die Höhe.

Auch der oft betonte Zusammenhang zwischen Gesundheitszustand der Kinder und Bildungsniveau der Eltern zeigt sich bei den DAK-Zahlen. Bei Kindern von Eltern, die keinen Schulabschluss haben, ist die Adipositasrate um bis zu 247 Prozent höher als bei jenen, deren Eltern eine gute Ausbildung genossen haben. Auch bei Karies, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, Allergien und Asthma sind die Krankheitsraten bei Kindern aus bildungsarmen Familien höher. Ein Mittel, mit dem das Land seit Jahren versucht gegenzusteuern, sind die Netzwerke Gesunde Kinder, die Familien ehrenamtliche, beratende Paten zur Seite stellen. Mit Erfolg, so Karpinski. Kinder, die im Netzwerk betreut werden, seien besser geimpft und gesünder.