Brandenburg : Genossen für das Herrenhaus

20 Städter wollen im Oderbruch ihren Traum einer generationsübergreifenden Gemeinschaft verwirklichen. Im einstigen Herrenhaus von Gorgast wollen sie nicht nur zusammen wohnen

Jeanette Bederke
Hier sagen sich Fuchs und Ente gute Nacht? Von wegen. Zwar ist in dem alten Gutshaus noch viel zu tun – aber es gibt genug Platz für Ideen. Und die Gemeinschaft, die sie umsetzen, die hier etwas aufbauen will, hat sich auch schon gefunden. Fotos (3): Patrick Pleul/dpa
Hier sagen sich Fuchs und Ente gute Nacht? Von wegen. Zwar ist in dem alten Gutshaus noch viel zu tun – aber es gibt genug Platz...

Küstriner Vorland - Noch etwas schüchtern sitzt Uta Gerullies in der großen, eifrig diskutierenden Runde vor dem Kamin im alten Herrenhaus von Gorgast, einem Ortsteil der Gemeinde Küstriner Vorland (Märkisch-Oderland). An den Wänden hängen Tafeln und bunte Kärtchen, handschriftlich ausgefüllt, mit vielen Pfeilen und ein paar Smileys. Es dreht sich alles um die Zukunft des denkmalgeschützten Gutshofs, der zwölf Jahre Leerstand hinter sich hat.

Gerullies, die in einer Gärtnerei in der Nachbarschaft arbeitet, war erstmals zu einem Kinoabend im vergangenen Jahr in das Gebäude gekommen. „Ich habe mich von der Gemeinschaft gleich aufgenommen gefühlt“, erklärt sie die Gründe, aus denen sie jetzt wiedergekommen ist. Die „Gemeinschaft“, von der sie spricht, das sind rund 20 Enthusiasten aus Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Niedersachsen: Zwölf von ihnen haben im Mai 2015 eine Genossenschaft gegründet und das heruntergekommene zweistöckige Haus, Baujahr 1840, von der Gemeinde gekauft.

„Zuvor haben wir uns rund 100 Objekte angeschaut“, erinnert sich Genossenschaftsvorstand Harald Obenaus stöhnend. In Gorgast habe alles gepasst: die Entfernung von Berlin, die Verkehrsanbindung inklusive Bahnhof, die Aufteilung der riesigen hellen Räume und die gut erhaltene Bausubstanz des im Laufe der Zeit mehrfach umgebauten Hauses. Im Dorf gebe es Konsum, Friseur, Fleischer und Bäcker, ergänzt sein Sohn Daniel. „Gorgast ist nicht ganz so abgehängt von der Zivilisation, wie man es dem Oderbruch eigentlich immer nachsagt.“ Was die Gemeinschaft aus Menschen im Alter zwischen 1 und 76 vorhat, sei kein einfaches Mehrgenerationen-Wohnprojekt, stellt Obenaus Senior klar. „Wir wollen das Haus öffnen – sowohl für die Nachbarn hier auf dem Land, als auch für Städter, die ins Oderbruch kommen“, sagt er. Hauptberuflich arbeitet er im Brandenburger Bildungsministerium. Eigene Tagungen sollen beispielsweise organisiert, aber auch für andere ausgerichtet werden. Andere Ideen seien noch in der Entwicklungsphase.

Der Kinoabend im vergangenen Jahr sowie ein Tag der offenen Tür seien dafür ein erster Testballon gewesen. „Die Leute aus der Umgebung sind interessiert, weil fast jeder eine Geschichte mit diesem Gebäude verbindet“, sagt der aus Bayern stammende Johannes Pfister. Er wohnt als erster aus der Genossenschaft auch tatsächlich im Herrenhaus, wenn auch noch ziemlich provisorisch.

Bereits seit Monaten wird der Bau mit einer Nutzfläche von 1500 Quadratmetern vor allen Dingen entrümpelt, gesäubert und hergerichtet – in Eigenleistung. Mächtige Deckenbalken mussten beispielsweise ausgetauscht werden, um zu verhindern, dass der komplette Dachstuhl zusammenbricht.

Einziger Luxus bisher ist eine Badewanne mit Regendusche im erstaunlich lichtdurchfluteten Gewölbekeller. Im Erdgeschoss gibt es zudem ein bereits renoviertes, helles Büro mit Internetanschluss, Telefon und mehreren Arbeitsplätzen.

In den Pausen trifft sich die Gemeinschaft am Kamin und diskutiert das künftige Konzept. Unter ihnen sind Studenten, Ärzte, Architekten und Pädagogen. Zusammengefunden haben sie über Bekannte und das Internet. „Das ist ein Prozess. Wir wollen etwas für eine gemeinsame Zukunft machen, sind allerdings durchaus wirtschaftlich orientiert.

Spätestens in drei Jahren sind wir mit dem Haus so weit, dass wir einige der 30 Räume auch für Veranstaltungen vermieten, Ferienwohnungen und ein Café einrichten“, so Harald Obenaus. Wer daran mitwirken will, sei ausdrücklich willkommen – so wie Uta Gerullies. Das Leben in einer Gemeinschaft, die an einer offenen und naturnahen Lebensweise interessiert ist, sei schon ihr Jugendtraum gewesen, sagt sie. Jeanette Bederke