• Gefundenes totes Baby wird beerdigt: „Dieses Kind wird im Tod umsorgt“

Gefundenes totes Baby wird beerdigt : „Dieses Kind wird im Tod umsorgt“

Ein totes Baby, das Anfang Februar in einem Gebüsch in Berlin entdeckt wurde und dessen Eltern unbekannt sind, wird beerdigt. Dabei halfen viele Stellen mit. Wie es dazu kam, schildert Polizeiseelsorgerin Marianne Ludwig.

Fatina Keilani
Das tote Baby wird am Montag in Hohenschönhausen beigesetzt (Symbolbild).
Das tote Baby wird am Montag in Hohenschönhausen beigesetzt (Symbolbild).Foto: Sebastian Gabsch/PNN

Frau Ludwig, am 4. Februar fanden Spaziergänger ein nacktes, totes Baby im Gebüsch am Anhalter Bahnhof. Dieses Baby hat von Ihnen als Polizeiseelsorgerin den Namen Dorothea bekommen und wird am Montag beerdigt. Es wurde tot geboren, es ist also kein Kriminalfall. Bitte erzählen Sie uns die Geschichte.

Der Tod dieses Kindes hat Unglaubliches ausgelöst. Es ist ergreifend zu sehen, in wie großer Einigkeit alle Beteiligten zusammengewirkt haben. Zunächst, wie sich die Polizeikollegen umeinander kümmerten - das wäre so vor zehn Jahren noch nicht denkbar gewesen. Ein Beamter stand unter Schock. Er wurde aufgefangen, seelsorglich betreut, seine Familie einbezogen. Aber da war noch mehr. Dieses Gefühl: So etwas lassen wir nicht zu. Das soll bei uns nicht sein, dass ein Baby tot ins Gebüsch gelegt wird.

Ein öffentliches Begräbnis für ein totes Baby - das ist ungewöhnlich.

Nachdem klar war, dass es kein Kriminalfall ist, fiel das Baby in die Zuständigkeit der Vermisstenstelle. Niemand vermisst dieses Baby, die Eltern sind unbekannt. Die Frau aus der Vermisstenstelle recherchierte und traf auf ein Bestattungsinstitut, das auf Bestattungen von Föten und Totgeburten spezialisiert ist. Sie rief dort an und bekam zur Antwort: „Wir bestatten das Kind und nehmen kein Geld dafür.“ Blieben nur die Friedhofskosten, auch 

die hat ein anonymer Spender bezahlt. Und es ging so weiter.

Ist das normal, dass die Polizei sich um so etwas kümmert?

Nein, normal ist an dem Fall nichts. Ich habe auch früher, als ich noch Seelsorgerin am St. Joseph Krankenhaus war, tot geborene Babys bestattet. Es war mir wichtig, dieses Baby zu beerdigen, zumal ich weiß, wie betroffen Polizeibeamte sind, wenn es um Kinder geht. Und es ging weiter. Ich habe bei der Landespolizei in Brandenburg einen Antrag gestellt, dass wir einen Trompeter vom Polizeiorchester bekommen, und erhielt die Zusage.

Gibt es einen Grabstein?

Zunächst war für mich klar, dass das Kind einen Namen haben soll. Ich schlug Dorothea vor. Alle waren sofort einverstanden. Mit diesem Namen wollte ich für die Beerdigung ein einfaches Holzkreuz haben. Das ist ja der Moment, in dem das Kind eine Realität bekommt. Sonst bleibt es nur eine Vorstellung. Ich ging zum Steinmetz in meiner Nachbarschaft und bat um einen Kostenvoranschlag, und auch der sagte: Ich möchte dafür kein Geld. Allerdings werde er es nicht bis zur Beerdigung fertigbekommen. Doch dann legte der Geselle eine Sonderschicht ein, und so wurde das Kreuz fertig. Das war unglaublich. Ganz viele Menschen haben einfach gewollt, dass dieses Kind im Tod umsorgt wird.

Pfarrerin Marianne Ludwig ist Polizeiseelsorgerin bei der Landespolizei Berlin und beim Zoll in Berlin und Brandenburg.
Pfarrerin Marianne Ludwig ist Polizeiseelsorgerin bei der Landespolizei Berlin und beim Zoll in Berlin und Brandenburg.Foto: privat

Wie sind Sie auf „Dorothea“ gekommen?

Dorothea ist ein griechischer Name und bedeutet Gottesgeschenk. Mit diesem Namen halten wir fest, dass ein still geborenes Baby mehr ist als nur eine Totgeburt. Es hat seine eigene Würde und ist es wert, dass man es auch im Tod umsorgt.

Das ist eine sehr ergreifende Geschichte.

Ja, das ist es. Es haben einfach alle gesagt: Wir wollen es nicht hinnehmen, dass man ein Kind nackt ins Gebüsch legt. Das geht nicht, und wir tun was und greifen dafür in die eigene Tasche.

Erhoffen Sie sich, dass die Eltern zur Beerdigung kommen?

Sie haben dazu jedenfalls die Chance. Sie können kommen und Abschied nehmen, und keiner wird merken, dass sie da sind.

Über die Eltern weiß man gar nichts?

Nein, gar nichts. Ich werde als christliche Pfarrerin die Beerdigung so gestalten, dass Menschen aller Religionen etwas daraus mitnehmen können. Schließlich wissen wir nichts über die Herkunft des Kindes und die Religion seiner Eltern. Dorothea soll würdig bestattet, aber nicht für eine Religion vereinnahmt werden. Religion beginnt ja damit, dass man weiß: Ich verdanke mich einer höheren Macht und bin keine Laune der Natur. Auch wenn traurige Geheimnisse bleiben.


Das Gespräch führte Fatina Keilani.