Fridays for Future : „Wir brauchen die radikale Trendwende sofort“

Auch in den Ferien demonstrieren Schüler bei „Fridays for future“. Bildungsforscher Henning Schluß findet, dass Wissenschaftler für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gehen müssen.

Henning Schluß
In Oranienburg fand die erste Fridays for Future-Demonstration statt.
In Oranienburg fand die erste Fridays for Future-Demonstration statt.Foto: snapshot-photography

Potsdam - Seit 1989 habe ich an ein oder zwei Demonstrationen teilgenommen. Lange ausgehalten habe ich es da auch nie. Demonstrationen und Massenveranstaltungen sind nicht meins. Weshalb bin ich dann am Freitag zur „Fridays for Future“-Demonstration in Oranienburg gegangen, noch dazu als Wissenschaftler, als „scientist for future“?

Eigentlich sollte das unnötig sein, denn es handelt sich um die Anerkennung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Weshalb sollte man dafür demonstrieren müssen? Das Paradigma steht eigentlich seit den Verurteilungen von Giordano Bruno und Galileo Galilei. Beide argumentierten gegen das vorherrschende geozentrische Weltbild. Während aber Bruno 1600 in Rom diese Ketzerei nicht widerrief und dafür auf dem Scheiterhaufen endete, widerrief Galilei 1633 und kam mit einem bequemen Hausarrest davon. Im Herausgehen aus dem Gerichtssaal soll er gemurmelt haben „und sie bewegt sich doch“, womit die Erde, nicht die Kirche, gemeint war.

Henning Schluß, Erziehungswissenschaftler.
Henning Schluß, Erziehungswissenschaftler.Foto: privat

Der Unterschied zwischen beiden bestand darin, dass es für Bruno keine Möglichkeit gab, seine Theorie zu beweisen. Er war von ihr aufgrund ihrer inneren Logik überzeugt, aber einen Beweis gab es noch nicht. Galilei dagegen konnte ziemlich beruhigt widerrufen, denn im Prinzip hätte jeder und jede eines von den famosen neuen niederländischen Ferngläsern auf die Planeten richten können und sich davon überzeugen können, dass die merkwürdig verschlungenen Planetenbahnen durch seine Theorie viel einfacher zu erklären waren, als durch die Theorien der päpstlichen Astronomen, nach denen die Planeten gewissermaßen Loopings hätten fliegen müssen, um die Rückwärtsbewegungen zu erklären.

Für Bruno war es also ein Bekenntnisakt, was für Galilei ein Problem der wissenschaftlichen Vernunft war. Er konnte davon überzeugt sein, dass sein Konzept auf so sicheren Füßen der Wissenschaft steht, dass die Kirche zwar momentan die Macht haben könnte, diese Wahrheit zu unterdrücken aber das konnte auf Dauer keinen Bestand haben. Die Beweise würden erdrückend werden, selbst wenn es in seinem Modell Restunsicherheiten gab oder Annahmen, die sich so nicht bewahrheiteten. Und so fliegen die Weltraumfahrzeuge auch heute auch nicht mehr nach dem ptolemäischen Weltbild.

Zur Person

Henning Schluß, 50, ist Erziehungswissenschaftler und Theologe. Der Professor für Bildungsforschung und Bildungstheorie an der Uni Wien lebt in Oranienburg.

Weshalb also sollte man als Wissenschaftler zu einer Demonstration gehen, um auf die Notwendigkeit der Reduktion des menschengemachten Klimawandels hinzuweisen, wo die Belege für die Dramatik des menschengemachten Klimawandels und seiner schon erlebbaren und für die weitere Entwicklung prognostizierten Folgen so erdrückend sind? Warum sollte man die Giordano-Bruno-Position in einer Frage einnehmen, die wissenschaftlich ziemlich klar zu beantworten ist? Lässt man sich damit nicht auf das Niveau derer herab, die den menschenbeschleunigten Klimawandel zu einer Glaubensfrage erklären? Vergleichbar mit den Fragen, glauben Sie an außerirdisches Leben, glauben Sie, dass es morgen regnet, glauben Sie an den Klimawandel? Denn nur dann, wenn es eine solche Bekenntnisfrage wäre, dann müsste man doch zu einer Demo gehen, um für deren Anerkennung sich einzusetzen? Es käme ja auch niemand auf die Idee, zu einer Demonstration zur Anerkennung der Schwerkraft aufzurufen. 

Sollte es nicht ausreichen, als Wissenschaftler zu erläutern, was die Wissenschaft inzwischen relativ sicher weiß und wo es noch Restunsicherheiten gibt, wie die Klimamodelle funktionieren und wie sie kalibriert werden und wo dennoch gleichwohl die Grenzen der Vorhersagbarkeit liegen? Erläutern, dass es beim Klimawandel nicht um die Wettervorhersage geht, sondern um die Prognose von Wahrscheinlichkeiten von Extremwetterereignissen und Durchschnittstemperaturen in Abhängigkeit von Treibhausgasemissionen, solchen, die von Natur aus stattfinden, solchen, die wir Menschen direkt verantworten und solchen, die durch Kettenreaktionen und das Überschreiten von Kippunkten hervorgerufen werden und die sich verselbständigen und die wir dann nicht mehr beeinflussen können? Wozu also demonstrieren?

Ist der Klimanotstand eine Radikalposition?

Bei dieser Demonstration hatte ich Gelegenheit, mit Politikerinnen und Politikern zu sprechen, die noch jüngst im Brandenburger Landtag die Ausrufung des Klimanotstandes abgelehnt hatten, aber sich hier der Demonstration anschlossen. Auf meine Frage, wie sie dies miteinander vereinbaren würden, bekam ich die Antwort, dass es die Aufgabe von Politikern sei, zwischen den verschiedenen Interessen zu vermitteln. Radikalpositionen könnten deshalb nicht umgesetzt werden, sondern müssten mit den gegensätzlichen Interessen zu einem Kompromiss vermittelt werden. Das sei ein undankbares Geschäft, weil man damit von allen Seiten Prügel beziehe. Aber es sei gut, dass auch die jungen Menschen ihre Position artikulieren würden, umsetzen könne man sie freilich so nicht, sondern da müsse man eben zwischen den Interessen im Sinne des Gemeinwohles vermitteln. Als politisch interessiertem Menschen ist mir diese Argumentation im Prinzip einsichtig und ich verstehe auch, dass Politiker, die gelernt haben, dieses Verfahren in allen Bereichen anzuwenden, es auch auf die Klimapolitik anwenden und die verschiedenen Interessen hier gegeneinander abwiegen wollen. 

Die Interessen der Bergbauindustrie und der Kraftwerksbetreiber, der Kumpel in den Bergbauregionen und die der „engagierten jungen Menschen“ – wie sie gern, durchaus anerkennend gemeint, – bezeichnet werden. Man selbst sei ja früher auch für etwas Gutes auf die Straße gegangen, die Abrüstung zum Beispiel oder gegen das Waldsterben, man habe also durchaus Verständnis. Das Problem ist, dass dieses in eigentlich allen Dingen des politischen Entscheidungsfindungsprozesses überzeugende und sich bewährt habende Verfahren für die Frage des Klimaschutzes völlig verfehlt ist. Dies ist aber für Politiker schwer einzusehen, weil diese Art der Kompromissfindung ihr eigentliches Handwerkszeug ist. Verfehlt ist es deshalb, weil es eben nicht sinnvoll ist, den Klimaschutz gegen Arbeitsplätze abwägen zu wollen oder gegen den erreichten Wohlstand oder das Wohlergehen von Energiekonzernen. 

Sehen wir uns die Klimaprognosen an, dann können wir verstehen, dass es dabei nicht um Politik, sondern um die Bedingung der Möglichkeit von Politik geht. Die Frage des Klimaschutzes fällt also in eine ganz andere Kategorie, die mit den alltäglichen Begriffen des Politischen nur schwer zu begreifen ist. Gewöhnlich befindet die Politik nicht über die Bedingungen ihrer Möglichkeit, sondern diese Bedingungen sind als gegeben vorausgesetzt und dann machen wir damit Politik. Zu solchen grundlegende Bedingungen der Möglichkeit von Politik gehört zum Beispiel, dass es Menschen gibt oder dass es Luft zum Atmen gibt. Nicht einmal die Frage um die friedliche Nutzung der Atomenergie erreichte diese Dimension, denn auch wenn weitere Kernfusionen zu beklagen wären, so wären die Folgen, zwar katastrophal aber immer noch begrenzt. Nach Tschernobyl haben wir keine Pilze gesammelt, nach Fukushima waren wir kurz etwas aufmerksamer beim Verzehr von Fisch, aber im Wesentlichen sind diese Katastrophen für die Menschen in der Region relevant, weniger für uns, die wir weit weg leben. 

Es wird keinen Ort geben, der davon ausgenommen ist

Beim Klimawandel dagegen handelt es sich um ein globales Phänomen. Es wird keinen Ort auf der Welt geben, der davon ausgenommen ist, von den Polen bis zum Äquator. Freilich sind die Folgen im globalen Süden noch extremer als bei uns in Mitteleuropa, aber wenn wir uns allein erinnern, was die Wanderungsbewegungen von 2015 mit unseren vermeintlich stabilen Demokratien in Mitteleuropa gemacht haben, dann können wir uns vielleicht ausmalen was es bedeutet, wenn die Menschen aus den Regionen, in denen das menschliches Überleben unmöglich geworden ist, sei es, dass sie überschwemmt oder ausgetrocknet sind, sich in die Regionen der Welt auf den Weg machen, in denen menschliches Überleben noch möglich ist, wenn auch mit erheblich mehr Unsicherheiten belastet als heute. Dass die Bundesländer keine Hilfen mehr für von Elementarschäden betroffene Haushalte übernehmen wollen und leicht zynisch empfehlen, man solle sich doch eine Versicherung suchen, die bereit ist, die schon jetzt früher nicht für möglich gehaltenen Höhen von Versicherungsschäden zu übernehmen, ist ein klares Indiz dafür, dass den Verantwortungsträgern eigentlich schon klar ist, dass angesichts der erwartbaren Folgen des Klimawandels unser gesellschaftliches Sicherheitssystem diesen nicht wird standhalten können.

Das Klima ist überlebensnotwendig

Worum es also geht ist bei den politischen Entscheidungsträgern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sie es beim Klimawandel nicht mit einem mit den üblichen Mitteln zu bearbeitenden Problem zu tun haben, wie der Pflegeversicherung, dem Mindestlohn, der Rentenerhöhung oder dem Atomausstieg, sondern um ein Problem anderer, grundlegender Ordnung, das gleichwohl politisch angegangen werden muss. Aber eben nicht im Sinne eines Interessenausgleiches, sondern in dem Sinne, dass die Grundlagen dafür erhalten werden müssen, dass künftig Interessenausgleiche überhaupt noch möglich sind. Klimaschutz ist weder gegen Arbeitsplätze, noch gegen Rentenzahlungen oder Industriestandorte aufzuwiegen. Er ist die Bedingung der Möglichkeit, damit wir uns über all das in Zukunft noch politisch streiten und vermitteln können.

Nun könnten wir als Wissenschaftler sagen, wenn das so ist, dann können wir es doch machen wie Galilei und in unseren Elfenbeinturm zurückkehren und abwarten, denn die Wahrheit wird sich schon durchsetzen. Schließlich hat der Papst sogar Giordano Bruno wieder rehabilitiert und Galileo sogar schon zuvor. Das Problem ist, diese Rehabilitationen geschahen rund ein halbes Jahrtausend später. Wir haben nur noch etwa 30 Jahre Zeit, den Netto-CO2-Ausstoß der Menschheit auf null zu bringen, wenn wir eine Chance haben wollen, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Derzeit steigt der Netto-CO2-Ausstoß der Menschheit jedoch von Jahr zu Jahr weiter an, in Brandenburg und der Bundesrepublik bleibt er mehr oder weniger konstant. Wie so die in Paris vereinbarten Klimaziele erreicht werden sollen, ist vollständig unklar. Wir brauchen die radikale Trendwende sofort, in der nicht einzelne Maßnahmen gegen andere ausgespielt werden können, sondern auf allen Ebenen muss sofort gehandelt werden, damit noch Kompromisse geschlossen werden können. Damit das irgendwann auch unsere verantwortlichen PolitikerInnen verstehen, müssen wohl auch WissenschaftlerInnen in ungewohnter Weise das Wort ergreifen. Sie müssen sich wohl daran beteiligen, etwas zu einer Bekenntnisfrage zu machen, was gar keine Bekenntnisfrage ist, sondern eine Frage der Wissenschaft, einfach deshalb weil wir die Zeit nicht mehr haben, abzuwarten. Denn wenn die prognostizierten Folgen eingetreten sind, wird es zu spät sein, an den dann sich selbst verstärkenden Prozessen noch irgendetwas zu ändern.