• Fremdenfeindlicher Übergriff in Kremmen: Anklage nach Selbstjustiz gegen Erntehelfer

Fremdenfeindlicher Übergriff in Kremmen : Anklage nach Selbstjustiz gegen Erntehelfer

Drei polnische Erntehelfer waren im Mai brutal attackiert worden - anstatt die Polizei zu rufen hatten die Angreifer Selbstjustiz geübt. Sie hatten die Erntehelfer für Einbrecher gehalten.

Alexander Fröhlich
Sie kamen nach Kremmen - um für einen Hungelohn Spargel zu stechen. Dann wurden drei Polen im Mail von einem Mob gefesselt und geschlagen. Ein klarer Fall von Selbstjustiz.
Sie kamen nach Kremmen - um für einen Hungelohn Spargel zu stechen. Dann wurden drei Polen im Mail von einem Mob gefesselt und...Foto: dpa

Kremmen/Neuruppin - Wegen dieses Falls von Selbstjustiz entschuldigte sich Dietmar Woidke (SPD), damals noch Innenminister, im Mai 2013 bei Polens Botschafter Jerzy Marganski. Im Kremmener Ortsteil Staffelde waren nach einem versuchten Wohnungseinbruch drei polnische Erntehelfer von fünf Einwohnern festgehalten, auf ein Privatgrundstück gebracht, geschlagen und gefesselt worden. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) Anklage gegen vier Männer im Alter von 19 bis 49 Jahren vor dem Amtsgericht Oranienburg wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung erhoben. Gegen einen weiteren Mann wird noch ermittelt. Dazu vernehmen die Behörden in Polen noch Zeugen und Opfer. Das sagte die Neuruppiner Oberstaatsanwältin Lolita Lodenkämper den PNN. Es handle sich um einen klaren Fall von ungerechtfertigter Selbstjustiz. Einen rechten Hintergrund gebe es nicht, die Angeklagten seien auch nicht einschlägig vorbestraft. Am Amtsgericht Oranienburg ist bislang noch nicht festgelegt worden, wann der Prozess eröffnet wird.

Die Polen, die damals in der Spargelernte tätig waren, waren bei dem Angriff im Gesicht verletzt worden und mussten behandelt werden. Auslöser für den Vorfall war ein misslungener Wohnungseinbruch am Vormittag, bei dem die Hauseigentümerin drei Männer flüchten sah. Noch am selben Tag rottete sich eine selbsternannte Nachbarschaftswehr zusammen und ging auf die Polen los – in dem Glauben, diese seien die Einbrecher. Bei einer Gegenüberstellung stellte sich heraus, dass die Erntehelfer mit dem Einbruch nichts zu tun hatten. Zudem stellten die Ermittler fest, dass die Einbrecher mit einem Wagen mit einem Berliner Kennzeichen geflüchtet waren.

Der Fall hatte im Mai 2013 die Verhandlungen deutscher und polnischer Sicherheitsbehörden zum Kampf gegen grenzüberschreitende Kriminalität überschattet. Woidke hatte damals rückhaltlose Aufklärung zugesichert – und dass die Polizei allen Ansätzen von Selbstjustiz konsequent entgegentreten werde. Für derartige Fälle gebe es keinerlei Rechtfertigung. „Wer das Recht in die eigenen Hände nimmt, stellt sich außerhalb des Rechtsstaats“, hatte Woidke gesagt.

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