FRANKFURTER VIADRINA : Wissenschaft im Grenzraum

An einem Institut an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt wird auch zu Hellseher-Theorien geforscht. Nun soll die Einrichtung schließen

Wunderröhre. Ein Kozyrev-Spiegel, benannt nach dem Physiker Kozyrev.
Wunderröhre. Ein Kozyrev-Spiegel, benannt nach dem Physiker Kozyrev.Foto: Mindspectra

Frankfurt (Oder) - Eigentlich hätte Professor Harald Walach das Ungemach kommen sehen können – auch ohne hellseherische Fähigkeiten. Schließlich wird nicht das erste Mal an der Seriosität seiner Arbeit gezweifelt. „Ich kenne das schon, seit 20 Jahren bin ich immer wieder Ziel von Anfeindungen“, bestätigt der Leiter des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Nun aber scheint die Lage besonders ernst: dem Institut droht das Aus. Wegen strukturellen und qualitativen Bedenken hat die von der brandenburgischen Landesregierung eingesetzte Hochschulkommission in ihrem kürzlich vorgestellten Bericht die Schließung des Instituts empfohlen. Zudem nähren Berichte über Masterarbeiten zu Hellseher-Experimenten Zweifel an der Einrichtung.

Konkret geht es um einen Versuch mit einer länglichen Aluminium-Röhre, einem sogenannten Kozyrev-Spiegel, den ein Berliner Student für seine Masterarbeit unter Walachs Aufsicht an der Viadrina durchgeführt hat. Dabei sollten Versuchspersonen Zahlen erraten, die zuvor von einer weiteren Person in einem Umschlag versteckt in den Zylinder gelegt worden waren. Per Kabel wurden die Probanten mit dem „Spiegel“ verbunden. „Ein Hellseh-Experiment“, schreibt Professor Walach selbst in einer Stellungnahme. Benannt ist die Versuchsanordnung nach dem russischen Physiker Nikolai Kozyrev, der die Zeit als eine Kraft oder Energieform bestimmt hat. In dem Aluzylinder kommt es gemäß Kozyrevs Theorie zu einer Verdichtung der Zeit, indem Energieströme, die im kosmischen Raum vorhanden sind, in der Röhre konzentriert werden. Abschirmung und menschliche Interaktion sollen dann einen Zugang zum Informationsfeld des Universums schaffen. In seiner ursprünglichen Form ist ein Kozyrev-Spiegel jedoch deutlich größer. Berichten zufolge wollen Personen, die sich längere Zeit in eine solchen Röhre mit einem Durchmesser von gut 90 Zentimetern aufgehalten haben, Ufos und Außerirdische gesehen haben. In Frankfurt jedenfalls hätten die Versuchspersonen von nichts dergleichen berichtet, versichert Walach. Bei den richtig geratenen Zahlen habe es sich lediglich um Zufallstreffer gehandelt.

Dennoch kommt auch die Kommission der Landesregierung zum Schluss, eine „Fortführung des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften ist weder wie bisher als In-Institut noch als An-Institut zu befürworten“. Hauptkritik der Jury um den Kommissionsvorsitzenden Wolfgang Buttler ist, dass es keine angegliederte medizinische Forschung gebe und dem Lernkörper medizinische Kenntnisse fehlen. „Ich gebe zum Bericht der Kommission keinen Kommentar ab“, sagt Professor Walach. „Ich finde, wir machen hier eine wichtige Arbeit. Außer uns beschäftigt sich fast kein anderer mit Fragen an der Grenze der Wissenschaft.“ Doch nur dort, wo an den Grenzen geforscht werde, bewege sich auch etwas.

Gegründet wurde das Institut 2009. Seit 2010 steht Walach an dessen Spitze. Zuvor arbeitete er in der Forschung an der Universität Northampton in England, studierte in Freiburg, Basel und Wien. Derzeit sind an dem Institut zwei Professoren, fünf Doktoranden, zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und eine Sekretärin beschäftigt. In zwei Studiengängen lassen sich momentan 63 Ärzte und Apotheker weiterbilden. Laut Walach finanziert sich das Institut im Wesentlichen aus den Gebühren der Studierenden. Immerhin 10 000 Euro müssen die Ärzte und Apotheker für ihre Weiterbildung hinlegen. Seine eigene Professur hingegen wird von der Firma Heel aus Baden-Baden gesponsert. Das Unternehmen bezeichnet sich als größten Hersteller homöopathischer Präparate in Deutschland.

Vor knapp drei Wochen wurde der Bericht der Hochschulkommission den Unis und Hochschulen übergeben. Am heutigen Donnerstag wollen sich Wissenschaftsministerin Kunst und der Vorsitzende der Hochschulkommission Wolfgang Buttler mit den Hochschulleitungen treffen, um ein erstes Feedback einzuholen. Zum Fortbestand des Instituts gebe es im Ministerium noch keine abschließende Position, heißt es auf PNN-Nachfrage. An der Viadrina reagiert man auf Anfragen etwas zugeknöpft. „Die Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) nimmt die Empfehlung der Brandenburgischen Hochschulstrukturkommission zur Schließung des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften und des daran geknüpften Studiengangs zur Kenntnis“, lässt Uni-Präsident Gunter Pleuger lediglich mitteilen.

Für den Berliner Studierenden zumindest hätte das Aus des Instituts wohl keine weiteren Folgen. Er hat mit seiner Abschlussarbeit bestanden. „Die Form war nicht so wahnsinnig gut, aber Zensuren nenne ich nicht“, sagt Professor Walach.

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