• Flüchtlinge in Brandenburg: „Es gab schon Hammel“

Flüchtlinge in Brandenburg : „Es gab schon Hammel“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt hat in seinem Haus bei Frankfurt (Oder) zwei Flüchtlinge aufgenommen. Wie das Zusammenleben funktioniert.

Anna Ringle
Martin Patzelt (M., CDU) und die beiden Flüchtlinge aus Eritrea Haben (l., 19) und Awet (r., 24) am Gemeindehaus in Briesen.
Martin Patzelt (M., CDU) und die beiden Flüchtlinge aus Eritrea Haben (l., 19) und Awet (r., 24) am Gemeindehaus in Briesen.Foto: Patrick Pleul / dpa

Briesen - Der Rasenmäher brummt, ein junger Mann schiebt ihn über eine Wiese. Awet kommt aus Eritrea und lebt seit Juli hier auf dem Land bei Frankfurt (Oder). Mit seinem Landsmann Haben zog der 24-Jährige bei der Familie des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt ein. Seither versuchen die beiden, Wurzeln zu schlagen. Einen Sprachkurs machen sie schon, und seit Kurzem arbeiten sie in der Gemeinde mit.

Awet hilft ehrenamtlich im Gemeindezentrum in Briesen (Oder-Spree). Er mäht Rasen, harkt oder räumt auf. „Was eben so anfällt“, sagt der Koordinator Ralf Kramarczyk. „Herr Grammatik“ sagen die beiden Eritreer zu ihm. Weil sein Name so schwer auszusprechen sei, sagt er und schmunzelt. Awet bringt das Rasenstück deshalb in Schuss, weil ein Gemeindefest bevorsteht. Ob er auch kommen will? „Na klar.“ Unweit des Gemeindehauses leben die Patzelts in einem Einfamilienhaus an der Hauptstraße des ruhigen, gepflegten Ortes. Hier kennt man sich – in der Gemeinde mit mehreren Ortsteilen leben gut 1700 Menschen. Es gibt einen Supermarkt, eine Poststelle und eine Freiwillige Feuerwehr. Im Dachgeschoss von Patzelts Haus ist eine WG entstanden.

Familiäres Zusammenleben

Awet und Haben leben dort mit dem Sohn der Familie zusammen. Vieles habe sich seither geändert, sagt der 68 Jahre alte Politiker. „Es gab schon Hammel - das mögen wir ja nicht so gerne“, erzählt Patzelt. Probiert habe er davon trotzdem. Es sei sehr schön, dass gemeinsam gegessen oder auch Tischgebete gesprochen würden, findet der Politiker. Awet und Haben sind wie die Patzelts auch Christen. „Sie legen ausgesprochen Wert auf familiäres Zusammenleben“, erzählt Patzelt. Aus Eritrea seien sie geflohen, weil sie dort zur Armee sollten. Aus dem armen und diktatorisch regierten Staat in Afrika flüchten jährlich Zehntausende. Es gibt dort keine Opposition und keine unabhängigen Medien.

Dass Flüchtlinge bei Privatpersonen wohnen, ist selten in Deutschland. Zugleich kommen immer mehr Asylbewerber. Die derzeitige Prognose von 450 000 Asylanträgen in diesem Jahr muss dem Bund zufolge noch deutlich nach oben korrigiert werden. In vielen Bundesländern stehen schon Zeltstädte als Notquartiere in Erstaufnahmeeinrichtungen. Oft steht Pritsche an Pritsche, tagsüber ist es wegen der Hitze in den Zelten kaum erträglich.

Patzelt will eine Alternative zu Massenunterkünften

Warum hat Patzelt die beiden Flüchtlinge bei sich aufgenommen? „Mein Motiv war die erkennbare Polarisierung, die sich in der Gesellschaft ganz schnell entwickeln wird, wenn wir Massenunterkünfte haben - und eine Bevölkerung, die darauf überhaupt nicht vorbereitet ist.“ Er wollte eine Alternative schaffen, praktische Hilfe anbieten. Dafür erntete er Zuspruch, aber er bekam auch Beleidigungen per E-Mail. Und Morddrohungen. Das habe aber nachgelassen, berichtet der frühere Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder).

Kennengelernt hatten die Patzelts die beiden Eritreer in einer Gemeinschaftsunterkunft. Es folgte ein monatelanges Kennenlernen, bis dann der Umzug anstand. Schon davor hatten bei der Familie bereits ausländische Studenten zeitweise gelebt. Die Patzelts haben mit den Behörden vereinbart, dass sie eine Pauschale von insgesamt 200 Euro pro Monat dafür bekommen, dass Awet und Haben bei ihnen leben. Eigentlich könnten sie Mieteinnahmen geltend machen. Darauf hätten sie aber verzichtet, sagt der 68-Jährige.

Froh über ein wenig Arbeit

Awet telefoniert alle paar Tage mit seiner Familie in Eritrea. „Ich vermisse meine Mutter“, sagt er. Dann wechselt er ins Englische, weil seine Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen. Die Patzelts seien wie Eltern für ihn, das mache vieles leichter. Der 19-jährige Haben hilft seit ein paar Tagen in einem Supermarkt aus. Das läuft über eine Art Praktikumsvertrag - unentgeltlich. „Es ist gut für Kontakte“, sagt er. Beide sind froh, dass sie etwas arbeiten können.

Für Asylbewerber ist es nicht einfach, in Deutschland einen Job zu finden. In den ersten drei Monaten gilt ein generelles Arbeitsverbot. Danach bleibt eine weitere große Hürde: die „Vorrangprüfung“. Dabei wird ermittelt, ob sich nicht auch ein geeigneter Kandidat mit deutschem oder EU-Pass für die Stelle findet, auf die sich ein Asylbewerber bewirbt. Erst nach 15 Monaten fällt diese Prüfung weg.

Vieles rattert noch im Getriebe

20 Asylbewerber sollen in der Gemeinde Briesen mit mehreren Ortsteilen einmal eine Unterkunft bekommen, wie Amtsdirektor Peter Stumm (parteilos) sagt. Patzelt hat sich schon in Stellung gebracht: „Wir haben ein kleines Team gebildet, die Leute stellen Kontakte her.“ Sie sollen quasi als Vermittler zwischen Asylbewerber und Einwohner fungieren. Dem Amt Odervorland zufolge leben in der Gemeinde erst seit wenigen Wochen Flüchtlinge. „Alles was neu ist, birgt Ängste, Vorurteile und Fragen“, sagt Stumm. Vieles rattere noch im Getriebe. Er bemängelt zum Beispiel, dass er zu spät Informationen bekomme, wann genau die Asylbewerber ankämen. Entschieden ist über die Asylanträge von Awet und Haben noch nicht. Sie stellten sie bereits im Sommer 2014. Patzelt geht davon aus, dass die beiden Männer in Deutschland bleiben werden. Für wie lange ist das Zusammenleben in dem Haus geplant? Offenes Ende, sagt der CDU-Politiker.