Fast 100 Tage an Deck : Plötzlich Käpt’n

Können die Berliner Piraten die Politik verändern? Oder verändert die Politik am Ende sie? Wir haben den Abgeordneten Heiko Herberg drei Monate lang begleitet.

Verena Friederike Hasel

Berlin - Einen Tag vor Amtsantritt passiert dem designierten Abgeordneten das, was Politikern so häufig geschieht. Er muss die Geister der Vergangenheit abwehren. Allerdings geht es nicht um einen Häuserkredit oder die Doktorarbeit, sondern um ein Relikt aus seiner Schulzeit. „Ich hatte überlegt, ob ich den Anzug mitbringe, den du damals zum Abiball getragen hast“, sagt die blonde Frau, die ihm gegenübersitzt. „Mutti, doch nicht den!“, unterbricht der Abgeordnete sie, „schon gut“, beschwichtigt sie. Die beiden sitzen im Restaurant eines Kaufhauses am Kurfürstendamm, vor ihm steht ein Stück Kuchen. Seine Mutter sagt: „Aber wir könnten dir ja ein Hemd kaufen. Oder einen schönen Pulli?“ Der Abgeordnete nickt und folgt ihr in die Herrenabteilung.
Doch knapp 20 Stunden später im ersten Stock des Abgeordnetenhauses, wo sich die Fernsehreporter um die Mitglieder der Piratenfraktion drängen, sieht der Abgeordnete aus wie immer. Jeans und eine sportliche Jacke mit Reißverschluss. Doch, doch, sagt er, die Mutter habe ihm einen Pulli gekauft, blau und wirklich schön, „aus dieser tollen Wolle, Merino“. Aber, sagt er, „einfach zu perfekt“. Dann geht er Richtung Plenarsaal, den Laptop unter den Arm geklemmt wie andere Abgeordnete ihre Aktentasche.
Seit diesem Tag, dem 27. Oktober 2011, ist Heiko Herberg – 24 Jahre alt, Jurastudent aus Interesse und Pirat aus Überzeugung – einer der 149 Menschen, die Berlin regieren. Seinen Einstieg in die Politik macht er zum öffentlichen Experiment. Wenn er bei Karstadt einkaufen geht, steht in seinem Online-Terminkalender zwischen „Einweisung ins Plenum“ und „Konstituierende Sitzung“ für alle einsehbar „Shoppen mit Mutti“. Das kann man albern finden. Aber genauso ein Kalendereintrag mag einer der Gründe sein, warum die Piraten, die aus dem Internet kommen, 130 000 Berlinern im September letzten Jahres als die beste Wahl erschienen. Viele Menschen wollten vor allem eins: Politiker, denen man nicht anmerkt, dass sie Politiker sind. Selbst wenn es dann Nerds sind.
Mit Wahlslogans wie „Warum häng ich hier eigentlich, du gehst ja eh nicht wählen“ gelang es den Piraten, die stetig wachsende Gruppe derer anzusprechen, die sich in den etablierten Parteien nicht wiederfinden. Dass die Piraten umfängliche Unwissenheit eingestanden, schien Wähler für sie einzunehmen anstatt zu verschrecken. Vermutlich hatte da die Finanzkrise Anteil dran. Selbst angebliche Experten hatte die Entwicklung auf den Finanzmärkten kalt erwischt – die Piraten gaben wenigstens zu, keine Ahnung zu haben, und kreierten damit einen Hype. Nun, da der langsam abklingt, die Piraten bald 100 Tage im Amt sind, ist es Zeit für ein erstes Resümee: Können die 15 Piraten nur Internet oder auch Politik? Werden sie es schaffen, die Politik zu verändern? Oder verändert die Politik am Ende sie?
Bei der ersten Wahl seines Lebens wählte Heiko Herberg die Grünen, später war er bei Attac aktiv. In seiner Wohnung im Studentenwohnheim, im siebten Stock eines Plattenbaus in Lichtenberg, lehnt hinter der Tür ein Glücksrad aus dieser Zeit. „Banken“ steht auf einem Feld. Mit diesem Rad stellte sich Herberg auf die Straße und lud Passanten zum Spielen ein. Gewonnen haben sie nie – das Rad war so konstruiert, dass es immer beim Banken-Feld stoppte. Attac, sagt Herberg, war schön und gut, aber er habe nicht nur reden wollen, und da habe er die Piraten entdeckt. Wobei Herberg das anders formuliert, er sagt, die Partei sei „hochgepoppt“, ganz so wie man es über Fenster im Internet sagt.
Für junge Piraten wie Herberg ist das Netz stilbildend: Seine Generation beherrscht das Internet wie keine zuvor, zugleich beherrscht das Internet aber auch sie. Solche wie Herberg sind nicht oder zumindest nicht nur wie andere vor ihnen auf dem Sportplatz oder im Musikverein sozialisiert worden, sondern im Netz. Die Verhältnisse, die dort herrschen, haben sie geprägt. Herberg etwa hat sich seine Freunde in den Harry-Potter-Foren des Internets gesucht. In dem Dorf im Nordwesten Brandenburgs, wo er aufwuchs, gab es zu wenig Spielgefährten. „In diesen Foren ist eine ganze Generation herangewachsen, alle Jahrgang ’85 bis ’90“, sagt er. Sie spielten sogenannte Fan Fictions, in denen jeder eine Figur für sich erfand und ihr eine Geschichte auf den virtuellen Leib schrieb, die andere dann fortführten. Oft gab es Streit, Moderatoren mussten zwischen den verschiedenen Geschichten vermitteln. Diese Moderatoren sind Vorbilder für den Abgeordneten Herberg. Auch er will eher moderieren als gestalten. „Politiker müssen aufhören, ihr eigenes Buch zu schreiben“, sagt er.
Und hier kommt das Netz ins Spiel: Internet, das ist für die Piraten nicht nur Facebook oder schnell mal was googeln, sondern die Chance zur Teilhabe. Mit Liquid Feedback meinen die Piraten eine Plattform gefunden zu haben, mit der die Bürger ihr Buch langfristig mitschreiben können. In dem Online-System können Teilnehmer Anträge einbringen, verändern, über sie abstimmen und hierarchisieren, so dass mehr möglich wird als Ja-Nein-Alternativen. Endlich, glauben die, die daran glauben, ist Basisdemokratie möglich. Alles, was man braucht, ist ein Rechner und Internetzugang.
Nur ist WLAN gar nicht in allen Räumen des Abgeordnetenhauses verfügbar. Als René Rögner-Francke vom Referat Öffentlichkeitsarbeit die Piraten im Oktober durch das Haus führt, begleitet von einem Kamerateam, und ihnen die Gemälde und Ehrenbürgergalerie zeigt, schauen die neuen Abgeordneten fast ebenso oft auf ihre iPhones wie an die Wand. Überhaupt erinnern sie in diesen Anfangstagen an Missionare, die eine rückständige Kolonie besuchen. Dass man auf der Besuchertribüne nicht twittern darf! Dass die meisten Dokumente nur in Papierform vorliegen! Die Piraten wollen alles besser, elektronischer und transparenter machen. Ihre Fraktionssitzungen sind nicht nur öffentlich, es gibt auch Wort- und Tonprotokolle und Videomitschnitte im Netz. Der Ansturm der Interessierten ist groß und für die anderen Parteien bitter: Die Fraktionssitzungen der Grünen und der Linken sind auch öffentlich, nur kommt da kaum jemand hin. Als Heiko Herberg den Piraten in seinem Heimatbezirk Lichtenberg von den ersten Wochen berichtet, schließt er mit den Worten: „Klappt gut im Abgeordnetenhaus. Wir werden schon Spaß haben da drinnen.“
Es gibt auffälligere Piraten als Heiko Herberg. Christopher Lauer zum Beispiel, rhetorische Allzweckwaffe der Fraktion, oder Gerwald Claus-Brunner, bekannt für radikale Positionen und eine Vorliebe für Palästinensertücher. Beide bewerben sich auf den Posten des Fraktionschefs, beide werden nicht gewählt, die Piraten entscheiden sich, wie es sich für eine basisdemokratische Bewegung gehört, für die Kandidaten aus dem Mittelfeld. Andreas Baum wird Fraktionschef, Herberg einer seiner Stellvertreter. Herberg bezeichnet sich als Pragmatiker und „Finanzheini“ der Partei, einen wie ihn kann die Stadt brauchen. In Sitzungen sagt er wenig, meist weist er darauf hin, dass Argumente sich wiederholen oder die Kosten für etwas zu hoch sind.
„Interessiert sein heißt nicht unbedingt immer in der ersten Reihe sitzen, interessiert sein heißt mitdenken.“ Als der Dekan der juristischen Fakultät der Humboldt-Uni an einem Oktobertag diese Worte spricht – es ist die Auftaktveranstaltung für die Erstsemester –, streicht Herberg in der letzten Reihe des Hörsaals gerade die Kurse durch, die er eh nicht besuchen kann: Dienstag von 12 bis 18 Uhr, Donnerstag von 14 bis 18 Uhr, da tagen Fraktion und das Plenum. Aber zumindest zwei Vorlesungen und ein Rhetorikseminar will Herberg belegen. Sein Wirtschaftsinformatik-Studium hat er zugunsten von Jura abgebrochen. Nach dem Dekan sprechen weitere Professoren, alle haben gute Ratschläge, die sich aber widersprechen, der eine empfiehlt ein Zweitstudium, der andere rät davon ab, und jeder hält sein Gebiet für das wichtigste. „Das ist ja wie bei den Piraten“, sagt Herberg, „da darf auch jeder was sagen.“ Und dann blinzelt er, weil er seine Kontaktlinsen nicht drin hat. „Der Dekan, ist das ein Mann oder eine Frau?“
Geschlechtsblindheit ist bei den Piraten Programm. In der Fraktion ist die 19-jährige Susanne Graf die einzige Frau. Sie selbst will sich dazu am liebsten gar nicht äußern, die anderen tun so, als sei die Frage der Geschlechtszugehörigkeit so antiquiert wie Reisen mit der Postkutsche. Vermutlich prägt sie die Sozialisation im Netz: Dort weiß man mitunter wirklich nicht, welches Geschlecht hinter einem Nicknamen steckt, genauso unerheblich soll es auch in der Welt draußen sein. Ist es dann aber doch nicht. Graf, die Wirtschaftsmathematik studiert, sitzt ausgerechnet im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie, und als im Dezember in Herbergs Büro ein Adventskalender auf der Fensterbank steht, sagt er: „Der ist von Suse. Als einzige Frau unter 14 Kerlen denkt man an so was.“
Ihre Büros haben die Piraten von der FDP übernommen. Herberg hat seines im fünften Stock, er teilt es mit Oliver Höfinghoff und der gemeinsamen Mitarbeiterin. Die Tische haben sie selbst hineingeschleppt, sie sind an diesem Oktobertag bis auf die drei flachen Laptops noch leer, in der Luft ist ein unangenehmer Geruch. „Ich bin mir sicher, die FDP hat hier geraucht, dabei ist das verboten“, sagt Herberg. Am liebsten will er die Teppiche herausreißen und die Wände neu streichen, überhaupt hat er vieles vor. Bald will er umziehen, raus aus dem Studentenwohnheim und näher ans Abgeordnetenhaus heran. Für die Piraten stellt er den Haushaltsplan auf, und beim Mittagessen reden er und sein Kollege Gerwald Claus-Brunner darüber, wie es wohl wäre, wenn es den Fraktionszwang nicht gäbe und endlich einmal wirkliche Debatten in den Sitzungen entständen. „Klarmachen zum Ändern“, lautet der Slogan der Piratenpartei. Jetzt kann es losgehen.
Doch die Stimmung dreht. An einem Novembertag besucht eine Gruppe von jungen Amerikanern die Geschäftsstelle der Piraten. Sie nehmen Platz unter der orangefarbenen Flagge, es gibt Schrippen, gleich soll Heiko Herberg zu ihnen sprechen, „Frühstück mit StudentInnen der Miami University“ steht in seinem Online-Kalender. Die Informatikstudentin Hanna sagt, sie habe die Nase voll von alten Leuten und ihren Internetsperren, nun ist sie gespannt auf diesen Piraten, der gerade Geschichte schreibt. Doch Herberg taucht nicht auf. „Und? Geht er ans Handy? Kommt er noch?“, sagen die Piraten immer wieder zueinander, dann muss eine von ihnen einspringen und erklären, was sie selbst als „crazy thing“ bezeichnet: Dass da Menschen gewählt wurden, die offensiv erklärten, keine Ahnung zu haben, dass sie vielleicht gerade deshalb gewählt wurden. Stunden später kommt eine SMS von Herberg: „Ganz großer Fail von mir“, steht da drin, „ich habe bis 13 Uhr durchgepennt.“
Vielleicht ist dieser „Fail“, dieser Patzer, kein Zufall. Die Mühen des politischen Alltags haben Herberg eingeholt. Zwei Tage nachdem die Amerikaner vergeblich auf ihn gewartet haben, sitzt Herberg in seinem Büro im Abgeordnetenhaus, gleich steht die Wahl des alten und neuen Bürgermeisters an. Herberg hat den Koalitionsvertrag im Internet bei einem sogenannten Bullshit-Meter eingegeben, das Schriftstücke auf Leerformeln hin scannt. „Herausgekommen ist, dass er viel bullshittet“, sagt Herberg. Das klingt noch sehr piratig, aber insgesamt erscheint Herberg nachdenklicher. Er spricht über den Schuldenberg Berlins und dass man viele Ideen sowieso nicht umsetzen könne. Es sei ein Glück, dass sie selbst gar nicht so viel Konkretes im Programm gehabt hätten. Sein Bürokollege Höfinghoff ruft zweimal an, er hat die Rede, die er gleich im Plenum halten will, und ein Kabel im Büro liegen gelassen. „Ich bin doch nicht die Mutti und trag’ dir deine Sachen hinterher“, sagt Herberg ins Telefon.
An den Nerven der Piraten zehrt auch die zunehmend kritische Öffentlichkeit; die Flitterwochen mit Presse und Wählern sind vorbei. Im November wird ihnen Vetternwirtschaft vorgeworfen, weil Susanne Graf ihren Lebensgefährten einstellen wollte. Und weil Herbergs und Höfinghoffs Mitarbeiterin, eine frühere Praktikantin der Geschäftsstelle, Höfinghoffs Freundin ist. Dass die Piraten deswegen nicht unbedingt korrupt sind, sondern womöglich arglos Jobs an Menschen vergeben haben, die sie kennen und denen sie vertrauen, das lassen die Kritiker nicht gelten. Mit einem Mal werden die Piraten für genau die Unbedarftheit abgestraft, die anfangs ihren Reiz ausgemacht hat.
Auch untereinander scheinen die Piraten plötzlich mehr zu streiten. Die Verteilung der Büros passt einigen nicht, um die Vergabe der Ausschüsse wird gerangelt. Herberg bekommt schließlich im Hauptausschuss mit den besonders komplexen Haushaltsfragen zu tun. Als er sich mit den anderen beiden Ausschussmitgliedern Baum und Claus-Brunner vorbereitet, ist die Stimmung gereizt. „Oh Gott, meine Fresse“, sagt Herberg, „warum habe ich mir den bloß ausgesucht?“ Die Sitzungen der Piraten sind in diesen Wochen geprägt von Hickhack: An einem Montagabend Ende November diskutieren sie im Vorstand, ob sie einen Imbiss, den sie am nächsten Tag brauchen, beim Caterer bestellen (ist gut für die Angestellten, weil Mindestlohn, und schlecht für die Piraten, weil teuer) oder im Supermarkt kaufen (ist gut für die Piraten, weil billig, und schlecht für die Angestellten, weil kein Mindestlohn). Die Piraten sind eher für den Supermarkt, aber keiner von ihnen will eigentlich selbst einkaufen gehen, am Ende wird eine Mitarbeiterin geschickt. In derselben Sitzung sprechen sich die Piraten dafür aus, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen und ein Mediationswochenende zu machen. Die beiden Trainer versprechen „konstruktive Deeskalation“, wollen dafür aber auch 8000 Euro, ein Hotel, Mittag-, Abendessen und einen Moderationskoffer – sowie für alle Piraten einen schwarzen Filzschreiber mit schräger Spitze.
Dass sich die Piraten so schwer miteinander tun, hat auch mit ihrer Internetherkunft zu tun. Sie sind es gewohnt, sich durch Technologie zu verständigen, darum vertrauen sie Prozessen mehr als Personen, und darum verhalten sie sich manchmal absurd formalistisch: Im Kieztreff Karlshorst zum Beispiel, wo sich eine Lichtenberger Piratencrew, darunter Herberg als ihr sogenannter „Käpt’n“, trifft, teilt der Betreiber eines Abends mit, dass der Raum bei einem der nächsten Male erst eine halbe Stunde später zur Verfügung stehe. Herberg sagt: „Dann frage ich mal in die Runde: Ist es okay, wenn wir dann eine halbe Stunde später beginnen?“ Die Piraten heben die Hände, und Herberg sagt in Richtung des Mannes: „Angenommen.“
Das wird das vorerst letzte Mal sein, dass Herberg das Treffen geleitet hat, er gibt seinen Posten als Käpt’n ab, er hat genug mit Uni und Abgeordnetenhaus zu tun. An einem Tag spät im November befindet er sich mitten zwischen seinen beiden Leben. Er läuft Unter den Linden entlang, auf dem Weg zum Abgeordnetenhaus, gerade hatte er eine Vorlesung in einem alten Hörsaal der Humboldt-Uni und wirkte dort wie ein Besucher aus der Zukunft am Filmset der Feuerzangenbowle. Das hölzerne Klapp-Pult war offenbar nicht für einen Laptop konstruiert und so rutschte seiner hinunter. Einige Plätze neben ihm hat jemand „Tobi und Carla“ ins Holz geritzt, irgendwann vor langer Zeit, als es noch kein Twitter gab. Thema der Vorlesung war „Der Abgeordnete“, und der Professor erklärte, dass früher nur Bürger ins Parlament gekommen seien, die es sich finanziell erlauben konnten, heute gebe es Berufspolitiker. Genau das, sagt Herberg, sei das Problem: Viele Politiker wollten ihren Job unbedingt behalten. An der Kreuzung gegenüber der britischen Botschaft hält ein Polizist Herberg auf, „Staatsbesuch“, sagt Herberg, „schon wieder.“ Später erzählt er, dass die Basis den Piraten schon jetzt vorwerfe, korrupt zu sein. „Aber nur, weil wir ins Haifischbecken geworfen wurden, sind wir doch keine Haie. Wir sind ...“, und dann fällt ihm auch nicht ein, was aus ihnen geworden ist, „... die Piranhas? Oder vielleicht die Angeln?“
Die Identitätsfrage haben sich die Piraten dann etwa zwei Wochen später während der Mediation gestellt. „Es war hoch emotional, extrem hoch emotional“, sagt Herberg, als er zurück ist, am zweiten Abend hatte er aus dem Hotel getwittert: „Ich bin traurig und deprimiert über meine eigene soziale Inkompetenz. Gute Nacht.“ Eine Antwort auf die Frage, wer sie sind, haben die Piraten zwar noch nicht, aber der Ton in ihren Sitzungen hat sich gewandelt: Die Kritik an einem Antrag leitet der Pirat Alexander Morlang mit den Worten „generell ein sehr schöner Antrag“ ein. Als sein Kollege Pavel Mayer später „das große Misstrauen in der Fraktion“ beklagt, verbessert er sich schnell: man könne es auch „Informationsbedarf“ nennen. Und nach einem piratentypischen Ausbruch, der Wörter wie „scheiße“, „unerträglich“, „kein Bock“ enthält, sagen die Kontrahenten bald, sie hätten sich ausgesprochen, und alle klopfen anerkennend auf den Tisch.
Doch auch Sozialtugenden können das größte Problem der Piraten nicht beheben. In Fraktionssitzungen, in Ausschüssen, im Plenum fällt immer wieder auf, dass sie sich für Lokalpolitik nicht sonderlich interessieren – es sei denn, es landet, wie jetzt angesichts des Vorwurfs der Mobilfunküberwachung durch die Polizei, zufällig einmal ihr Kernthema auf der Agenda der Stadt. Ansonsten haben sie sich bislang kaum starkgemacht für Berliner Themen, außer einer Großen Anfrage zum Schultrojaner ist nicht viel passiert. Das meiste, mit dem sich die Piraten beschäftigen, ist immer noch selbstreferenziell und prozessbezogen. Sie befassen sich so intensiv mit den Abläufen innerhalb des Abgeordnetenhauses, dass man auf die Idee kommen könnte, sie hätten die Stadt draußen schon abgeschrieben. Auch in Ausschüssen sind die Piraten eher still, nach der Hauptausschusssitzung am 11. Januar twittert Herberg, er müsse sich das nächste Mal besser vorbereiten.
Zur Unwissenheit pflegen die Piraten ein besonderes Verhältnis. Den Top-down-Ansatz, der den Politiker als Experten in einem Themenfeld ausweist, lehnen sie ab, sie setzen auf ihre Basis. Manchmal klappt das ganz gut. Als Wowereit der Fraktion einen Besuch abstattete, baten die Piraten im Internet vorab um Fragen an ihn. Ein Dutzend kluger Vorschläge kam zurück. Sind die Piraten auf sich allein gestellt, geben sie schon mal ein schlechteres Bild ab: So erklärte ein Pirat in der ersten Plenarsitzung nach der Weihnachtspause, dass am 26. Dezember an der Haltestelle Washingtonplatz ein Bus ausgefallen sei, und fragte den Senat, wie es sein könne, „dass das Callcenter der BVG an einem Hinweis auf diesen Missstand offensichtlich nicht interessiert ist, keine Entschädigung für die sinnlos verschwendete Lebenszeit anbietet und nur die üblichen Entschuldigungsformeln herunterrasselt?“
Es ist zu hoffen, dass die Basis die Piraten in Zukunft auch mit guten mündlichen Anfragen versorgt. Damit könnte der Bürger tatsächlich Einzug ins Abgeordnetenhaus halten, damit wäre auch das Konzept der Schwarmintelligenz verwirklicht, von dem der Bundeschef Sebastian Nerz vor kurzem in Berlin sprach. Doch so wünschenswert das ist, sehr wahrscheinlich erscheint es nicht. Trotz steigender Mitgliederzahlen ist der Schwarm bislang eher ein Schwärmchen; es fehlt an kritischer Masse. In Berlin zum Beispiel stimmen oft nur um die 100 Parteimitglieder bei den Liquid-Feedback-Initiativen ab. In Zeiten, in denen Skandale wie der um Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff oder den Berliner Elf-Tage-Justizsenator Michael Braun das Land beschäftigen, erscheint Transparenz vielen als hohes Gut, als dessen Hüter sich die Piraten hervorgetan haben. Aber wie viel Mehrwert hat Transparenz in einer Stadt, in der die Probleme ohnehin offen auf dem Tisch liegen? Andererseits täte man den Piraten Unrecht, wenn man sie auf Transparenz reduzieren würde. „Wir sind die mit den Fragen, ihr seid die mit den Antworten“, lautete einer ihrer Slogans im Wahlkampf, und dieser Gedanke ist der aufregendste, den es derzeit gibt in der Politik.
Doch müssten die Piraten Taten folgen lassen. Nun da sie gewählt sind, müssten sie sich aktiv darum bemühen, ihren Schwarm um all die Lehrer, Migranten und alleinerziehenden Mütter zu vergrößern, die Antworten auf die drängenden Probleme dieser Stadt haben könnten. Stattdessen hat der Fraktionsvorsitzende Andreas Baum mit seiner Erwiderung auf Wowereits Regierungserklärung die Piraten in ihrer Internetecke einzementiert, ein Großteil seiner Rede war reine Netzpolitik. So beschwerte er sich darüber, dass Linux-Nutzer von dem Angebot der öffentlichen Büchereien, online auszuleihen, ausgeschlossen seien. All die Menschen, die in Berlin von weit wichtigeren Formen der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind, erwähnte er kaum.
Herberg will, das merkt man deutlich, nichts zur Rede Baums sagen. Kritik an Kollegen hat er nie öffentlich geäußert, darin unterscheidet er sich von anderen Piraten. In der Fraktion macht er sich dafür stark, „nach außen nicht immer ein zerstrittenes Bild abzugeben“. Deshalb hat er sich auch dafür eingesetzt, dass die Piraten einen wöchentlichen Stuhlkreis veranstalten, so wie sie es aus der Mediation kennen. Da sitzen die 15 Piraten dann in einer Runde, werfen einander einen Ball zu, und jeder, der ihn hat, darf sich seinen Frust von der Seele reden – allerdings hinter verschlossenen Türen. „Öffentlichkeit führt dazu, dass man sich verstellt“, sagt Herberg dazu. Auch mit der Unbedarftheit wird bald Schluss sein. An diesem Wochenende haben die Piraten ein Presseseminar, ihre Mitarbeiter sollen, wenn es nach den Piraten ginge, gar nicht mit Journalisten reden – vielleicht weil die Abgeordneten den Wirbel um ihre Fraktionsgeschäftsführerin Daniela Scherler noch nicht verwunden haben. Nach Scherlers Einstellung war bekannt geworden, dass sie ein esoterisches Buch geschrieben hat, in dem zum Beispiel steht, „dem Gesetz des Rhythmus nach“ könne man weder für Umweltschutz noch für Umweltverschmutzung, weder für Frieden noch gegen Terrorismus sein.
Der Umgang der Piraten mit der Angelegenheit Scherler verdeutlicht besser als alles andere, wie stark sie sich gewandelt haben. Im Internet gab es heftigen Protest gegen Scherler, schließlich soll sie die Fraktion laut Stellenausschreibung „politisch-strategisch“ beraten. „Ist das wirklich euer Ernst?“ stand in einem der 542 Kommentare im Fraktionsblog, andere forderten die Abgeordneten auf, sich zu äußern. Doch diejenigen, die sonst twittern, bloggen und posten, schwiegen sich aus. „Das war richtig schlimmer Kindergarten“, wird Herberg ein paar Wochen später, im Januar, über die Empörung der Basis sagen, so etwas habe man nur ignorieren können. Zu Kohls Zeiten hat man so etwas Aussitzen getauft, es ist die Königsdisziplin vieler Politiker, zum Bild der Piraten passt so ein Verhalten nicht. Mag sein, dass sich Herberg schon das dicke Fell zugelegt hat, das man im Politikbetrieb benötigt. Die Frage ist, wie das den Wählern gefallen wird. Heiko Herberg ist insgesamt zufrieden mit den Monaten, die hinter ihm liegen. Besonders dankbar ist er einem Abgeordneten der CDU: „Was uns den Arsch gerettet hat, war der Justizsenator“, sagt er. Durch ihn waren alle anderen kleinen Skandale vergessen.
An dem Tag, an dem die Berliner Abgeordneten auf Antrag der Fraktion Die Linke darüber abstimmen, ob dem ehemaligen Justizsenator Braun sein Übergangsgeld verweigert wird, trägt Heiko Herberg den blauen Pulli, den seine Mutter ihm vor 78 Tagen gekauft hat. Er wird die Sitzung noch vor der Abstimmung verlassen. Damit will er ein Zeichen setzen, weil er, wie er sagt, gegen Anträge sei, die so formuliert seien, dass sie ohnehin scheitern müssten. Dass er geht, hat aber auch einen anderen Grund: Er will sich Anzug und Fliege kaufen. Am nächsten Tag ist er eingeladen. „IHK-Neujahrsempfang“ steht in seinem Online-Kalender.

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