Brandenburg : Fachkräftemangel so groß wie nie

Viele Stellen in Brandenburg sind unbesetzt. Arbeitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) ruft Firmen zur Beschäftigung von Flüchtlingen auf.

Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Potsdam - Brandenburgs Betriebe haben weiterhin ein massives Problem, genügend Fachkräfte zu finden. Allein im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres waren 42 Prozent auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitern – um Ruheständler zu ersetzen, aber auch, weil sie expandieren wollen und neue Stellen geschaffen haben. Der Anteil der nicht besetzten offenen Fachkräftestellen stieg insgesamt auf einen neuen Höchstwert von 43 Prozent, wie aus dem Betriebspanel 2010 hervorgeht, den Arbeitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) am Donnerstag in Potsdam vorstellte. Aus der Befragung von 1000 Firmen im dritten Quartal 2018 geht hervor, dass insbesondere Kleinstbetriebe Personalsorgen haben: Sie konnten sogar 60 Prozent der Fachkräftestellen nicht besetzen.

„Der Arbeitsmarkt scheint wie leer gefegt“, sagte Peter Heydenbluth, Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam. Der Fachkräftemangel bremse die Wirtschaft aus. Neben mangelhaftem Internet und schlechten Verkehrswegen sei er das größte Hemmnis für die Unternehmen im Land.

Mobiles Arbeiten für viele Brandenburger keine Option

Nicht nur die Höhe der Löhne sei entscheidend, um neue Mitarbeiter zu finden, sagte Karawanskij. Auch mehr Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten, flexiblere Arbeitszeiten, Gesundheitsmanagement oder familienfreundliche Arbeitsbedingungen seien wichtig. Mobiles Arbeiten ist bereits in 25 Prozent der Betriebe möglich – bundesweit liegt der Wert bei 26 Prozent, so das Institut für sozialökonomische Strukturanalysen (Söstra) Berlin, das den Bericht vorlegte. Doch offenbar ist mobiles Arbeiten für viele Brandenburger keine Option: Nur acht Prozent nutzen die Möglichkeit des Arbeitens von unterwegs oder zu Hause, bundesweit sind es bereits zwölf Prozent.

Susanna Karawanskij (Die Linke), Arbeitsministerin von Brandenburg.
Susanna Karawanskij (Die Linke), Arbeitsministerin von Brandenburg.Foto: Bernd Settnik/dpa

Karawanskij beklagt, dass 30 Jahre nach der Wende immer noch deutliche Lohnunterschiede zwischen Ost und West bestehen. „Insgesamt liegt die Lohndifferenz zwischen Brandenburg und Westdeutschland trotz leichter Annäherung bei 19 Prozent“, sagte sie. Bei den tarifgebundenen Firmen fällt der Lohnunterschied zwischen Brandenburg und Westdeutschland mit 16 Prozent demnach geringer aus. 21 Prozent der Betriebe im Land würden nach Tarif bezahlen – sie beschäftigten 49 Prozent der märkischen Arbeitnehmer, so Karawanskij. Im Westen seien es 29 Prozent der Unternehmen mit 57 Prozent der Beschäftigten. Grund sei offenbar, dass es in Brandenburg im Gegensatz zum Westen weniger größere Betriebe gebe, die eher nach Tarif zahlten, sagte die Ministerin.

Zusammen mit dem Land Bremen hat Brandenburg eine Bundesratsinitiative gestartet, um die Tarifautonomie und die Tarifbindung zu stärken.

Tarifbindung helfe den Betrieben, Fachkräfte zu binden, betonte Christian Hoßbach, Vorsitzender des DGB-Bezirks Berlin-Brandenburg, in einer Mitteilung. Er forderte die Unternehmer auf, den fairen Wettbewerb, attraktive Arbeit und damit den Wirtschaftsstandort Brandenburg zu stärken.

Die Zahl der Firmen, in denen Geflüchtete arbeiten, wächst langsam

Um den wachsenden Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen, sollten Unternehmen auch stärker darauf setzen, Flüchtlinge zu beschäftigen und zu qualifizieren, sagte Silke Kriwoluzky vom Institut für sozialökonomische Strukturanalysen. Die Zahl der Firmen in Brandenburg, bei denen Flüchtlinge arbeiten, wächst langsam. Während 2017 nur ein Prozent der Betriebe angab, Flüchtlinge zu beschäftigen oder zeitweise beschäftigt zu haben, sind es laut der Umfrage 2018 bereits vier Prozent gewesen. 70 Prozent dieser Unternehmen hätten ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen positiv bewertet, 18 Prozent negativ. Die Gründe dafür wurden nicht erfasst.

„Zur wirksamen Integration von Menschen mit Fluchthintergrund gehört zweifellos die Einbindung in den Arbeitsmarkt“, betonte Karawanskij. „Das hilft Familien, holt die Betroffenen aus der Bittstellerrolle und schult das Sprachvermögen und auch die soziale Kompetenz.“ Weitere Betriebe sollten deshalb Flüchtlinge einstellen.

Von den märkischen Großbetrieben habe bereits die Hälfte Flüchtlinge beschäftigt, die seit 2015 ins Land gekommen sind, hieß es weiter. Insgesamt seien derzeit rund 3500 Flüchtlinge in Arbeit, so Ministerin Karawanskij. Rund 10.000 Flüchtlinge seien arbeitslos gemeldet. (mit dpa, epd)


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