• Experten beklagen Versorgungslücke: Überdurchschnittlich viele Tote nach Herzinfarkten in Brandenburg

Experten beklagen Versorgungslücke : Überdurchschnittlich viele Tote nach Herzinfarkten in Brandenburg

In Brandenburg sterben besonders viele Menschen an einem Infarkt. Die Landesregierung sieht soziale Ursachen. Kardiologe Hugo Katus bemängelt auch lückenhafte medizinische Versorgung.

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Foto: Daniel Bockwoldt/dpa
03.05.2018 22:00

Potsdam - In Brandenburg sterben deutlich mehr Menschen an einem Herzinfarkt als im Bundesschnitt. Das geht aus einer aktuellen Antwort der Landesregierung auf eine Parlamentarische Anfrage des Potsdamer CDU-Abgeordneten Steeven Bretz hervor. Demnach starben 2015 – aktuellere Zahlen hat das Land nicht – 2377 Brandenburger in Folge eines Herzinfarkts, davon waren 1328 männlich. Bezogen auf 100 000 Einwohner sind das fast 43 Fälle. Bundesweit waren es mit statistisch knapp 30 Todesfällen in Relation zur Einwohnerzahl deutlich weniger. Den traurigen Rekord hält der Landkreis Teltow-Fläming mit fast 65 Fällen, in Potsdam waren es hingegen 22 Todesfälle pro 100 000 Einwohner.

An der womöglich schlechteren notfallmedizinischen Versorgung liegen diese deutlichen regionalen Unterschiede nach Einschätzung des Innenministeriums nicht. „Ein Patient mit einem Infarkt wird in einer brandenburgischen Klinik ebenso gut versorgt wie in Berlin oder einem der anderen Länder“, wird in der Antwort auf die CDU-Anfrage betont. Die Erklärung für das hohe Herzinfarktrisiko in Brandenburg sei eine andere: „Unterschiede in der Alters- und Sozialstruktur zwischen den Landkreisen und kreisfreien Städten tragen zu regionalen Unterschieden in der Sterblichkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei.“ Eine durchschnittlich ältere Bevölkerung habe mehr Todesfälle zu erwarten, weil diese Krankheiten verstärkt in höherem Alter auftreten. So lasse sich auch erklären, warum das Herzinfarktrisiko in Brandenburg höher ist als in Berlin: In Brandenburg betrug 2016 das Durchschnittsalter 46,9 Jahre, in Berlin 42,6 Jahre.

Alkohol- und Tabakkonsum, Bewegungsmangel und Adipositas nicht die einzigen Risikofaktoren

Weitere Faktoren für die Sterblichkeit lägen neben dem Alter in der genetischen Disposition, aber auch an Risiken wie Alkohol- und Tabakkonsum, Bewegungsmangel und Adipositas sowie – und das ist im Hinblick auf die unterschiedliche regionale Verteilung der Todesfälle innerhalb Brandenburgs besonders interessant – soziale Faktoren wie Arbeitslosigkeit, niedrige Bildung und Stress. In Bezug auf die soziale Komponente gebe es im Land Brandenburg in den vergangenen Jahren aber eine deutliche Verbesserung, merkt die Landesregierung an. Brandenburg sei bei der Vorbeugung von Herzkrankheiten sehr engagiert, etwa im Bündnis „Gesund älter werden“, das unter anderem mit Veranstaltungen im ganzen Land über gesunde Lebensweisen informiert.

Offenbar ist aber nicht nur bei der Gesundheitsprävention, sondern auch bei der Aufklärung über richtiges Verhalten im Notfall noch Nachholbedarf: „Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass Brandenburger Herzinfarktpatienten das Rettungssystem verzögert alarmieren“, schreibt das Land. Betroffene müssten aber schnellstmöglich stationär behandelt werden, deswegen dürfe zwischen Symptomwahrnehmung und Einlieferung ins Krankenhaus nicht viel Zeit vergehen.

Wie lange es in Brandenburg dauert, bis der Notarzt bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Stelle ist, werde nicht erfasst. Auch in solchen Fällen unterliege der Rettungsdienst der gesetzlich geforderten Hilfsfrist. In Brandenburg beträgt diese Zeit bislang 15 Minuten – in Sachsen zwölf und in Mecklenburg-Vorpommern nur zehn Minuten.

Fehlende Zahlen zu Defibrillatoren in Brandenburg

Professor Hugo Katus, Kardiologe an der Universitätsklinik Heidelberg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), teilt die optimistische Beurteilung der Landesregierung zur medizinischen Versorgung bei Herzerkrankungen jedenfalls nicht. Er hat Sterbezahlen in Deutschland verglichen und kommt zu dem Ergebnis, dass im Nordosten nicht nur das höhere Durchschnittsalter, die ungünstigeren sozialen Bedingungen sowie die Prävalenz von Risikofaktoren wie Rauchen zu der Häufung von Todesfällen beitragen. „Die fachärztliche Versorgung ist im Nordosten geringer als in den restlichen Bundesländern“, sagt Katus auf PNN-Anfrage. So gebe es in Brandenburg einen Kardiologen für 28 561 Einwohner. In Baden-Württemberg liege das Verhältnis deutlich besser, nämlich bei 1:22 432. Zudem sei „die Notfallkette weniger eng geknüpft“ mit deutlich weniger Chest Pain Units im Nordosten als im Rest der Republik. Chest Pain Units sind Zentren in Krankenhäusern, in denen Patienten mit plötzlichen Brustschmerzen, hinter denen ein Herzinfarkt stehen könnte, rund um die Uhr behandelt werden. Zudem, moniert der renomierte Kardiologe, seien die Distanzen zu den kardiologischen Zentren in Bundesländern wie Brandenburg deutlich weiter als im Westen. Katus’ Rat, um die Situation auch in Brandenburg zu verbessern und Herztode zu vermeiden: „Bessere Prävention, bessere Aufklärung, Optimierung der Notfallversorgungsketten und weiterer Ausbau der fachärztlichen Versorgung.“

Im Ernstfall können auch Defibrillatoren, also Geräte gegen Kammerflimmern, die von Laien benutzt werden können, helfen, bis der Notarzt eintrifft. Pläne, landesweit Standorte für Defibrillatoren zu erfassen, gibt es nach Angaben der Landesregierung nicht. Man sehe dafür „derzeit keinen Handlungsbedarf“. Insofern gibt es auch keine Zahl, wie viele der lebensrettenden Geräte es an öffentlichen Standorten gibt. In Potsdam existieren derzeit nach Angaben der Landeshauptstadt folgende Standorte: Hauptbahnhof, Hasso-Plattner-Institut, Stern-Center, Hans-Otto-Theater, Gelände des rbb, Neues Palais sowie in den Bäderbetrieben. Eine Erweiterung der Standorte auf weitere Einrichtungen mit vielen Besuchern hält die Stadt für „grundsätzlich begrüßenswert“.

In Brandenburg führen nicht nur Herzinfarkte, sondern generell Kreislauferkrankungen häufiger zum Tod als in anderen Ländern. 2015 starben 12 290 Menschen durch Krankheiten des Kreislaufsystems, davon waren 6841 Frauen. Gerechnet auf 100 000 Einwohner lag die Sterbezahl bei 204, bundesweit hingegen nur bei 191. Teltow-Fläming schneidet wie bei den Herzinfarkten am schlechtesten ab, Potsdam-Mittelmark und Potsdam haben gerechnet auf die Einwohnerzahl die wenigsten Todesfälle zu beklagen.

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