• Erststimmen bei den Sozialdemokraten: Wie die SPD in Brandenburg triumphierte

Erststimmen bei den Sozialdemokraten : Wie die SPD in Brandenburg triumphierte

Die Bundestagswahl hat die politischen Verhältnisse in Brandenburg durchgewirbelt. Davon profitierte vor allem die SPD – und mit ihr jüngere Politiker.

Viele Direktmandate in Brandenburg gingen an weibliche und junge Kandidierende von der SPD.
Viele Direktmandate in Brandenburg gingen an weibliche und junge Kandidierende von der SPD.Foto: imago images/Martin Müller

Am Tag nach der Bundestagswahl wird auch in den Potsdamer Parteizentralen fleißig analysiert. Eines ist offenkundig: Die SPD hält alle politischen Mitbewerber auf Distanz – einschließlich Grüne und CDU, mit denen Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) seit 2019 in einer Kenia-Koalition regiert. 

Nach Angaben des Bundeswahlleiters wird Brandenburg wie bisher mit 25 Abgeordneten im neuen Bundestag vertreten sein. Darunter sind allein zehn direkt gewählte Sozialdemokraten. Wie verändert der Wahlausgang die politische Tektonik im Land?

Es wird wohl einige Zeit dauern, bis CDU und Linke ihre Niederlagen verarbeitet haben. Für beide Parteien sind dramatische Folgen zu erwarten, politische wie menschliche, und eine geringere Verankerung in der Fläche. So hat die Union nur noch vier Abgeordnete im Bundesparlament, statt bisher neun.

Die bekannteste Verliererin ist Dietlind Tiemann, die langjährige Oberbürgermeisterin von Brandenburg an der Havel zieht nicht mehr in den Bundestag ein. Auch der Neuruppiner Sebastian Steineke, seit 2013 dabei, Verbraucherschutzbeauftragter der Unionsfraktion, verpasste den Wiedereinzug. 

Und im Osten Brandenburgs reichte es nicht für die Newcomerin und Tierärztin Sabine Buder, ihr fehlten 1,3 Prozentpunkte. Noch härter erwischte es die Linken, nun eine Sieben-Prozent-Partei, für die es nur noch der frühere Finanzminister Christian Görke und die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg über die Liste in den Bundestag schafften.

Linke will Konflikte in den eigenen Reihen klären

Domscheit-Berg hatte sich auf der Landesliste in einer Kampfkandidatur gegen Parteichefin Anja Mayer den zweiten Platz erkämpft. Für die Parteichefin direkt dahinter reicht es nun nicht mehr. Folgen nun Führungsdebatten, wackelt der Parteivorsitz? Schnellschüsse seien nicht angezeigt, sagt Landesgeschäftsführer Stefan Wollenberg. Man sei gut beraten, erst einmal die inhaltlichen Konflikte in den eigenen Reihen zu klären. Und: „Wir müssen die Partei wieder aufbauen.“

Haarscharf zog Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg über die Landesliste in den Bundestag ein.
Haarscharf zog Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg über die Landesliste in den Bundestag ein.Foto: Ottmar Winter PNN

Auf der anderen Seite sind die Liberalen, die es 2019 nicht wieder in den Landtag geschafft hatten, mit 9,3 Prozent plötzlich stark wie nie zuvor, sogar stärker als Linke und Grüne. Zu vermuten ist, dass vor allem enttäuschte CDU-Anhänger zu den Liberalen wechselten. So viele Menschen hätten in der Mark nie zuvor FDP gewählt, 142.428 Wähler, rechnete Generalsekretärin Anja Schwinghoff prompt vor. Das sei eine gute Ausgangsbasis für kommende Wahlen. 

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„Wir rücken auf den Stimmzetteln bei der nächsten Wahl auf Platz vier.“ Über die FDP-Liste zieht neben der früheren Bundesgeneralsekretärin Linda Teuteberg, liberale Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin, die im Potsdamer Promi-Wahlkreis 61 gegen die Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) angetreten war – nun der Eberswalder Bürgermeister Friedhelm Boginski in den Bundestag ein.

SPD-Bundestagsfraktion wird jünger und weiblicher

Doch der große Abräumer ist die Brandenburger SPD, die mit neuen Gesichtern in den Bundestag zieht: Die Gruppe wird jünger und weiblicher. Unter den zehn Direktkandidaten sind neben Olaf Scholz, der in Potsdam klar gewann, nur drei weitere, die zumindest auf Landesebene bereits bekannt sind: Der Abgeordnete Stefan Zierke aus Prenzlau sitzt seit 2013 im Bundestag.

Auch die frühere Landtagsabgeordnete Sylvia Lehmann, in der vergangenen Legislatur als Nachrückerin in den Bundestag gekommen, ist weiter dabei. Mit Simona Koß wechselte eine Landtagsabgeordnete auf die Bundesebene.

Viel zu lachen: SPD-Kandidatin Maja Wallstein hat den Einzug in den Bundestag geschafft.
Viel zu lachen: SPD-Kandidatin Maja Wallstein hat den Einzug in den Bundestag geschafft.Foto: imago images/Rainer Weisflog

Hinzu kommen jüngere Gesichter: Die Hälfte der zehn Brandenburger SPD-Parlamentarier ist unter oder Anfang 40. Besonders drei Frauen fallen auf. Wiebke Papenbrock aus Neuruppin, die im Wahlkreis 56 im Norden mit 33 Prozent das zweitbeste Erststimmenergebnis nach Olaf Scholz (34 Prozent) holte.

Maja Wallstein ergattert Direktmandat und siegt über AfD

In Brandenburg/Havel war es die 33 Jahre alte Richterin Sonja Eichwede, die Lokalmatadorin Dietlind Tiemann von der CDU schlug. Besonderes Augenmerk richtete sich am Sonntag auf den Wahlkreis Cottbus: Dort gelang es der 35-jährigen Maja Wallstein, auf der Landesliste auf Platz 2 hinter Scholz, nach einem engagierten Wahlkampf das Direktmandat zu holen, das manche schon bei der AfD gesehen hatten.

Dass die AfD in Brandenburg gar kein Direktmandat erringen konnte – noch stärker umkämpft als Cottbus war der südbrandenburgische Wahlkreis 65 in Elbe-Elster und Oberspreewald-Lausitz – lag diesmal an der Stärke der SPD. Aber: Bei den Zweitstimmen wurde die AfD wieder zweitstärkste Kraft im Land.

Michael Kellner, Politischer Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, profitierte vom „Baerbock-Effekt“.
Michael Kellner, Politischer Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen, profitierte vom „Baerbock-Effekt“.Foto: dpa

Die Brandenburger Grünen haben ihr Ergebnis verdoppelt: Wenn man auf die Zahl der Bundestagsmandate schaut. Bislang saß für die märkischen Grünen stets nur eine Abgeordnete im Bundestag: Zuletzt zwei Legislaturen lang Annalena Baerbock.

Baerbock-Effekt in Brandenburg zu spüren

Nun zieht über die Landesliste neben Kanzlerkandidatin Baerbock ein zweiter – bekannter – Bewerber ins Parlament ein. Es ist Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfmanager von Bündnis 90/Die Grünen. Er lebt am Oberuckersee und kämpfte in Uckermark-Barnim um ein Direktmandat, war aber chancenlos. 

Er holte am Sonntag 5,8 Prozent der Erststimmen. Der Baerbock-Effekt, die frühere Landesparteivorsitzende war auch Spitzenkandidatin in Brandenburg, war zu spüren: Mit neun Prozent holten die Grünen ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl in Brandenburg. 

Aber ein bisschen mehr hätte es aus Sicht der Partei schon sein dürfen. Der anfangs noch realistische grüne Traum von drei märkischen Abgeordneten im Bundestag – er ist nicht wahr geworden. 

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