• Erschreckende Zahlen: Viele Kinder in Brandenburg Opfer von Missbrauch

Erschreckende Zahlen : Viele Kinder in Brandenburg Opfer von Missbrauch

Im Jahr 2018 wurden über 500 Fälle von Kindesmissbrauch in Brandenburg bekannt. Darunter über ein Dutzend Fälle in Kitas. Die Statistik ist furchtbar.

Benjamin Lassiwe
Kriminalstatistik 2018 für Brandenburg: 518 Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs, 43 Fälle des Missbrauchs Jugendlicher, 19 Fälle des Missbrauchs von Schutzbefohlenen und 226 Fälle von Kinder- sowie 72 Fälle von Jugendpornografie.
Kriminalstatistik 2018 für Brandenburg: 518 Fälle des sexuellen Kindesmissbrauchs, 43 Fälle des Missbrauchs Jugendlicher, 19 Fälle...Foto: David Ebener/ dpa

Potsdam - Kinder in Brandenburg sind auch in der Obhut von Erziehern nicht immer vor sexuellen Übergriffen sicher. Im Vorjahr erfasste die Polizei in Brandenburg 18 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern unter 14 Jahren in Kindergärten, Horten sowie Kinder- und Jugendheimen. Das geht aus einer aktuellen Antwort des Bildungsministeriums auf eine Anfrage der AfD im Potsdamer Landtag hervor.

Die Statistik schließt auch Straftaten ein, die nicht von Beschäftigten der Kindereinrichtungen begangen wurden. Im Jahr 2018 wurden demnach 19 Tatverdächtige ermittelt, davon waren 18 männlich. 14 Tatverdächtige waren unter 18 Jahre alt, was darauf schließen lässt, dass Missbrauch unter Kindern eine größere Rolle spielt. Die weiteren fünf Verdächtigen waren laut Polizeistatistik zwischen 18 und 50 Jahren alt. Fasst alle mutmaßlichen Täter waren Deutsche, nur einer besitzt nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Aufklärungsquote lag 2018 bei 83,3 Prozent. 2017 wurden 21 Missbrauchsfälle in Kindereinrichtungen erfasst, bei einer Aufklärungsquote von 95,2 Prozent.

Schlimme Statistik

Insgesamt werden in Brandenburg, unabhängig vom Tatort, statistisch deutlich mehr Kinder Opfer sexueller Gewalt als in den meisten anderen Bundesländern. Das geht aus einem Auszug aus der Kriminalstatistik 2018 hervor, die der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, am Dienstag in Berlin vorstellte. Hochgerechnet auf 100.000 Einwohner gab es demnach in Mecklenburg-Vorpommern 24, in Berlin 22 und in Brandenburg 21 Fälle. Baden-Württemberg und Bremen als am schwächsten betroffene Länder kamen auf zwölf Fälle pro 100.000 Einwohner. Insgesamt weist die Kriminalstatistik für 2018 in Brandenburg 518 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern auf. Hinzu kommen 43 Fälle des Missbrauchs Jugendlicher, 19 Fälle des Missbrauchs von Schutzbefohlenen und 226 Fälle von Kinder- sowie 72 Fälle von Jugendpornografie. Zahlen für 2019 liegen noch nicht vor, wie das Landespolizeipräsidium auf Anfrage mitteilte.

Der Bundesmissbrauchsbeauftragte geht davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. In der Kriminalstatistik werden keine Anzeigen, sondern nur „hinreichend konkretisierte Delikte“ erfasst, heißt es auch in der Antwort des Bildungsministeriums auf die AfD-Anfrage. „Eine Dunkelfeldanalyse ist nicht möglich.“

Brandenburg braucht einen Landesmissbrauchsbeauftragten

„Die Gesellschaft muss erkennen, dass es sich beim sexuellen Kindesmissbrauch um ein Megathema handelt, das alle angeht“, sagte Rörig. Aus seiner Sicht gehöre das Thema sexueller Missbrauch in jedes Parteiprogramm und in jeden Koalitionsvertrag, auf Bundes- wie auf Landesebene. Alle Bundesländer sollten eine umfassende Defizits- und Bestandsanalyse durchführen: Geklärt werden sollte etwa die Qualifikation von Mitarbeitern in den Jugendämtern.

Überprüft werden sollte auch, wo Personalmängel Präventionsarbeit erschwerten oder verhinderten. Von Ländern wie Brandenburg forderte Rörig die Einrichtung eines Landesmissbrauchsbeauftragten.

Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.
Johannes-Wilhelm Rörig, unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.Foto: Sebastian Gollnow/dpa

„Für das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport hat der Kinderschutz und damit auch der Schutz vor sexuellen Missbrauch bereits jetzt schon höchste Priorität“, sagte Vize-Sprecherin Antje Grabley auf PNN-Anfrage. Bei der Suche nach Opfern schweren sexuellen Missbrauchs können Polizisten gezielt in Brandenburger Schulen nachforschen. Bei der Schulfahndung werden Lehrern Bilder mit den Gesichtern von Missbrauchsopfern vorgelegt, um diese zu identifizieren.

Im Kenia-Koalitionsvertrag zwischen SPD, CDU und Grünen ist zudem vereinbart, einen Kinder- und Jugendbeauftragten einzusetzen, der sich laut Grabley auch mit dem Thema sexueller Missbrauch beschäftigten werde. Die Fachberatungsstellen und Präventionsprojekte gegen sexuelle Gewalt will die Koalition laut Vertrag stärker als bisher unterstützen. Auch ein Kinderschutzgesetz soll erarbeitet werden.

Die CDU-Landtagsabgeordnete Kristy Augustin sagte, sie sehe die Missbrauchszahlen mit großer Sorge. „Dass Brandenburg in der polizeilichen Kriminalstatistik für 2018 auf Platz drei liegt, zeigt, dass Verbesserungen nötig sind“, sagte sie.

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