Brandenburg : Entrumpelt

Mülllaster sind laut und nerven Anwohner: In Oberhavel und Potsdam gibt es neue leise Wagen

Jan Bergrath
Leiser Laster. Die Tonnen werden seitlich aufgeladen.
Leiser Laster. Die Tonnen werden seitlich aufgeladen.Foto: Jan Bergrath

Bärenklau - Nur das Rollgeräusch ist zu vernehmen, als Klaus Liedermann mit seinem Mülllaster durch die menschenleeren Straßen der Gemeinde Bärenklau fährt. Dort stehen die Tonnen für das Altpapier exakt am Straßenrand. Seit nunmehr 22 Jahren ist Liedermann als Kraftfahrer bei der AWU Abfallwirtschafts-Union Oberhavel aus Velten beschäftigt. Er sitzt auf der rechten Seite und weiß genau, wo er anhalten muss. Über einen Joystick im Türrahmen bedient er einen stählernen Arm, der ein oder zwei Behälter greift und abkippt. So tastet er sich leise von Tonne zu Tonne. Am Ende seiner Runde werden die Bürger von Bärenklau sagen können, sie haben nichts davon gehört. Plötzlich ist der Müll einfach weg.

Genau das gilt es ab sofort in einem 30-monatigen Feldversuch im Rahmen des „Schaufenster Elektromobilität“ zu beweisen. Drei Entsorgungsunternehmen der Region nehmen an dem von Hüffermann Transportsysteme aus Neustadt/Dosse angeregten und durch den Bund sowie die Länder Berlin und Brandenburg geförderten Kernprojekt „Elektro-Abfallentsorgung“ teil. Wie berichtet ist darunter auch die STEP Stadtentsorgung Potsdam. Auch die Berliner Stadtreinigung und die AWU Oberhavel für den Landkreis Oberhavel machen mit. Deren Fahrzeug ist das erste im Dreierbund, das bereits seit Anfang Juli im täglichen Einsatz ist. Für die BSR kommt ab August ein orangefarbenes Auto für die Sperrmüllentsorgung auf die Straße. Der dritte Lkw, ein sogenannter Hecklader für normalen Hausmüll, befindet sich noch im Aufbau.

Die AWU, an der zu 51 Prozent der Landkreis Oberhavel und zu 49 Prozent der private Berliner Entsorger ALBA beteiligt sind, verantwortet mit 160 Mitarbeitern und 15 eigenen Fahrzeugen die Abholung des Hausmülls im Oberhavelkreis und im südlichen Mecklenburg-Vorpommern. Um die Müllgebühren konstant zu halten, entschied sich die Fuhrparkleiterin, Annette Fürstenberg, vor einigen Jahren zur Umstellung der Sammelfahrzeuge auf das Prinzip des Seitenladers. „Auch die Anwohner mussten sich umstellen und die Tonnen selbst auf die Straßen stellen“, erläutert Fürstenberg. „Seither fahren wir im Zweischichtsystem, um durch eine effektive Auslastung der Lkw weitere Kosten zu sparen.“

Nun ist Liebermann der erste Fahrer der AWU, der mit einem komplett neu entwickelten Lkw den Weg in die fast geräuscharme und emissionsreduzierte Entsorgung testen soll. Für die leise Anfahrt sorgt zunächst der Hybridantrieb des dreiachsigen Volvo FE mit einer Leistung von 280 PS. Kleine Batterien im Fahrgestell des schwedischen Lasters werden beim Bremsen mit Strom aufgeladen. Diese gewonnene Energie ermöglicht es, im Schritttempo nur im rein elektrischen Betrieb zu fahren. Im normalen Dieselbetrieb laden sich die Batterien wieder auf. Das spart bis zu 25 Prozent Diesel und reduziert die Abgase. Bei Müllfahrzeugen besteht das Problem, dass die schwere Antriebstechnik bislang die Nutzlast des Aufbaus reduziert hat. Dieser muss, um wirtschaftlich arbeiten zu können, mindestens zehn Tonnen Hausmüll oder Altpapier aufnehmen können.

Hier hat Hüffermann nun den westfinnischen Hersteller Närpes Trä & Metall (NTM) als Partner gewonnen. Mit seinem Seitenladerkonzept im Einzelfahrbetrieb können die Finnen nunmehr in der dritten Generation in den menschenleeren Regionen des Nordens auf gute Erfahrungen zurückgreifen. Für das Entsorgungsprojekt entwickelten sie nun einen Aufbau, der mit Strom aus einem Akku-Pack mit Lithium-Ionen-Batterien eines finnischen Herstellers gespeist wird. Der wirtschaftliche Nachteil: Das Fahrzeug ist etwa dreimal so teuer wie ein herkömmlicher Müllwagen.

Zwei komplette Schichten von 6 bis 21.30 Uhr soll der Strom für den Aufbau halten. „Wir versprechen uns, dass wir auf dem Rundlauf bis zu 1400 Behälter entleeren und abkippen können, bevor der Lkw bei uns im Betrieb wieder an die Steckdose kommt“, so Fürstenberg. Gespeist werden die Akkus mit Kraftstrom (380 Volt). Im Laufe des Projekts sollen es dann zeitgesteuerte Ladesäulen ermöglichen, die Batterien des Aufbaus mit günstiger Windenergie zu speisen und dadurch die Kosten weiter zu senken. Das Fraunhofer Institut überwacht den kompletten Testlauf. Für Fürstenberg ganz neue Perspektiven: „Mit diesem Fahrzeugkonzept ist es möglich, die Entsorgungszeiten weiter in die Morgen- und Nachtstunden auszudehnen oder Kliniken geräuscharm zu entsorgen.“

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