Brandenburg : Ein System der absoluten Terrors

Die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen dokumentiert Gewaltexzesse der SS

Yvonne Jennerjahn

Oranienburg - Der homosexuelle Berliner Kabarettsänger Paul O'Montis: 1940 erhängt. Der tschechische Verleger Pavel Prokop: 1940 nach Misshandlungen gestorben. Der katholische Professor Benedikt Schmittmann: 1939 von SS-Männern zu Tode getreten. Der österreichische Staatsanwalt Karl Tuppy: 1939 gleich nach der Ankunft brutal misshandelt und ermordet. Die vier Männer sind Opfer der SS im KZ Sachsenhausen. Ihre Geschichte und die der Täter ist Teil der neuen Dauerausstellung, die am Sonntag in der Gedenkstätte in Oranienburg eröffnet wird.

Unter dem Titel „Die Konzentrationslager-SS 1936-1945: Exzess- und Direkttäter“ werden im sogenannten „Turm A“, einst Eingang, Kontroll- und Bürogebäude des KZ Sachsenhausen, Gewaltexzesse und besondere Brutalität der SS-Täter dokumentiert. Zeichnungen von Häftlingen, die Auspeitschungen und andere Qualen festhalten, verdeutlichen dies. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehe auch der enge Zusammenhang von Verwaltungshandeln und Exzesstaten, betont der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch.

Denn mit den Gewalttaten wurden die Pläne der Verwaltung umgesetzt. Sadistische Täter sorgten auf bestialische Weise dafür, dass diejenigen, die man nicht mehr im Lager haben wollte, beseitigt wurden. „Das vor allen Dingen wollen wir in diesen Räumen zeigen“, betont Morsch. „Dafür müssen wir uns auch der Faszination der Gewalt stellen.“ Ein Paar SS-Stiefel, mehrere Waffen und Täterfotografien lenken den Blick darauf. Doch den Fotos und Mordwerkzeugen der Täter werden deren Verbrechen gegenübergestellt.

„Der Mann sollte erst singen, was er nicht tat“, beschreibt ein ehemaliger KZ-Häftling die Misshandlungen und den Mord an dem jüdischen Sänger Georg Adler in Sachsenhausen: „Dann schlug und trat man auf ihn ein. Als der Mann auf der Erde lag, trat man so heftig nach ihm, dass dem Mann der Bauch aufplatzte. Man konnte das Gedärm sehen, der Mann hielt mit beiden Händen seinen Bauch und sein Gedärm fest. Er wurde dann auf einen Schubkarren geladen und weggefahren.“ Einer der Täter, der SS-Mann Otto Kaiser aus Eilenburg in Sachsen, wurde 1961 verhaftet und von einem Kölner Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. 1988 kam er frei und starb 1996. 95 Prozent der SS-Täter seien nie für ihre Verbrechen bestraft worden, sagt Morsch.

Zu den Ausnahmen gehört Rudolf Höß, der 1947 hingerichtet wurde: Als Kommandant von Sachsenhausen hat er 1940 den ersten Massenmord in dem Konzentrationslager organisiert. Hunderte bereits geschwächte und arbeitsunfähige Häftlinge kamen dadurch ums Leben. Danach wurde Höß Kommandant von Auschwitz.

Die Ausstellung mit zahlreichen Medienstationen mit zusätzlichen Informationen verdeutliche auch, dass die Konzentrationslager der Nazis ein „System der absoluten Gewalt und des absoluten Terrors“ waren und sich damit von allen anderen Lagersystemen unterscheiden, betont Morsch: „Jeder Häftling musste zu jeder Zeit seines Todes gewärtig sein.“ Diese exzessive Gewalt habe es in anderen Lagern, auch in denen der Sowjetunion, nicht gegeben.

Dass der „Turm A“, eines der wichtigsten KZ-Gebäude von Sachsenhausen, nun mit einer Ausstellung für Besucher geöffnet werde, sei von großer Bedeutung, betont Morsch. Denn der Turm, von dem aus einst ein Maschinengewehr auf die Häftlinge zielte, sei das „architektonische Zentrum einer Geometrie des totalen Terrors“ gewesen. Das Gebäude, dessen Eingangstor die makabre Inschrift „Arbeit macht frei“ trägt, führe dies nun auch für Besucher der Gedenkstätte plastisch vor Augen. Yvonne Jennerjahn

Die Dauerausstellung „Die Konzentrationslager-SS 1936-1945: Exzess- und Direkttäter“ ist täglich außer montags geöffnet. Vom 15. März bis 14. Oktober sind die Ausstellungen der Gedenkstätte von 8.30 bis 18 Uhr, vom 15. Oktober bis 14. März von 8.30 bis 16.30 Uhr zu sehen.

www.stiftung-bg.de

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