Brandenburg : Digitales, Dialoge und Lehrerdilemma

Die neue Brandenburger Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) will Schulen und Kitas besser mit Technik und Personal ausstatten sowie die Sanierung von Jugendclubs und Sportanlagen fördern

Foto: Bernd Settnik/dpa-

Potsdam– Brandenburgs neue Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) hat am Freitag nach gut hundert Tagen im Amt ihre Pläne für Schulen, Kitas, Jugendeinrichtungen und den Sport im Land vorgestellt. Die PNN geben einen Überblick, wie die frühere Schulministerin Schleswig-Holsteins die Brandenburger Probleme angehen will.

DIGITALES LERNEN

Um Schüler fit für den Umgang mit digitalen Medien zu machen, sollen die Schulen besser ausgestattet werden, sagte die Ministerin, die selbst in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter aktiv ist. Wie die PNN berichteten ist rückständige IT nicht nur ein Problem in der Peripherie, auch in der Landeshauptstadt ist das digitale Klassenzimmer eher die Ausnahme. Das Land will nun das an Grundschulen gestartete Projekt „medienfit“ ab kommendem Schuljahr auf weiterführende Schulen ausweiten. Diese können sich für das Projekt bewerben, 50 werden ausgewählt. Im Nachtragshaushalt sollen zwei Millionen Euro für die Digitalisierung zur Verfügung gestellt werden, pro Projektschule mindestens 20 000 Euro. Zusammen mit dem Potsdamer Hasso-Plattner-Institut soll zudem die Schulcloud, ein Onlinespeicher für Lernmaterial, weiterentwickelt werden.

GEMEINSAMES LERNEN

Die Inklusion, der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap, hat in Brandenburg immer wieder für Irritationen gesorgt. Förderschulen fürchteten ihre Auflösung, Eltern behinderter Kinder schlechtere Förderung und Eltern begabter Kinder, dass diese weniger Aufmerksamkeit bekommen. Inklusion müsse „klug und mit Vorsicht“, umgesetzt werden, erklärte Britta Ernst am Freitag. Eltern solle die Wahlfreiheit gelassen werden, auf welche Schule sie ihr Kind schicken. Für dieses und kommendes Jahr stünden mehr als 400 zusätzliche Lehrerstellen für Inklusionsschulen zur Verfügung. 129 Schulen für gemeinsames Lernen gibt es mittlerweile im Land.

LEHRERMANGEL

Vor allem auf dem Land werden händeringend Lehrer gesucht. Die mitregierende Linke hat wie berichtet kürzlich ein Landlehrerstipendium vorgeschlagen und damit eine alte Forderung der CDU aufgegriffen. SPD-Politikerin Britta Stark hingegen setzt auf Seiteneinsteiger und mehr Studienplätze. „Ohne Seiteneinsteiger gelingt es auch in Brandenburg nicht, den Lehrerbedarf zu decken“, so Ernst. Denn bis 2019 müssen noch etwa 2000 Lehrkräfte neu eingestellt werden. Auch danach werden noch für jedes neue Schuljahr rund tausend neue Lehrer gesucht. „Erst in sechs Jahren wird der Bedarf langsam abflachen“, sagte die Ministerin. Die Lehrkräfte, die nicht die klassische Pädagogenausbildung durchlaufen haben, sollen besser qualifiziert werden und zwar drei Monate lang vor dem Unterrichtseinsatz und nicht wie bislang berufsbegleitend. Zudem soll in Absprache mit Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) – früher für Bildung verantwortlich – die Ausbildungskapazität für Lehrer an der Universität Potsdam aufgestockt werden. Wie viele Studienplätze es künftig geben soll, ist aber noch nicht entschieden. Aktuell gibt es pro Jahr rund 450 Absolventen. Weiterer Baustein zur Lehrergewinnung: Studenten ohne lehramtsbezogenen Bachelor-Abschluss soll der Master für das Lehramt ermöglicht werden.

UNTERRICHTSAUSFALL

Eltern beklagen immer wieder, dass an Schulen Unterricht ausfällt. Das liegt laut Ernst aber weniger am grundsätzlichen Pädagogenbedarf, sondern daran, dass Lehrer kurzfristig krank werden. Der Anteil der Stunden, die komplett ausfallen, liege bei zwei Prozent. „Das kann sich im bundesweiten Vergleich sehen lassen“, so Ernst. Auf den Halbjahreszeugnissen im Februar werde jedes Kind in allen Fächern Noten bekommen, versicherte Ernst. 2015 bekamen rund 1500 Schüler in Brandenburg keine kompletten Zeugnisse, weil der Unterricht nicht in ausreichender Form erteilt werden konnte. Der damalige Bildungsminister Günter Baaske (SPD) geriet in große Erklärungsnot. Das von ihrem Vorgänger daraufhin installierte Alarmsystem zum Melden akuten Lehrermangels habe sich bewährt, so Ernst.

KITAQUALITÄT

Das Land will den Betreuungsschlüssel in den Tagesstätten weiter verbessern. Ziel in etwa zehn Jahren: Ein Erzieher soll drei Krippenkinder betreuen, bei den älteren Kindern wird laut Ernst ein Schlüssel von 1:8 angestrebt. Im Krippenbereich wurde der Schlüssel bereits schrittweise auf 1:5 verbessert. Im Kindergarten soll ab August das Betreuungsverhältnis bei 1:11 (früher 1:12) liegen. Als Entlastung für die Eltern wird wie berichtet das letzte Kitajahr vor der Einschulung ab August gebührenfrei. Nach dem Willen der Ministerin sollen perspektivisch gar keine Gebühren mehr für die Kinderbetreuung erhoben werden. Kitas sollten als Bildungseinrichtungen gesehen werden „und Bildung soll in Brandenburg nichts kosten“, so Ernst.

MITBESTIMMUNG DER ELTERN

Sowohl im Kita- als auch im Schulbereich will die gebürtige Hamburgerin Ernst den Austausch mit Eltern intensivieren. Künftig sollen in allen Landkreisen und kreisfreien Städten örtliche Elternbeiräte gebildet werden. Um das zu erleichtern sei sie bereit, das Kitagesetz zu ändern. Darüber hinaus soll es zwei Mal jährlich Dialogforen für Bildung in verschiedenen Regionen sowie in jedem der vier Schulamtsbereiche Diskussionsrunden geben.

BERUFLICHE BILDUNG

Sie habe „ein großes Herz“ für berufliche Bildung, so Britta Ernst. Das verwundert nicht, denn zu ihrer Amtszeit in Schleswig-Holstein hieß ihr Ressort noch „Ministerium für Schule und Berufsbildung“. Eine duale Ausbildung in der Fläche „ist zentral für Brandenburg“, so Ernst. Der demografische Wandel dürfe nicht zu einer Abwärtsspirale im Ausbildungsbereich führen. Die beruflichen Schulen im Land sollen gestärkt werden – wie, das soll ein Gutachten aufzeigen.

JUGENDEINRICHTUNGEN

Mit dem neuen Förderprogramm „FreiRäume“ sollen in diesem Jahr Jugendfreizeiteinrichtungen in Kommunen mit bis zu 15 000 Einwohnern mit insgesamt 500 000 Euro aus Lottomitteln unterstützt werden. Die Kommunen können damit zum Beispiel Skaterbahnen oder Bolzplätze errichten. Zudem sollen Jugendclubs bei der IT-Ausstattung unterstützt werden. Vorgesehen sind dafür 750 000 Euro.

SPORTSTÄTTEN

„Brandenburg ist Sportland – im Breiten- wie im Spitzensport“, sagt Britta Ernst, für die der Sportbereich neu ist. Beeindruckt zeigt sie sich von den Sportschulen in Brandenburg. „So etwas hätte ich mir in Schleswig-Holstein gewünscht.“ Um auch Breitensportlern gute Bedingungen zu bieten, unterstützt das Land Kommunen und Vereine mit insgesamt 33 Millionen Euro für den Neubau und die Sanierung von Sportanlagen.

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