Brandenburg : Die klassenlose Schule

Die Freie Schule Woltersdorf will anders lehren – Das Bildungsministerium ist da skeptisch

Patricia Czarkowski

Woltersdorf - Der letzte Unterrichtstag vor den Sommerferien findet an diesem Dienstag im Garten statt. Das Schulfach hat zwar keinen offiziellen Namen, könnte aber „Entrümpelung“ heißen. Die 15 Grundschüler der Freien Schule Woltersdorf wollen die Nacht unter freiem Himmel verbringen und entsorgen dafür alte Autoreifen, Plastikstühle und Schubkarren aus dem 5000 Quadratmeter großen Garten. Die private Grundschule, die erst vor einem Jahr gegründet wurde, verlegt ihren Unterricht regelmäßig ins Freie, um dort Elemente aus Sport, Mathematik, Sachkunde und Deutsch zu verbinden. Eine Bildungsmethode, die in staatlichen Schulen nicht üblich ist.

„Wir arbeiten hier reformpädagogisch, weil wir keinen Frontalunterricht wollen“, sagt Christian Grune, Vorsitzender des Trägervereins der Schule. Dazu gehöre, dass es keine festen Fächer und Klassen gebe. Erst- bis Drittklässler werden gemeinsam unterrichtet, ebenso wie die Viert- bis Sechsklässler. Dabei legen die Erzieher besonderen Wert auf Projektarbeit, spielerisches Lernen und Freiarbeit. Diese Herangehensweise scheint bei jungen Eltern beliebt zu sein, für das nächste Schuljahr rechnet die Schule mit 13 neuen Schülern, in den kommenden Jahren soll die Schule auf insgesamt 120 Schüler anwachsen.

Unmut hingegen erregen Privatschulen offenbar bei den Brandenburger Schulämtern und dem Bildungsministerium. Nur ein Jahr nach der Gründung der Schule wollte das Bildungsministerium der Freien Schule Woltersdorf per sofortiger Vollstreckung die Schulgenehmigung zum 1. August entziehen. „Das Schulamt Frankfurt (Oder) wirft uns vor, weder über fachgerechte Lehrer, noch über eine ordnungsgemäße Schulleitung zu verfügen“, sagt Grune. Zudem habe das Schulamt den Leistungsstand der Schüler im Vergleich zu staatlichen Schulen kritisiert. Vorwürfe, die Grune als „haltlos“ bezeichnet. Der Unterricht werde durch Fachkräfte gesichert, und die Überprüfungen durch das Schulamt seien unzureichend. Zu dieser Erkenntnis scheint drei Wochen vor der ursprünglich geplanten Schulschließung nun auch das Ministerium gekommen zu sein: Der Vollstreckungsbescheid wurde am Montag zurückgezogen. „Wir wollen der Schule noch eine Chance geben“, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Freie Schule müsse aber ihren Unterrichtsplan für das kommende Schuljahr vorlegen und drei der Fachkräfte durch Erzieher mit einer „höheren fachlichen Eignung“ ersetzen.

Grune vermutet, dass die formalen Kritikpunkte, mit denen die Grundschule in Woltersdorf konfrontiert wurde, nur ein Vorwand sind: „Freie Schulen werden oft kritisiert, weil eine Schulgebühr gezahlt werden muss und wir nicht jeden Bewerber aufnehmen müssen“, sagt der ausgebildete Erziehungswissenschaftler. In Woltersdorf etwa müssen Eltern rund 160 Euro monatlich für die Ausbildung ihres Kindes zahlen. Zudem mutmaßt Grune, dass das Bildungsministerium das staatliche Schulmonopol nicht aufgeben möchte. Daher würde versucht, Mängel beim inhaltlichen Bildungskonzept von privaten Schulen zu finden.

Erstaunt über die Kritik des Schulamts und des Ministeriums zeigt sich auch der Woltersdorfer Bürgermeister Wolfgang Höhne (parteilos). „Ich wurde bis heute nicht vom Schulamt über eine geplante Schließung informiert“, sagt Höhne. Er habe von den Ereignissen nur über die Eltern von Schülern erfahren. „Die schwerwiegenden Vorwürfe haben mich sehr verwundert, da ich die Eltern, die die Schule gegründet haben, sehr gut kenne“, fügt Höhne hinzu.

Die Eltern und der Trägerverein der Grundschule in Woltersdorf zeigten sich zunächst erleichtert, als bekannt gegeben wurde, dass der Schulbetrieb im kommenden Schuljahr fortgeführt werden kann. Und die Schüler können weiter in aller Ruhe ihre erste gemeinsame Nacht unter dem Sternenhimmel vorbereiten.

Patricia Czarkowski