Brandenburg : Der Schlamm tötet alles

Das Wasser der Spreewald-Zuflüsse ist rotbraun. Die Tourismusregion ist bedroht – eine Spätfolge des Kohleabbaus in der Lausitz. Jetzt schlägt auch die Landespolitik Alarm

Alexander Fröhlich
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23.01.2013 22:05

Ragow/Raddusch - Mit einem kräftigen Schlag zerstößt Werner Rosenberger am Ufer der Wudritz, einem schmalen Fließ, das Eis. Den Schöpfeimer braucht er nicht tief ins Wasser zu tauchen, schon ist er voll mit rotbraunem Schlamm. „Das ist das Eisenocker“, sagt der 72-Jährige, der an dieser Stelle am Naturhafen von Ragow, gelegen zwischen Lübbenau und Lübben, am westlichen Rand des Spreewaldes einen kleinen Kahnfahrtbetrieb betreibt. Das Eisenocker, dieser rotbraune Schlamm, ist das Erbe von 150 Jahren Braunkohleabbau. Das Zeug mache alles kaputt, sagt Rosenberger, seinen Betrieb, bald auch den Tourismus im Spreewald. Mehrere Tausend Arbeitsplätze hängen davon ab.

Noch aber ist es nicht so weit. Vom Naturhafen Ragow sind es nur zwei Kilometer bis zur Spree, wo sich das braune Wasser der Wuderitz mit dem der Spree vermischt. Noch ist die Spree relativ sauber. Damit aber könnte es bald vorbei sein, wenn nichts geschieht. Das sagen nicht nur die Kahnfahrmänner von Ragow, das sagen auch Hotelbetreiber und der Tourismusverband. Im Oktober vergangenen Jahres haben sie deshalb das Aktionsbündnis „Klare Spree“ gegründet, extra außerhalb der Urlaubssaison, um die Urlauber nicht zu verschrecken.

„Früher gab es hier ganz viele Libellen, man konnte die Muscheln auf dem Grund sehen und ihre Kriechspuren, auch die Fische“, sagt Rosenberg. „Das ist weg. Der Schlamm bedeckt alles, nichts bleibt übrig, eigentlich ist der Fließ tot.“ Und den Eisvogel, wegen dem viele Gäste nach Ragow kommen, um sich durch den Spreewald schippern zu lassen, habe er schon lange nicht mehr gesehen. An einigen Stellen ist die Eisenschlammschicht so hoch, dass die Fährmänner ihre Kähne nur mit Mühe durch den Fließ steuern können. „Das Wasser ist seit einigen Jahren immer wieder mal braun, besonders nach Hochwasser und viel Regen“, sagt Rosenberger. Aber jetzt sei es besonders erschreckend. Wenn Schnee und Eis abgetaut sind und die Saison wieder losgeht, befürchtet der 72-Jährige das Schlimmste. „Die Leute sehen die braune Brühe und fahren dann lieber woanders hin.“ Der Geschäftsführer des Tourismusverbandes Spreewald, Peter Stephan, warnt: „Hier steht eine einzigartige Landschaft auf dem Spiel.“

Besonders groß ist der Zufluss aus der mit Eisen belasteten Spree aus Sachsen. In Spremberg an der Landesgrenze sammelt sich das Eisenocker noch in der Talsperre. „Aber wenn das nächste große Hochwasser kommt, dann schwappt das alles über und kommt in den Spreewald. Dann ist hier alles vorbei“, sagt Wolfgang Renner (54), der hier in der Region um Cottbus für die Grünen in den Bundestag will. Doch nicht nur über die Spree selbst, auch an anderen Stellen kommt die braune Brühe durch, wie an der Wudritz oder am Mühlenfließ bei Vetschau. Insgesamt in zehn Zuflüssen drückt das eisenhaltige Wasser aus dem Grund hinauf und fließt in Richtung Spreewald, sagt Renner. Einst war in der gesamten Gegend wie in einem riesigen Trichter das Grundwasser für die Tagebaue bis zu 100 Meter abgesenkt, jetzt steigt es und bringt das Eisen und Sulfat in die Fließe. „Hier muss schnell eine Lösung her“, sagt Renner. Er fordert, den Eisenschlamm vor dem Spreewald abzufangen und die belasteten Fließe zügig zu sanieren.

Lange Zeit wurde Renner dafür Panikmache vorgeworfen, inzwischen ist aber auch die Landespolitik alarmiert. Am heutigen Donnerstag wird sich der brandenburgische Landtag in einer aktuellen Stunde damit befassen. Dort wird die Lage inzwischen als so dramatisch angesehen, dass alle Fraktionen in einem gemeinsamen Antrag kurzfristige Maßnahmen fordern, vor allem von Sachsen, von wo die braune Flut aus den alten Tagebaugebieten kommt, aber auch von an der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), die die Folgen des Braunkohleabbaus mildern und die zerstörten wieder herrichten soll. Der gemeinsame Antrag sieht auch vor, dass das Netz der Messstellen im Spreewald verdichtet und in der Landesregierung ein Beauftragter für das Problem benannt werden soll. Zudem soll künftig mehr Offenheit bei dem Thema herrschen.

Nicht durchsetzen konnte sich die Linksfraktion mit ihrem Vorschlag, den Energiekonzern Vattenfall stärker zur Kassen zu bitten. Ein Großteil der Sulfatbelastung in der Spree kommt aus den noch aktiven Tagebauen in der Lausitz, die von Vattenfall betrieben werden. Nach Untersuchungen der Umweltbehörden in Brandenburg und Berlin könnte das Sulfat schon in wenigen Jahren ein Problem für die Trinkwassergewinnung in Berlin und Frankfurt (Oder) werden. Und Sulfat lässt sich nur schwer aus der Spree herausfiltern. Im Gegensatz zu Eisenocker.

„Man kann schon jetzt etwas machen, die Anlagen sind da, man muss sie nur wieder in Betrieb nehmen“, sagte der Grünen-Politiker. Es sind alte Auffangbecken und Wasserreinigunganlagen mit großen Teichen, in den früher Grubenwaser aus den Tagebauen gereinigt wurde. In den Becken kann sich der Eisenschlamm absetzen, am Ende kommt wieder sauberes Wasser heraus. Nach der Wende wurden die Anlagen dichtgemacht, wie auch einige Tagebaue. Darüber entscheiden, ob die alten Anlagen wieder in Betrieb genommen werden, muss die LMBV. Im April wird über die Verwendung des Budgets bis 2017 beraten. Das Landesumweltamt rechnen mit Kosten in Millionenhöhe, um zu verhindern, dass die Fließe im Spreewald nicht braun werden. Die LMBV will auch mit Gräben, Drainagen und Brunnensystemen gegen die Verockerung vorgehen. Dort wird der rostige Eisenschlamm abgefangen, muss abgebaggert und entsorgt werden.

Klar ist, das räumte Umweltministerin Anita Tack (Linke) am Mittwoch im Landtag ein, dass das Problem nicht kurzfristig zu lösen ist.Es sei über Generationen hinweg entstanden, da lasse sich nicht einfach der Hebel umlegen. Ein aktuelles Gutachten für die LMBV kommt zu dem Ergebnis, dass die Braunfärbung deutlich über dem öklogisch verträglichen Maß liege und eine historische Dimension erreicht hat. Aber auch, dass die Region noch bis zu 100 Jahre mit der braunen Spree leben muss, dass der Höhepunkt der Belastung noch nicht erreicht sei.

Allmählich wird die Debatte um die braune Spree auch zu einer Debatte um die Zukunkft des Braunkohleabbaus in der Lausitz und um die Folgen. Grünen-Politiker Renner sagt, es sei noch völlig unklar, was da in einigen Jahrzehnten noch kommt, wenn die noch aktiven Vattenfall-Tagebaue auch stillgelegt werden. Und Werner Rosenberg, der Kahnfahrer aus Ragow, sagt: „Das ist hier eigentlich Kohleland. Aber langsam sagen die Leute, es soll Schluss damit sein. Die Spree ist unsere Lebensgrundlage.“