Brandenburg : Der Neonazi von nebenan

Wie eine Szenegröße in einem Dorf in Südbrandenburg ungestört Geschäfte machen kann

Alexander Fröhlich

Ortrand/Lindenau - Im Süden Brandenburgs macht sich ein einflussreicher Neonazi breit und gute Geschäfte. Doch offenbar stört sich kaum jemand daran in der Gemeinde Lindenau (Oberspreewald-Lausitz), wo der Neonazi Sebastian Raack einen Gasthof betreibt. Die PNN hatten bereits im Frühjahr über den Fall und die Sorge des Verfassungsschutzes berichtet, Lindenau drohe zu einem bundesweiten Hotspot für rechte Konzerte und Neonazis zu werden. Und nicht nur das. Es ist inzwischen weitaus brisanter.

Der Verfassungsschutz war zu Jahresbeginn vor Ort, informierte in Ortrand Mandatsträger über Raack. Der hatte seit 2014 versucht, im Amt Ortrand Immobilien zu erwerben, scheiterte zunächst, auch weil Verkäufer sich über den Mann informierten, den Deal platzen ließen. Ende 2016 schaffte es Raack doch, kaufte in der Stadt Ortrand das Hotel „Deutsches Haus“ und in der 750 Einwohner zählenden Nachbargemeinde Lindenau einen Landgasthof. Viel gebracht haben die Informationen des Verfassungsschutzes nicht, wie der rbb berichtet. Deshalb sah sich die Verfassungsschutzabteilung des Innenministeriums jetzt gezwungen, deutlicher zu werden. In einem Schreiben an den Amtsdirektor Kersten Sickert, an die Bürgermeister von Ortrand und Lindenau wurde ein erneutes Gespräch anberaumt – es ist die nächste Eskalationsstufe.

Raack ist vor Ort kein Unbekannter, er kommt aus der Region, hielt sich bislang aber zurück. Er ist nicht nur ein Aktivist, sondern steckt seit Jahren tief in der rechtsextremistischen Szene, ist einer ihrer führenden Köpfe, laut Verfassungsschutz sogar ihr Finanzier. Die vorliegenden Informationen, die der Verfassungsschutz in seinem Schreiben auflistet, reichen, um zu wissen: Raack ist kein kleines Licht.

Raack war Mitglied des rechtsextremistischen Netzwerks „Blood & Honour“ bis zum Verbot im Jahr 2000, betreute das Postfach der südbrandenburgischen Sektion. Das „Blood & Honour“-Netzwerk hatte das NSU-Trio Ende der 1990er-Jahre beim Untertauchen unterstützt. Im Dezember 2016 verlegte Raack – wie berichtet – den Sitz seines rechten Online-Versands „Opos Records“ und seiner Kleidungsmarke „Greifvogel Wear“ von Dresden in seine Heimatregion nach Lindenau. Laut Verfassungsschutz ist Raack „einer der Big Player in der rechtsextremistischen Vertriebsszene“ mit Umsätzen von mehreren 100 000 Euro im Jahr. Und er sei einer der Größen in der europäischen Rechtsextremismus-Szene. Überdies sei Raack mit seinem Musik- und Versandhandel schon mehrfach in „Konflikt mit strafrechtlichen Tatbeständen“ und mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien geraten. Nebenbei ist Raack Mitglied in zwei Hassbands, die europaweit bei Neonazi-Konzerten auftreten.

Zuletzt ist Raack den Behörden als Mitorganisator und Sponsor des europaweiten Kampfsportevents „Kampf der Nibelungen“ für Neonazis und rechte Hooligans aufgefallen. Raack kämpfte laut Verfassungsschutz sogar selbst im Ring. Die Veranstalter werben für sich damit, dass sie dem „faulenden politischen System“, „dem System der Versager, der Heuchler und der Schwächlinge“ den Rücken kehren, lieber auf „Wille, Disziplin und Fleiß“ und „fest zusammenstehende Gemeinschaften“ setzen.

In Lindenau lässt man Raack trotz der frühzeitigen Warnungen der Verfassungsschützer gewähren. Ende Mai half er, ein hölzernes Ortseingangsschild zum 650-jährigen Dorfjubiläum aufzustellen. Fotos von der Facebook-Seite der Gemeinde zeigen ihn im T-Shirt einer rechtsextremen Band, auf dem Rücken der Spruch: „Europas Front steht.“ Oder beim Parkfest der Gemeinde Anfang Juni an der Zapfsäule. Als Zuschauer auf dem Fußballplatz in seinem Greifvogel-T-Shirt.

Raack scheint akzeptiert zu sein. Für den Verfassungsschutz ein Alarmsignal: Raack integriere sich schlau. Mit dem Jugendklub organisiert er Partys, hat die Parkgaststätte zum Eventzentrum umgebaut: Fastnacht, Konzerte, Herbstball, Kirmesball gab es schon, das Oktoberfest hat Raack mitorganisiert, er spendet für Sportvereine. Endlich ist was los. Eine Pizzeria hat er aufgemacht, „Pizza 18“ heißt sie. Ob Zufall oder nicht: Die Zahl ist die Hausnummer, aber auch ein Szene-Code. Nach dem Alphabet steht sie für Adolf Hitler.

Michael Raack, der Fußballtrainer beim SV Eintracht Ortrand ist und nur zufällig denselben Nachnamen trägt, sagte dem rbb: „Man hört erstaunlicherweise nur Positives. Aber ich fürchte, dass dahinter ein leicht perfider Plan steckt, um das gesellschaftsfähig zu machen, dass das sehr unkritisch hingenommen wird.“ Auch der Verfassungsschutz sieht diese Gefahr. Und Raack baut den Gasthof in Lindenau, wo die AfD bei der Bundestagswahl mit einem Drittel der Stimmen stärkste Kraft vor der CDU wurde, weiter aus. Ein Laden oder wie in Dresden ein Tattoo-Studio könnten kommen. Es gäbe neuen Zulauf – von Neonazis aus der Umgebung. Beim scheinbar guten Rechten. Es sind die verschwimmenden Grenzen, die der Verfassungsschutz befürchtet, das Gewöhnen an den Neonazi von nebenan, das Einsickern des Rechtsextremismus in den Alltag, sächsische Verhältnisse.

Der Bürgermeister von Lindenau, Jürgen Bruntsch, parteilos, auf CDU-Ticket gewählt, ist nicht erreichbar. Dem rbb hatte er ein Interview verweigert. Ein Anruf bei Amtsdirektor Kersten Sickert, der als Hauptverwaltungsbeamter des Amtes Ortrand zu Auskünften verpflichtet ist, bringt nicht viel. Er verweist auf das bevorstehende Gespräch mit dem Innenministerium am Montag, will keine Frage beantworten. Auch nicht, ob denn alle sensibel genug damit umgegangen seien, nachdem der Verfassungsschutz frühzeitig gewarnt hatte. Gespräch beendet.

Einer spricht: CDU-Landes- und Fraktionschef Ingo Senftleben. Von 2003 bis 2014 war er Bürgermeister in Ortrand und ist dort aufgewachsen. Immer wieder hätten Neonazis versucht, Immobilien zu erwerben, sagte Senftleben den PNN. „Da muss man fit sein, aufmerksame Strukturen haben, sich mit allen Beteiligten an den Tisch setzen.“ Auf diese Weise seien Versuche von Neonazis, Immobilien zu kaufen, verhindert worden. Er hoffe, dass „jeder vor Ort aufwacht, auch die Leute, die in Verwaltung und Politik Verantwortung tragen“. Ein Seitenhieb auf den Amtsdirektor und den Bürgermeister von Lindenau. „Wir müssen offensiv damit umgehen“, mahnte Senftleben. Im aktuellen Fall hätte sich in Lindenau niemand für die klaren Warnungen interessiert. Aber auch die Strategie der Neonazis habe sich geändert, sie gingen geschickter vor, würden ihre Gesinnung nicht offen zeigen. Viele würden dann sagen, „die passen wunderbar zu uns, sind nette Nachbarn“, so Senftleben. „Wenn man dann nicht aufpasst, hat man schnell ein Problem.“ Das ist nun eingetreten. Die CDU im Amt Ortrand werde beraten, wie man „damit umgehen und die Bürgergesellschaft informieren kann“, sagte Senftleben. „Der offene, ehrliche Umgang statt Tatsachen zu verdrängen ist schon ein wichtiger Schritt.“

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