Brandenburg : Der Haken mit dem Kreuz

71 Jahre nach Hitlers Ende sind Nazi-Devotionalien noch gefragt – ein Rundgang über Berlins Flohmärkte

Melanie Berger
Sammlerstücke. Jedes Wochenende kann man auf Berlins Flohmärkten Orden oder Ringe des NS-Regimes kaufen.
Sammlerstücke. Jedes Wochenende kann man auf Berlins Flohmärkten Orden oder Ringe des NS-Regimes kaufen.Foto: Melanie Berger

Berlin - Lange muss man nicht suchen, um Orden, Ringe und Gürtelschnallen mit Runen und Hakenkreuzen zu finden auf dem Antik- und Buchmarkt am Kupfergraben in Berlin-Mitte. Jedes Wochenende stehen dort einige Dutzend Händler. Gegenüber der Museumsinsel und in Sichtweite der Jüdischen Gemeinde zu Berlin auf der anderen Spreeseite werden hier auch NS-Andenken verkauft. Auf die Frage, wo das Zeug herkomme, wollen viele Händler allerdings nichts sagen.

Der Verkauf von NS-Devotionalien ist nicht illegal, solange die Hakenkreuze und SS-Runen auf den Orden und Ringen abgedeckt sind, heißt es von der Berliner Staatsanwaltschaft. Auf die Frage, warum es denn nicht illegal sei, gibt es keine Antwort. Auskunft gebe man nur zu konkreten Fällen, sagt Sprecher Martin Steltner. Marktbetreiber können den Verkauf allerdings in der Marktordnung verbieten.

Weder Händler noch Kunden wollen am Kupfergraben ihre Namen sagen. Zwei deutsche Männer kommen an den Stand. Einer älter mit weißem Bart und kurzärmeligem Hemd in Begleitung eines jüngeren Mannes, vielleicht Mitte dreißig, Tattoos an Hals und Armen. Der Jüngere kauft eine Brosche. Darauf: der Reichsadler mit Hakenkreuz. Warum die Männer das kaufen, wollen sie nicht sagen. Auf die Nachfrage, wo die Sachen herkommen, wird der Händler unfreundlich, fängt an zu schimpfen und sagt dann beleidigt: „Natürlich Bangladesch, wissen Sie, wo das ist?“ Die Hakenkreuze sind alle abgeklebt.

„Das ist halt ein Teil der Geschichte, ein unrühmlicher Teil, aber trotzdem Geschichte“, erklärt ein zweiter Verkäufer am Kupfergraben. Die Touristen würden diese Devotionalien viel nachfragen, sagt er. „Wir brauchen diesen braunen Dreck hier nicht“, sagt ein anderer Händler. Elf Jahre ist er dabei. Den Markt gibt es seit 25 Jahren, im Oktober ist das Jubiläum.

Der Veranstalter des Marktes möchte keine offizielle Stellungnahme abgeben, teilt er dieser Zeitung mit. Vor einem Jahr hat die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen einen der Verkäufer eingeleitet. Die Hakenkreuze waren nicht ausreichend abgedeckt, teilte die Berliner Polizei mit. Ein paar Wochen nach unserem ersten Besuch auf dem Markt am Kupfergraben ist einer dieser Händler verschwunden, der Betreiber habe ihm den Verkauf der NS-Andenken verboten und jetzt habe er seinen Stand wohl am Ostbahnhof aufgebaut, sagt ein anderer Händler.

Der Ostbahnhof ist eine bekannte Adresse, wenn man Nazi-Devotionalien sucht: Orden mit Hakenkreuzen, Gürtelschnallen mit dem SS-Blitz und SS-Totenköpfen. Touristen und Sammler kauften das, heißt es an den Ständen. Ausführlicher oder gar mit Namen will sich niemand äußern.

Die Händler haben gut zu tun, ihre Ware ist gefragt. Die Männer, die die Hakenkreuzorden befühlen, sind keine Touristen. Ein junger Mann tritt an den Stand, interessiert sich für zwei Totenköpfe. Ob sie echt seien, fragt er. Die Antwort ist: Nein. Er kauft sie trotzdem. Auch ein Stammkunde kommt vorbei. Er gibt 80 Euro aus.

Ein paar Stände weiter liegt ein Buch mit dem Titel „Luftwaffe schlägt zu“. Das Hakenkreuz auf dem Buchdeckel ist nicht abgeklebt. „Na, wenn die jetzt schon ,Mein Kampf‘ neu auflegen, kann ich das auch hier hinlegen“, sagt der Händler. Der Aufkleber sei abgegangen. Unter dem Luftwaffen-Buch liegt eine als Heft veröffentlichte Rede von Adolf Hitler von 1934. „Original“, sagt der Händler mit hochgezogenen Augenbrauen und sichtlich stolz.

Michael Schrottmeyer betreibt den Markt am Ostbahnhof und noch einige mehr in Berlin. In der Marktordnung verbietet er den Verkauf nicht, allerdings hat er schon einige Händler vom Markt geworfen, weil sie „Überzeugungstäter“ seien, wie er es ausdrückt. Sie teilten das Gedankengut, die meisten Händler täten das aber nicht, sagt Schrottmeyer. Überprüft werde das durch „Gespräche“.

Die Verkäufer am Ostbahnhof sind alle freundlich und gesprächsfreudig. Aber sobald man kritisch nach den NS-Artikeln fragt, werden sie still. Sei alles nicht illegal, man habe die Nase voll, sich rechtfertigen zu müssen – das ist der Tenor, egal ob Kupfergraben oder Ostbahnhof.

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