• Das Wetter war perfekt, die Resonanz riesig Die Fahrrad-Sternfahrt als größte Demo des Jahres

Brandenburg : Das Wetter war perfekt, die Resonanz riesig Die Fahrrad-Sternfahrt als größte Demo des Jahres

Stefan Jacobs

BerlinGROßER STERN] - An diesem Sonntag besteht Berlin aus sehr vielen Entspannten, unter denen auch ein paar Abgespannte sind. Gemeinsam können sie einige Angespannte beobachten, während sie von uniformierten Verspannten betreut werden. Die Entspannten, das sind die gewöhnlichen Teilnehmer der großen Fahrradsternfahrt – die auf angenehme Art den Querschnitt der Berliner Bevölkerung repräsentieren: vom Baby im Anhänger über wild kurbelnde Grundschüler, unverschämt gut gelaunte Jugendliche und eine ziemlich große Mittelalterfraktion bis hin zu fitten Rentnern. Hinfällige Hollandmöhren rumpeln zwischen vollgefederten 30-Gang-Hightech-Schockern; manche haben Blumen oder einen Ghettoblaster im Körbchen, ein paar fordern auf ihren Warnwesten sofortigen Baustopp in Schönefeld, einer fährt nackt – und keinen interessiert’s. So wie Berlin im Idealfall eben ist, der typischerweise an Sonntagen wie diesem eintritt, wenn die Sonne scheint, ohne den Leuten gleich die Sicherungen durchzubrennen.

Die Abgespannten sind rund um ein paar polnische Fahnen im Getümmel zu finden: Eine Truppe von 41 Berlinern und 33 Polen ist schon am späten Samstagabend in Stettin gestartet und über den Oderdeich und Eberswalde nach Berlin geradelt. ADFC-Tourleiter Hajo Legeler, der diesen längsten der 19 Sternenstrahlen angeführt hat, schwärmt bei der Ankunft am Großen Stern von der Nacht auf dem Oderdeich, als am Horizont nur ein schwacher Silberstreif und die Lichter der Raffinerie in Schwedt zu sehen waren und im Scheinwerferlicht die Rehe und Hirsche sprangen. „Das war so herrlich, wir sind alle ganz glücklich“, schwärmt er am Sonntagnachmittag, während in ihm die Euphorie mit dem Jetlag kämpft.

Der ADFC meldet 200 000 Teilnehmer, was angesichts des Wetters und im Gegensatz zu früheren, teils arg verregneten Sternfahrten nicht abwegig scheint. Mindestens jeder zweite davon stand vor dem Britzer Autobahntunnel bis zu einer Stunde im Stau, weil sich die zwei Zufahrtsspuren auf die A 100 für die Masse der Radler als Nadelöhr erwiesen. Die Wartezeit erwies sich als praktisch, um mal ein paar fremde Meinungen über Themen wie Helmpflicht („Seit meiner nach einem Sturz einen Riss hatte, fahre ich auch die 500 Meter zu Aldi nicht mehr ohne!“), Tempelhof-Entscheid („Is’ dit schön da!“) und zum Motto der Sternfahrt („Ach, das ist eine richtige Demo hier?!“) einzuholen. Denn offiziell geht es um „Radsicherheit für Berlin: Freie Radspuren!“. Und inoffiziell um das große Hallo in der Röhre durch Britz, dessen klingelfreundliche Akustik zusammen mit dem traumhaft glatten Belag auch bei arrivierten Menschen Euphorieschübe auslöst. Ein ähnlicher Effekt stellt sich auf der Avus ein. Hier ist beispielsweise Michael Cramer, Verkehrspolitiker und EU-Abgeordneter der Grünen, mitgefahren. „Vor 25 Jahren wurde zum ersten Mal die Avus für uns gesperrt“, erzählt er. „Damals sind wir als die großen Spinner verteufelt worden.“ Jetzt genießt Cramer die Masse der Gleichgesinnten – und lobt die Polizisten, „die das absolut freundlich und gut machen“. Stefan Jacobs

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