• Das vielsprachige Klassenzimmer: Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund in Brandenburg steigt

Das vielsprachige Klassenzimmer : Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund in Brandenburg steigt

Immer mehr Schüler haben einen Migrationshintergrund. Die PNN ordnen die Brandenburger Zahlen ein und geben einen Überblick über die regionalen Unterschiede. 

Marion Kaufmann
In vielen Schulklassen in Brandenburg müssen Kinder mit Migrationshintergrund integriert werden.
In vielen Schulklassen in Brandenburg müssen Kinder mit Migrationshintergrund integriert werden.Foto: picture alliance / ZB

Potsdam - Auch in Brandenburg ist der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund gestiegen. Das geht aus einer aktuellen Antwort des Bildungsministeriums in Potsdam auf eine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion hervor. Die PNN ordnen die Zahlen ein und geben einen Überblick über die regionalen Unterschiede. 

Wie definiert Brandenburg einen Migrationshintergrund bei Schülern?


Brandenburg richtet sich nach der Vorgabe der Kultusministerkonferenz. Demnach ist ein Migrationshintergrund anzunehmen, wenn mindestens eines der folgender drei Merkmale zutrifft: Der Schüler hat keine deutsche Staatsangehörigkeit, wurde nicht in Deutschland geboren oder wächst in einer Familie auf, in der nicht Deutsch gesprochen wird. 

Wie hat sich der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund entwickelt?


Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Schuljahr 2018/19 hatten 6,82 Prozent der Schüler in Brandenburg ausländische Wurzeln, 2017/18 waren es 6,44 Prozent. Im Vergleich zum Schuljahr 2010/11 ist das in etwa eine Verdreifachung. Damals lag der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund bei 2,09. Tiefststand war 2012/13 mit 1,78 Prozent.

Gibt es regionale Unterschiede in Brandenburg?


Ja, vor allem zwischen Stadt und Land. In Frankfurt (Oder) ist der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund mit 12,3 Prozent am höchsten, dann folgen Cottbus (11,8 Prozent) und Potsdam (11,3 Prozent). In der vierten kreisfreien Stadt im Land, Brandenburg/Havel, sind hingegen nur 6,1 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft. In den Landkreisen liegt der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund deutlich unter zehn, teils unter fünf Prozent. Am niedrigsten ist er mit je 4,6 Prozent in Elbe-Elster, Märkisch-Oderland und Oberhavel. In Potsdam-Mittelmark sind es 4,9 Prozent. 

Wie stellt sich die Situation in den einzelnen Schulformen dar?


Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist an den Schulen des Zweiten Bildungswegs mit Abstand am höchsten. 30 Prozent der Schüler, die auf diese Weise einen Schulabschluss nachholen, haben ausländische Wurzeln. In den Grundschulen haben 7,7 und in den Förderschulen 4,3 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund. Ein deutlicher Unterschied zeigt sich bei den weiterführenden Schulen: Während 8,5 Prozent der Oberschüler nicht mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind, sind es an den Gesamtschulen 5,9 und an den Gymnasien nur 3,3 Prozent. 

Sorbische Schüler

Einen Zuwachs an Schülern gibt es in Brandenburg nicht nur bei Kindern mit ausländischen Wurzeln. Auch in den sorbischsprachigen Gemeinden Brandenburgs gibt es seit mehreren Jahren mehr Kinder und Jugendliche. Dennoch werden Kindertagesstätten und Schulen geschlossen. So verringerte sich die Zahl der Kitas mit zweisprachigen Angeboten im Schuljahr 2019/20 im Vergleich zum Schuljahr 2012/13 um drei auf 173, wie aus einer Antwort des Wissenschaftsministeriums auf eine Anfrage aus der AfD-Fraktion hervorgeht. Die Anzahl der Schulen nahm um jeweils eine Grund- und eine Oberschule auf insgesamt 25 ab. Dagegen stieg die Zahl der Vorschulkinder in der Niederlausitz zwischen den Schuljahren 2011/12 und 2018/19 nach Angaben des Bundes der Lausitzer Sorben (Domowina) um 35 auf 266. Im selben Zeitraum nahm die Schülerschaft von 1796 auf 1805 zu. 

Sind die aktuellen Zahlen im deutschlandweiten Vergleich hoch?


Nein, der Anteil ausländischer Schüler ist trotz des Anstiegs noch immer vergleichsweise gering. Laut Mikrozensus hatte 2018 über ein Drittel (rund 37 Prozent) der Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Die Daten des Mikrozensus basieren jedoch nicht auf der amtlichen Schulstatistik, sondern auf einer repräsentativen Befragung. In der bundesweiten Schulstatistik ist der Migrationshintergrund keine Kategorie, bisher erfasst nur ein Teil der Länder wie Brandenburg den Migrationshintergrund.

In der bundesweiten Statistik gibt es nur Daten zu Schülern mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Demnach hatten im Schuljahr 2018/19 von den rund elf Millionen Schülern in Deutschland 1,2 Millionen keinen deutschen Pass. Das entspricht einem Anteil von 11,2 Prozent. An vielen Berliner Schulen sind Kinder mit ausländischen Wurzeln mittlerweile in der Überzahl. So lag ihr Anteil 2018 an 158 von 359 Grundschulen bei mindestens der Hälfte. 


Heißt das, dass die Integration in Brandenburg gar kein großes Problem ist?


Der Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Günther Fuchs, sieht das nicht so. Die Statistik dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in Brandenburg Brennpunktschulen gibt, die einen sehr hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund haben und an denen mehr als ein Dutzend Nationalitäten aufeinander treffen. 
In der Tat ist die Zusammensetzung der Schülerschaft an verschiedenen Schulen einer Stadt oft sehr unterschiedlich: Während beispielsweise in der Goethe-Grundschule in Potsdam-Babelsberg nur gut drei Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben, sind es in der Weidenhof-Schule im Potsdamer Stadtteil Schlaatz fast 50 Prozent – wobei fast zehn Prozent dieser Kinder eine deutsche Staatsbürgerschaft haben. 


"Die Schulen sind sehr engagiert, fühlen sich aber oft alleingelassen", sagt Fuchs auf PNN-Anfrage. Beispielsweise wären mehr Sozialpädagogen an den Schulen nötig – und eine bessere Verzahnung mit den Hilfesystemen außerhalb der Schule. "Was nützt es, wenn sich die Schule einsetzt, aber die Schüler in den Familien dennoch kein Deutsch sprechen?", fragt Fuchs. Das Erlernen der deutschen Sprache sei das Hauptproblem, "da muss mehr investiert werden", fordert der GEW-Chef. Die Willkommensklassen für Flüchtlingskinder seien zwar ein guter Ansatz, oft säßen später dann aber Jugendliche in Klassen mit deutlich jüngeren Mitschülern. "Diese Jugendlichen können dann nicht altersgerecht unterrichtet werden", sagt er.


Was macht das Land, um die Schüler zu integrieren?


Die Beschulung und die damit verbundene Integration der fremdsprachigen Schüler habe für das Bildungsministerium hohe Priorität, teilt Sprecherin Antje Grabley auf Anfrage mit. Diese Schüler haben laut Eingliederungsverordnung einen Anspruch auf schulische Förderung und Ausgleich von Benachteiligungen, die aus den mangelnden Sprachkenntnissen erwachsen. Nicht nur für die Schüler selbst, sondern auch für die aufnehmenden Schulen sei das eine Herausforderung. 

Dabei könnten Schulen auf Fördermaßnahmen und Unterstützungsmaterialien zurückgreifen. Die Schulen erhalten ihre Lehrerstunden entsprechend der gemeldeten Schülerzahlen und aufgrund möglicher Besonderheiten. Steigen die Schülerzahlen – zum Beispiel durch zugewanderte Schüler – erhalten die Schulen zusätzliche Lehrerstunden für diese zusätzlichen Bedarfe. Für die Organisation des zusätzlichen Unterrichts sind im Haushaltsplan für das Schuljahr 2019/20 laut Grabley zusätzlich 204 Lehrerstellen veranschlagt.

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