Brandenburg : Clubs fürchten den Untergang

Berliner Szene streitet mit der Gema um die neuen Gebühren, die kräftig angehoben werden sollen

Christoph Spangenberg
Untergrundmusik. Wenn der Sound ertönt wollen auch die Musiker mitverdienen. Clubs drohen nun erhebliche Mehrausgaben.
Untergrundmusik. Wenn der Sound ertönt wollen auch die Musiker mitverdienen. Clubs drohen nun erhebliche Mehrausgaben.Foto: Arno Burgi/dpa

Berlin - Berlins Clubszene ist weltberühmt, doch jetzt sieht sie sich in Gefahr. Denn ab 2013 drohen höhere Eintritts- und Getränkepreise und weniger Musikveranstaltungen, weil dann die neuen Tarife der Verwertungsgesellschaft Gema fällig werden. Sie sollen um 400 bis 500 Prozent, teilweise sogar über 1000 Prozent steigen.

In diese Woche trafen sich die Kritiker im KitKat-Club in Mitte: die neu gegründete „Initiative Gema 2013“ – darunter Clubcommission, Hotel- und Gaststättenverband, Veranstalter und Clubbetreiber von Sage, Schwuz und auch KaterHolzig. Der Club Matrix, der sich unter dem U-Bahnhof Warschauer Straße befindet, müsste nach dem neuen Tarif 208 000 Euro statt 28 000 Euro im Jahr zahlen, sagt Clubcommissionchef Olaf Möller. Ein Elektro-Festival wie das zweitägige Open-Air „Nation of Gondwana“ – einige Kilometer nordwestlich Berlins, bei Paaren/Glien – müsste den Angaben zufolge eine Erhöhung von 1500 bis 2000 Prozent verkraften. Und eine sieben Tage die Woche geöffnete Musikkneipe sogar 2865 Prozent mehr bezahlen.

Denn nach fünf und neun Stunden Beschallung erhöhe sich der Satz noch einmal um die Hälfte. „Die Clublandschaft wird sich minimieren“, befürchtet Clubcommissionchef Möller. Entweder müssten Clubs schließen – was aber aufgrund oft langfristiger Mietverträge nicht so einfach sei – , oder die Gebühren müssten an die Gäste weitergegeben werden in Form von höheren Preisen. Die Initiative will nun die Politik für sich gewinnen und eine Klage prüfen. Zudem gründete die Clubcommission mit anderen Verbänden aus Deutschland am Mittwoch den Bundesverband „Live Musik Kommission“. Erstes Thema soll die Gema-Problematik sein, sagte Commissionchef Möller.

Auch außerhalb der Initiative gibt es Protest. „Das würde die Branche in den Ruin treiben, das kann doch keiner zahlen“, sagt Ben de Biel vom Club Magdalena, der einst Maria am Ostbahnhof hieß. Statt bisher 15 000 Euro müsste er dann etwa 95 000 Euro im Jahr zahlen. De Biel – der auch Parteisprecher der Piraten ist – wirft der Gema vor, neue Geschäftsmodelle im Internet verschlafen zu haben. Steffen Hack vom Watergate kündigte an, vor Gericht ziehen zu wollen. Dabei seien in Clubs – im Gegensatz zu Diskotheken, wo Charts gespielt werden – 60 Prozent der gespielten Musik nicht Gema-relevant, weil viele Künstler nicht von der Gema vertreten würden.

Gema-Sprecherin Gaby Schilcher verteidigt das Vorgehen. Die Urheber der Musik seien für den Erfolg von Diskos und Clubs verantwortlich und erhielten bislang zu wenig Geld. Große Diskotheken hätten im europäischen Vergleich bisher zu wenig bezahlt. Weil sich die Verbände in Verhandlungen stur gestellt hätten, habe man die Tarifänderung nun beschlossen. Statt elf Tarifen gibt es nur noch zwei, für Veranstaltungen mit Livemusik – mit Ausnahme von Konzerten – und solche mit Tonträgern.

Die Beträge richten sich nach Eintrittspreis, Fläche und Öffnungsdauer. Eine günstige Pauschale für Clubs soll es nicht mehr geben. Zehn Prozent der Eintrittsgelder sollten nun an die Gema fließen. „Davon muss man nicht zumachen“, sagt Schilcher. Derzeit prüft die Schiedsstelle beim Deutschen Patent- und Markenamt die Pläne. 60 Prozent aller Veranstaltungen, zum Beispiel kleine Vereinsfeste oder Partys im Hinterzimmer einer Kneipe, würden „günstiger oder zumindest nicht teurer“, sagt Schilcher.

Der Hotel- und Gaststättenverband spricht von „dramatischen Auswirkungen für das Berliner Gastgewerbe“. Berlins Erfolg beruhe auch auf den Musikveranstaltungen. Patent- und Markenamt sowie Bundeskartellamt müssten einschreiten. Der Verband fordert die Landesregierung auf, in der Angelegenheit aktiv zu werden – die aber will das Schiedsstellenverfahren abwarten, von dem man sich „ein für alle Beteiligten ausgewogenes Ergebnis“ erwarte, heißt es aus der Wirtschaftsverwaltung von Sybille von Obernitz (CDU). „Die Sorgen vieler Clubbetreiber und Veranstalter müssen ernst genommen werden“, sagt ein Sprecher. Grundsätzlich begrüße man aber eine Vereinfachung der Tarife. Eine Online-Petition gegen die neuen Gebühren hat bisher mehr als 84 000 Unterzeichner.

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