Brandenburg : Brandenburgs Wirtschaftskammern stellen Vertrauensfrage

Die drei IHKs im Land fordern für nach der Landtagswahl im September mehr Kooperation mit Berlin. Potentiale als Metropolenraum muss besser ausgeschöpft werden. 

Seltenheitswert. Große Produktionsstrecken wie hier beim Turbinenbauer Rolls Royce in Dahlewitz (Teltow-Fläming) sind eher selten in Brandenburg. Etwa 90 Prozent der Unternehmen des Landes haben höchstens zehn Mitarbeiter. 
Seltenheitswert. Große Produktionsstrecken wie hier beim Turbinenbauer Rolls Royce in Dahlewitz (Teltow-Fläming) sind eher selten...Foto: dpa

Potsdam - Die einen waren am Montag dran, die anderen am Freitag. Die einen wünschen sich wie berichtet künftig für Brandenburg einen Digitalminister, die anderen ein gemeinsames Metropolenraum-Management mit Nachbar Berlin. Nach den Unternehmerverbänden Berlin-Brandenburg (UVB) haben nun auch die drei Industrie- und Handelskammern (IHKs) in Brandenburg ihren Forderungskatalog für die Zeit nach der Landtagswahl im September vorgelegt.

Heydenbluth: Schluss mit Schlusslicht

Während der UVB als Auftakt aber Brandenburg für bereits Erreichtes zunächst gelobt hatte, hagelte es gestern bei der IHK erstmal Kritik: „Brandenburg ist Viertletzter bei schnellem Internet, Vorletzter beim industriellen Umsatz, Vorletzter beim Export, Fünftletzter bei angemeldeten Patenten, Letzter bei den Start-ups und Viertletzter bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Mit Schlusslicht muss jetzt Schluss sein“, forderte der Potsdamer IHK-Präsident Peter Heydenbluth gestern auch im Namen der IHKs Cottbus und Ostbrandenburg in Potsdam. 13 wirtschaftspolitische Forderungen legten die Kammer dafür auf den Tisch.

Metropolenraum-Management gefordert

Eines der wohl zentralsten Anliegen der Kammer ist dabei eine bessere Zusammenarbeit Brandenburgs mit Berlin und eine effizientere Ausschöpfung der damit vorhandenen Potenziale. Dafür brauche es künftig ein zentrales Metropolenraum-Management, führte der Hauptgeschäftsführer der IHK Potsdam Mario Tobias aus. Auch der UVB hatte bereits am Montag eine engere Kooperation beider Länder angemahnt.

Start-ups aus China nach Berlin-Mitte

Die gemeinsamen Aufgaben sind aus Sicht der Kammern vielseitig. „Das beginnt bei einer besseren Anbindung der Stadt Potsdam mit ihren Leuchttürmen wie etwa dem Hasso-Plattner-Institut, aber auch des gesamten Speckgürtels mit Industriestandorten wie Ludwigsfelde oder Dahlewitz“, so Tobias. Außerdem müssten beide Ländern ihre Industriepolitik besser verzahnen. „Berlin hat dafür keine Flächen mehr, wir haben sie. Lassen wir doch die ganzen Start-ups aus China nach Berlin-Mitte gehen und die Industrie nach Brandenburg“, schlug Tobias vor. Weitere Bereiche, die nach Meinung der Kammern ein gemeinsames Metropolenraum-Management steuern oder anschieben sollte, seien der Aufbau eines leistungsfähigen Breitband- und Mobilfunknetzes, ein zentrales Management für 24-Stunden-Baustellen sowie die überfällige Inbetriebnahme des Flughafens BER bis hin zu interkontinentalen Flugverbindungen, die einer Hauptstadtregion gerecht werden. Gerade in letzteren Punkt liege man weit hinter anderen Metropolen Europas zurück, kritisierte Tobias.

Auch eine Frage des Vertrauens

Eine neue gemeinsame Behörde oder Agentur will Tobias explizit nicht. „Wir haben bereits die entsprechenden Einrichtungen, etwa die gemeinsame Landesplanung.“ Vielmehr hänge der Wille für eine engere Zusammenarbeit an den handelnden Personen. „Das ist auch eine Frage des Vertrauens“, sagte der IHK-Chef. Es sei einfach nicht zu verstehen, warum die beiden Länder nicht hinbekämen, was die Wirtschaft vorlebe.
Zumindest bei der Präsentation ihrer Forderungen an eine neue brandenburgische Landesregierung aber scheint es auch unter den Wirtschaftsfunktionären nicht so ganz einfach zu sein. Bekanntlich haben die UVB ihren Hauptsitz in Berlin. Dabei sind die Forderungen in sehr vielen Bereichen nahezu identisch. Auch den Kammern geht es um das Fachkräfteproblem, die Berufsorientierung und die Verkehrsinfrastruktur.

5G: Wir brauchen den großen Wurf

Ein gemeinsames Ziel ist zudem die bessere Versorgung mit schnellem Internet in Brandenburg. „Wir brauchen den großen Wurf. Aber bis dahin auch brauchbare Zwischenlösungen“, bestätigte der Potsdamer Kammerchef mit Blick auf den super schnellen neue Mobilfunkstandard 5G. Auch ein Digitalminister, wie ihn die Kollegen von den Unternehmensverbänden fordern, halte er für „erstmal einen guten Vorschlag“. Wichtig sei für ihn aber nicht „die Visitenkarte“, sondern, ob das Thema Digitalisierung endlich in Brandenburg zur Chefsache werde.