• Brandenburgs Bildungsministerin Ernst: „Am Lüften kommen wir ohnehin nicht vorbei“

Brandenburgs Bildungsministerin Ernst : „Am Lüften kommen wir ohnehin nicht vorbei“

Im Interview spricht die SPD-Politikerin über Luftfilter, was Brandenburg von Skandinavien lernen kann und das Gefühl, wenn der Ehemann Kanzler werden könnte.

Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD).
Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD).Foto: Ottmar Winter

Frau Ministerin Ernst, in dieser Woche findet die Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder in Potsdam statt. Worum geht es da?
Zunächst einmal ist es eine große Ehre für Brandenburg, dass wir die KMK in Potsdam empfangen dürfen, hier tagen und das Museum Barberini besuchen. Ich weiß, dass bei meinen Kolleginnen und Kollegen die Vorfreude darauf, sich wieder im realen Leben zu treffen, groß ist. Wir werden uns auf der Tagung natürlich mit dem weiteren Umgang mit der Covid-Pandemie befassen und dabei mit der Frage, wie wir in den Bundesländern das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ umsetzen, um die negativen Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche aufzufangen. 

In den letzten Wochen haben Elterninitiativen 110.000 Unterschriften für mehr Luftfilter an den Schulen bei der KMK abgegeben. Wird das ein Thema sein?
Die Luftfilter sind regelmäßig Thema der KMK. Aber für uns gilt nach wie vor, dass die Maßgaben des Umweltbundesamtes die Grundlage unserer Arbeit sind. Auf dieser Basis hat der Bund ja auch sein Luftfilterprogramm aufgestellt. In Brandenburg sind wir dabei, das Bundesprogramm umzusetzen. Insofern ist dann ein weiterer Schritt getan.

Trotzdem wollen die Eltern ja noch mehr Geräte haben.
Wir halten uns an die Empfehlungen des Umweltbundesamtes, die eine flächendeckende Ausstattung aller Klassenzimmer mit Luftfiltern nicht für sinnvoll halten, weil wir am Lüften nicht vorbeikommen.

Könnten Eltern, die das wollen, denn selbst zusätzliche Filter anschaffen?
Es handelt sich ja dabei grundsätzlich um eine Angelegenheit der Schulträger, die von diesem Förderprogramm profitieren. Wenn Schulträger in Abstimmung mit Eltern der Auffassung sind, mehr Geräte aufstellen zu wollen, steht ihnen das selbstverständlich frei.

Bildungsministerin Ernst spricht im Brandenburger Landtag.
Bildungsministerin Ernst spricht im Brandenburger Landtag.Foto: Monika Skolimowska/zb/dpa

Was steht sonst noch auf dem KMK-Programm?
Wir werden uns unter anderem mit dem Stand der Digitalisierung im Schulbereich beschäftigen. Das Thema meiner KMK-Präsidentschaft lautet ja: Lernen und Lehren – guter Unterricht in Zeiten der digitalen Transformationen. Dazu wird im Dezember ein Beschluss gefasst werden. Wir erwarten dazu auch eine Empfehlung der Stäwiko, das ist das Wissenschaftliche Gremium, das uns berät – und es macht sicherlich Sinn, sich in einer ersten Runde darüber zu auszutauschen.

Zum Thema Digitalisierung waren Sie als KMK-Präsidentin auch kürzlich in Dänemark. Was kann denn ein Land wie Brandenburg von Skandinavien lernen?
Während der Pandemie ist Dänemark der Wechsel in einen Distanzunterricht leichter gefallen. Wir haben die Region Esbjerg besucht und wir waren in Herning. Die Frage der Anschaffung von digitalen Endgeräten und von digitaler Ausstattung ist in Dänemark kein Thema. Es besteht ein Konsens, dass Schulen modern ausgestattet sein müssen. Dort gibt es schon eine lange Tradition, um mit digitalen Medien zu arbeiten. Wir haben in Esbjerg ein Modellprojekt besucht, das das Ziel hat, Schulen zu ermächtigen, Schülerinnen und Schüler prägend und gezielt auf die Zukunft vorzubereiten. Dänemark orientiert sich an Kompetenzen, den 21st Century Skills, die im Unterricht vermittelt werden. Aber es war auch erkennbar, dass die Frage, ob Lernen Spaß macht, sowie die Umsetzung innovativer Unterrichtsmethoden mit viel Kreativität und Forschergeist eine große Rolle spielt.

Wie muss man sich das denn im Vergleich zu Brandenburger Schulen vorstellen?
Es gibt ein stärkeres Augenmerk auf projektorientiertes und eigenverantwortliches Arbeiten. Im Zentrum für Lehrerbildung in Herning ist es so, dass dort die Lehrkräfte auch methodisch vorbereitet werden. Sie haben erste Schritte des Programmierens gelernt, und Unterricht teilweise mit VR-Brillen durchgeführt, durch die die Benutzer in einer virtuellen Realität Zugang etwa ins Weltall oder in die Tierwelt hatten. Wenn man mit einer solchen Brille in eine andere Welt eintaucht, berührt einen das, was man dort sieht, auch sehr stark emotional. Das führt dann auch zu anderen Lernprozessen.

Können Sie sich einen Unterricht mit VR-Brillen auch in Brandenburg vorstellen?
Auf jeden Fall: Auf den Ausbildungsmessen machen wir so etwas ja teilweise schon, damit Schüler einen Eindruck von ihrem künftigen Ausbildungsbetrieb erhalten.

Zur Person

Britta Ernst (60) ist seit 2017 Ministerin für Bildung, Jugend und Sport in Brandenburg und aktuell Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Zuvor war sie Ministerin für Schule in Schleswig-Holstein, wo die SPD nach der Landtagswahl 2017 allerdings nicht mehr an der Regierung beteiligt war. Also kam Ernst nach Brandenburg. Die gebürtige Hamburgerin trat mit 17 Jahren in die SPD ein – zwei Jahre, bevor sie ihr Abitur machte. Ihre politische Karriere startete Ernst in der Bezirksversammlung Altona in Hamburg. Sie ist mit Olaf Scholz verheiratet.

Was muss sich in Brandenburg ändern, um Verhältnisse wie in Dänemark zu bekommen?
Wir brauchen eine Verstetigung des Digitalpaktes. Es muss aufhören, dass die Ausstattung als zentraler Punkt in der Digitalisierung empfunden wird. Es muss darum gehen, den Unterricht auf der Basis von selbstverständlich vorhandener digitaler Ausstattung zu machen. Wir müssen die Lehrkräfte noch besser unterstützen, guten Unterricht mit digitalen Tools anzubieten. Dazu müssen wir uns aber auch stärker darüber verständigen, wie man was macht. Es muss nicht jede Lehrkraft selber entscheiden, was die Schule in die Schulcloud als Inhalt einstellt. Das muss systematisiert werden.

Geht das nur mit dem Bundesgeld des Digitalpakts, oder geht das auch mit Landesmitteln?
Im Moment geht es nur mit dem Bundesgeld. Der Digitalpakt war bitter nötig, weil die Herausforderungen für die Schulträger zu groß geworden sind. Ohne die Unterstützungen des Digitalpaktes und die Mittel des Bundes und der Länder hätten wir den Stand, den wir jetzt haben, nicht erreicht. Vor allem müssen wir zu einer größeren Vergleichbarkeit kommen: Wir haben in Brandenburg einige Schulen, die exzellent ausgestattet sind. Die meisten Schulen haben aber beispielsweise unsere Videokonferenzsoftware „Big Blue Button“ erst nutzen können, nachdem wir sie als Tool in der Schulcloud eingestellt hatten. Und unser Ziel muss es sein, zu einer größeren Verständigung über gleiche Bildungschancen auch in Ausstattungs- und methodischen Fragen zu kommen. Und dafür brauchen wir noch einmal eine massive Unterstützung des Bundes. 

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Braucht es da auch ein stärker ausgestattetes Bundesbildungsministerium? Muss mehr Schulpolitik vom Bund gemacht werden?
Wir freuen uns über mehr Engagement des Bundes in der Bildungspolitik. Ich sehe aber, dass wir vor allem mit den Schulträgern, also den Kommunen, zu einer größeren Verständigung kommen müssen.

Im Landtag wurde auch über die Schulgesundheitsfachkräfte diskutiert. Die SPD sah diese Schulkrankenschwestern eher im Gesundheitsministerium, die Grünen eher bei Ihnen. Wie stehen Sie dazu?
Ich freue mich, dass die Koalitionsfraktionen einen neuen Anlauf nehmen wollen, um hier zu einer Verständigung zu kommen.

Hätten Sie diese Einrichtungen lieber bei sich im Haus, oder an einer anderen Stelle?
Unser Wunsch sind die multiprofessionellen Teams. Die Frage, wo die Schulgesundheitsfachkräfte angesiedelt sind, ist für mich nicht die zentrale Frage: Die zentrale Frage ist, wie gehen wir in Zukunft mit diesen Mitarbeitenden um.

Zum Abschluss noch eine private Frage: Wie fühlen Sie sich denn bei dem Gedanken, dass Ihr Gatte Olaf Scholz demnächst Bundeskanzler werden könnte?
Ich fühle mich weiterhin sehr wohl bei dem Gedanken, Ministerin für Bildung, Jugend und Sport im Land Brandenburg zu sein. Und ich bin es gewohnt, mit einem Mann verheiratet zu sein, der ein aktiver Politiker ist. Und daran wird sich auch nichts ändern.

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