Brandenburg : Eine Zeitreise unter Segeln

Ein Museum kann nicht schwimmen? Doch! Ab Fürstenberg in Brandenburg kann man mit dem Kaffenkahn Concordia über die Havelseen segeln.

Christoph Stollowsky
Der Kaffeekahn Concordia zeigt, wie Lasten im 17. bis 19. Jahrhundert in der Region oft transportiert wurden.
Der Kaffeekahn Concordia zeigt, wie Lasten im 17. bis 19. Jahrhundert in der Region oft transportiert wurden.Foto: Christoph Stollowsky

Fürstenberg - Frank fläzt sich vorne am Bug auf den schwarzbraunen Schiffsplanken in die Sonne und guckt zum Himmel, als Käpt'n Michael Wittke tief Luft holt und die Hände zum Trichter formt: „Klar zum Segel setzen!“ Jetzt muss der 63-jährige Wirtschaftswissenschaftler ran, ein Berliner, drahtig, groß gewachsen, Jeans, Basecap, blaues Halstuch. Ab zum Mast, aber nun weiß er nicht so recht, welches Seil er greifen soll. Das Fall am Mast? Eines der anderen baumelnden Taue? Da kommt der Käpt'n und teilt die Mannschaft ein. Hau ruck! Jeweils zwei müssen gleichzeitig an zwei Tampen ziehen.

Der Kaffenkahn Concordia wiegt sich auf den Wellen des Stolpsees bei Fürstenberg. Eben brummte noch der 50 PS-Dieselmotor und schuckelte das historische Schiff mit gemächlichen sechs Stundenkilometern voran. Nun frischt der Westwind auf, es lohnt sich, das 40 Quadratmeter große, rechteckige Segel zu setzen.

Nur mit der Kraft des Windes

Frank legt sich gemeinsam mit Gerd, Informatiker aus Potsdam, ins Zeug. Dreimal schlägt das Tuch hin und her, es wölbt sich, der Kahn nimmt Fahrt auf, geht in Schräglage, das Wasser plätschert am Bug. 

Gemütlich haben die es die Passagiere an Tischen mit Getränken.
Gemütlich haben die es die Passagiere an Tischen mit Getränken.Foto: Christoph Stollowsky

Auf diesen Augenblick haben sich die 23 Charter-Passagiere an diesem sonnigen Tag besonders gefreut: Die ganze Geburtstagsgesellschaft gleitet, wie einst die echte Besatzung der Kaffenkähne, nur mit der Kraft des Windes dahin. Eine Art Zeitreise unter Segeln - zurück ins 17. bis 19. Jahrhundert. Ein außergewöhnliches märkisches Freizeitvergnügen.

Kaffenkähne transportierten Ziegelsteine und Holz nach Berlin

Damals war eine solche Tour für die Binnenschiffer harte Arbeit. Kaffenkähne transportierten als Lastensegler bis zum Beginn der Dampfschifffahrt riesige Mengen von Ziegelsteinen, Bau- und Brennholz in die Reichshauptstadt, „Berlin ist aus dem Kahn gebaut“, heißt es deshalb. 

Auch Obst, Gemüse und Getreide beförderten Kaffenkähne über Havel und Spree. Sie waren ein besonders einfach gebauter, günstig einsetzbarer Schiffstyp und wurden auf Treidelpfaden von Pferden oder Menschen gezogen. „Äppelkahn“ sagten die Berliner.

Nur noch zwei historisch originalgetreue Schiffe

Es gibt nur noch zwei historisch originalgetreue Schiffe dieser Art in Deutschland. Das eine gehört seit 2003 zu den Attraktionen im Deutschen Technikmuseum in Berlin-Kreuzberg, sein Mast ragt in einer eigens dafür gebauten Halle über zwei Etagen empor. Archäologen und Taucher haben es 1987 im Havelschlick bei Spandau entdeckt und geborgen.

Das andere, die Concordia, ist zwar nur ein detailgetreuer Nachbau aus dem Jahr 2000, dafür ist dieses Schiff aber seetüchtig und motorisiert. Entworfen hat es der Fürstenberger Schiffsbauingenieur und Schifffahrtshistoriker Peter Alker. Inzwischen liegt der Kahn am Kai der „Alten Reederei“ am idyllischen Stadtkanal in Fürstenberg/Havel vertäut. Die Concordia legt vom Frühjahr bis zum Herbst als eine Art schwimmendes Museum zu Gruppenfahrten über die vielen Seen rundherum bis nach Himmelpfort oder Lychen ab.

Eigentlich haben die Concordia-Besitzer genug zu tun

Das Schiff ist der spektakuläre Blickfang des Kulturgasthofes „Alte Reederei“. Der befindet sich in einem sanierten früheren Reederei- und Lagerhaus. Eine Pension gehört dazu, ein Café-Restaurant mit Bauerngarten und Terrassen am Wasser sowie ein Kino. 

Michael Wittke und Rolf Schmachtenberg sind die Besitzer und Skipper des Kaffekahns.  
Michael Wittke und Rolf Schmachtenberg sind die Besitzer und Skipper des Kaffekahns.  Foto: Christoph Stollowsky

Michael Wittke (65), Eigentümer und Betreiber der „Alten Reederei“, hat die Concordia im Mai 2017 zusammen mit Freund Rolf Schmachtenberg erworben und die Kaffenkahn Company Tourismus GmbH gegründet. Eigentlich haben die zwei ja beruflich genug zu tun, Schmachtenberg ist Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium. Aber sie sagen: „Die Concordia-Touren sind für uns eine tolle Auszeit vom Job.“

Geburtstagsfeier auf dem Kahn

Keine Seefahrt ohne anständigen kulinarischen Anschub. Samstagvormittag ab zehn kommt die Geburtstagsgesellschaft erstmal bei Kaffee und Toast in der „Alten Reederei“ zusammen. Jürgen, ein Studienrat aus Charlottenburg, wird 50, das will er auf der Concordia zusammen mit Freunden feiern. 

Nun geht's an Bord. Michael Wittke, in ausgewaschenen Jeans und Ringelshirt, wirft die Leinen los, klettert auf die hinterste Heckplattform und ergreift den Knauf der langen grünen Ruderpinne. Rolf wirft den Diesel an, verschwindet in der Kajüte am Heck und kommt als Smutje mit kühlen Getränken für die Gäste wieder raus. Am liebsten stehen die beiden aber mit ihren breitkrempigen Filzhüten nebeneinander barfuß an der Pinne wie einst die Freibeuter auf dem Achterdeck und genießen den Blick über ihren Kahn.

"Kaffe" bedeutet spitzer Schnabel

Die Concordia wirkt schlank und schnittig. Das liegt an ihrer Konstruktion. Bord- und Bodenplanken sind am Bug und runden Heck hochgezogen. Vorne münden sie in einen spitzen Schnabel, die „Kaffe“. Daher der Name Kaffenkahn. „Hat mit Kaffee nichts zu tun“, sagt Wittke.

Die Passagiere haben’s gemütlich. Wie ein schwimmender Biergarten wirkt der offene, knapp 20 Meter lange Rumpf mit den Holzbänken und Tischen entlang der niedrigen Bordwand. Traumwetter. Die Sonne wärmt die Planken, ein Paar summt „Jetzt fahr'n wir übern See, übern See“, Kameras klicken, zwei Teenager, Töchter des Jubilars, stoßen mit Schorle an, die Füße an der Reling, und posten auf Instagram Fotos.

Das Ziel: Himmelpfort

Das Ziel ist Himmelpfort, ein malerisches Dorf, eingebettet zwischen fünf Seen, berühmt durch sein Weihnachtspostamt, wohin Berliner und Brandenburger Kinder ihre Wunschzettel schicken. Rolf Schmachtenberg zeichnet die Strecke auf der Wasserwegekarte ein. Wir folgen der Havel, durchqueren den Baal-, Schwedt- und Stolpsee.

Üppige Sonnenblumen strahlen auf der ersten Etappe von den Wassergrundstücken am Fürstenberger Stadtkanal, der „Gänsehavel“, herüber. Die Datschenbesitzer in ihren Liegestühlen winken, in der Schleuse steuern Kajaks und Tretboote ganz nah zur Concordia, auf dem Baalsee kraulen Schwimmer heran, Jollen segeln nebenher. Der Oldtimer macht Eindruck. Sonnenflecken glitzern auf dem Schwedtsee. Backbord drängeln sich Hausboote im Fürstenberger Stadthafen, steuerbord deutet Wittke auf Baumreihen, dahinter ein dunkles Stück Geschichte, die Gedenkstätte des Frauen- Konzentrationslagers Ravensbrück.

Der Brandenburger Adler weht in 14 Metern Höhe

Nun steuert er auf eine Havelpassage zu, die zu den schönsten Abschnitten des Flusses gehört, die Siggelhavel mit ihrem dichten Gürtel aus hochwachsendem Schilf. Dazwischen Seerosenfelder, Erlenbruchwälder, kleine Sandstrände - und über allem der weite Himmel. Schäfchenwolken jagen weit droben entlang, der Westwind frischt auf. In 14 Metern Höhe zerrt das Fähnchen mit dem Brandenburger Adler an der Mastspitze. Das macht den Skippern Laune. Also, Motor aus, Segel hoch. Blick zur Takelage.

Tolle Blicke vom Wasser aus.
Tolle Blicke vom Wasser aus.Foto: Christoph Stollowsky

Die sieht auf der Concordia ungewöhnlich aus. Das Sprietsegel, so der Fachjargon, wird mit zwei Seilen zugleich am Mast und am Sprietbaum hochgezogen, einem langen, vom Mast abgespreizten, beweglichen Rundholz, auch Spier genannt. Es verläuft diagonal über die Rückseite des rechteckigen Sprietsegels bis hinauf zu dessen äußerster oberer Spitze. So haben schon die antiken Seefahrer ihre Segel stabilisiert. Schäumend zieht die Concordia vor dem Wind ihre Bahn über den Stolpsee bis nach Himmelpfort. Segel runter, Anlegemanöver. Klappt - bis auf einen kurzen Rums an der Spundwand.

Rauf aufs Land

Landgang zur früheren Dorfschule. Dort kann man das Weihnachtspostamt sogar im Sommer besichtigen. Den Namen „Himmelpfort“ verdankt der Ort keineswegs dem Weihnachtsmann oder seiner himmlischen Lage. So hieß das einstige Zisterzienserkloster am Dorfrand: „Porta Coeli“, Pforte des Himmels. Erhalten sind die Ruine der Klosterkirche, des Langhauses und einstigen Brauhauses.

Zurück aufs Wasser. Eine Flotte Optimisten segelt gleichauf, an den Pinnen Kinder. Sie winken herüber, aber die Concordia fällt zurück. Der Wind steht ungünstig. Ein Kaffenkahn ist nun mal keine Regattajolle, obwohl er erstaunlich flach auf dem Wasser liegt, Tiefgang: nur 85 Zentimeter. Rolf Schmachtenberg wird ein bisschen ungeduldig, länger als sechs Stunden soll die Tour nicht dauern. Also wirft er den Diesel an, der tuckert zurück bis zur Fürstenberger Gänsehavel.

300 Meter vor der „Alten Reederei“ verschluckt sich der Motor - Stille. Rolf dreht an Schrauben und Ventilen. Kein Mucks. Ein Schleppboot holen? Von wegen. Am Ufer führt der alte Treidelweg entlang. Staakstangen liegen griffbereit an Bord, Michael knüpft ein schweres Tau an den Bug. Die Crew müht sich ab, schleppt den Kahn, versucht, ihn anzuschieben. Tatsächlich, 20 Tonnen kommen langsam in Bewegung, auf historisch vorbildliche Art. Später, auf der Café-Terrasse, gibt Michael eine Lokalrunde aus. „Prost - Mast- und Schotbruch Concordia!“ Und allzeit eine Handbreit Wasser unterm Kiel.

Gruppen von 15 bis 40 Personen können die Concordia zu zwei- bis sechsstündigen Fahrten chartern. Kosten: 6 bis 10 Euro pro Person und Stunde, abhängig von der Gruppengröße. Kaffenkahn Company Tourismus GmbH, Telefon 0172-3227421, Brandenburger Str. 38, Fürstenberg/Havel. Weitere Infos online.

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Grafik: Tsp

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