• Letztes Geleit für Brandenburgs Ex-Innenminister Schönbohm
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Bewegende Trauerfeier : Letztes Geleit für Brandenburgs Ex-Innenminister Schönbohm

Ein Soldat der Demokratie: Mit einer Trauerfeier und mit militärischen Ehren ist am Freitag der verstorbene frühere Brandenburger Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) verabschiedet worden.

Stephan-Andreas Casdorff
Der Sarg des verstorbenen früheren Innenministers von Brandenburg, Jörg Schönbohm, beim Trauergottesdienst im Berliner Dom.
Der Sarg des verstorbenen früheren Innenministers von Brandenburg, Jörg Schönbohm, beim Trauergottesdienst im Berliner Dom.Foto: Michael Sohn/ dpa

Potsdam/ Berlin - Was für ein Gesicht! Schwarz umrandet zwar, aber gegenwärtig. Die markante linke Augenbraue leicht hochgezogen, den rechten Mundwinkel auch: Symmetrie der Ironie. Jörg Schönbohm, wie er leibt und lebte. Von seinem Platz aus verfolgt er die Trauerfeier im Berliner Dom, wo er sich beheimatet fühlte. Schönbohm, in der Mark Brandenburg wohnend, gehörte dieser Gemeinde an, wie ihr Pfarrer Thomas Müller sagt. Dass er hier zu Hause war, hörte man Müllers Stimme an; hier an diesem majestätischen Ort, goldglänzend, hat Jörg mit seiner Eveline am 31. Dezember 2009 ihre 50 Jahre tiefster Verbundenheit gefeiert. In diesem Jahr wäre ihre Liebe diamanten geworden.

Huber beginnt seine Trauerrede mit Liebe

Liebe! Wolfgang Huber beginnt seine Trauerrede damit. Dabei hat sich der Altbischof für Berlin und Brandenburg und vormals der wegweisende Protestant fürs ganze Land so oft streitend mit Schönbohm zusammengesetzt. Aber weil das so war, will Huber die andere Seite des Doppelpreußen – von Geburt und Gesinnung – zum Leuchten bringen: dass ihm, Schönbohm, die Liebe das wohl eigentliche war. Und auf allen Kränzen links und rechts des Sargs ist neben den hohen Orden und Ehrenzeichen auch immer „In Liebe“ eingraviert.

Der Sarg, der stolz in der Mitte steht, wird eingehüllt von der Bundesdienstflagge. Wie passend: Hier ruht ein Mann nach dem Dienst für Volk und Vaterland. „Brandenburg trauert um einen seiner besten Männer“, sagt denn auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), der selber ein Nachfahre eines „langen Kerls“ ist, wie die preußischen Gardesoldaten „Seiner Königlichen Majestät“ genannt wurden. Ein Mann, ein Kerl, dieser Schönbohm? Nicht in bloßer Härte, die diesem Wort innewohnt. Dem Schönen zugetan war er auch, in Kunst und Musik und Literatur, ein Liebhaber Fontanes, einer der italienischen Landschaften. Dazu ein wohl mehr als treusorgender Familienvater und Ehemann, wovon Sohn Hendrik, ein Landarzt, zurückhaltend im Ton, dem Pathos abhold, in leiser, anrührender Sprödigkeit Zeugnis gibt. Ja, und danach muss der Ehemann, der Vater, der Opa und Uropa, der Vielgeliebte, die friderizianische Tugend der Toleranz gelebt haben. Und der Bescheidenheit. Als der Vater einmal daheim die Küche putzte und Sohn Hendrik ihn fragte, was er da mache, antwortete der Papa, wie es seine Art war, ironisch und trocken: „Hier putzt der General.“

Der Sarg wurde nach dem Trauergottesdienst aus dem Berliner Dom getragen.
Der Sarg wurde nach dem Trauergottesdienst aus dem Berliner Dom getragen.Michel Kappeler/dpa

Schönbohm war ein Paradebeispiel für den Staatsbürger in Uniform

Das im besten Sinn Soldatische hat Jörg Schönbohm nie verlassen, er war Paradebeispiel eines Staatsbürgers in Uniform. Seine Vorgesetzten in der Bundeswehr hätten ein Lied davon singen können. Immer dieser Widerspruchsgeist! In der Politik war es nicht anders. Phrasen waren nicht seins, weiß Wolfgang Schäuble (CDU) zu berichten, der Bundestagspräsident, heute vor allem aber der Freund seit langen Jahren.

Schäubles Worte zum Konservativen, der Schönbohm zeit seines Lebens war, geraten konstitutiv. Als formulierte Schäuble dessen politisches Erbe: nie deutschtümelnd zu sein, sondern im Bewusstsein der Kultur, der Werte und der Geschichte der Nation zu handeln, mit Selbstachtung und seiner selbst bewusst. Und so: „Demut in der Bindung an Gott war ihm unverzichtbare Voraussetzung sittlicher Lebensführung.“

Nur ein richtiger Parteisoldat ist er nie geworden

Schönbohms staunenswerte, einzigartige Karriere erklärt sich auch damit. Immer vorwärts, auf festem Grund: eine militärische Laufbahn bis zum Drei-Sterne- General und Planungschef der westlichen Bundeswehr, dann nach 1990 „Befehlshaber Ost“ über drei Teilstreitkräfte – was es so nach dem Krieg noch nie gegeben hat – zur Integration ehemaliger NVA-Soldaten, anschließend Inspekteur des Heeres, beamteter Staatssekretär für internationale Sicherheitspolitik und Rüstung, Innensenator Berlins, Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident Brandenburgs. Nur ein richtiger Parteisoldat wurde er trotz seiner hohen und höchsten Ämter in der CDU nie. Auch da blieb sein Spitzname „der General“. Wie sagt Schäuble: „Gefallsucht war ihm gänzlich fremd.“ Schäuble mochte das immer, Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, weniger. Dem war Schönbohm nicht zum Gefallen. Wer weiß, was aus ihm sonst noch geworden wäre.

Aber was er wurde: vielgeachtet. Woidke erinnert sich daran, dass man mit ihm nicht nur gut streiten, sondern auch „herzhaft lachen“ konnte. Eine große Koalition gibt es in diesem Urteil: Knorrig auch im Charme, schlagfertig, anständig, fair, mit Achtung gegenüber dem politischen Gegner. Er achtete Personen und Positionen. Er wollte und konnte Gräben überwinden. Alle, die da bescheiden im Kirchenrund sitzen, die einstmals in Berlin und Brandenburg Regierenden Eberhard Diepgen (CDU) und Matthias Plat- zeck (SPD), können das bestätigen. Und Annegret Kramp-Karrenbauer die CDU-Bundesvorsitzende, die früher Innenministerin im Saarland war. Sie alle kennen ihn ja.

Schönbohm war ein Verfechter von Recht und Ordnung

Wunden gab es auch, Altbischof Huber verschweigt sie nicht. Schönbohm in der Debatte um die Nato-Nachrüstung, später dann, in Berlin, um die Rückführung von Flüchtlingen. Flüchtlinge, schon damals. Er war ein Vertreter von Recht und Ordnung und Sicherheit. Aber je älter er wurde, desto mehr im Bewusstsein, dass Jesu Bergpredigt eine Politik auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes erfordert. Als Huber das auf der Kanzel sagt, ist es ganz still; und da unten sitzt Jörgs Bruder Wulf, der Planungschef der CDU unter dem legendären Heiner Geißler war. Der hat das ganz früh gepredigt.

Er konnte Schärfe, konnte hart sein – aber Schönbohm konnte Härten auch mildern. Ein Beispiel? Brandenburger Polizisten protestieren gegen Umstrukturierungen. Sie wollen sich dem Gespräch mit dem Minister durch demonstratives Rückenzudrehen entziehen. Darauf Schönbohm in seinem unverkennbar märkischen Idiom: „Haarschnitt in Ordnung. Sie können sich wieder umdrehen!“ Zum Lachen kommt dann doch ein Gespräch.

„Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten, sondern als Deutsche zu Deutschen.“ Das hat ihn, im Krieg geflohen und im Frieden in die Heimat zurückgekehrt, beseelt. Er war national und konservativ, aber nie Nationalist, sondern Patriot: Das ist das Bild, das im Berliner Dom von ihm entsteht. Von dem am Sarg blickt er auf die Gemeinde. Jörg Schönbohm, wie er leibt und lebte, 81 Jahre. Er wurde geliebt. Und zum Ende sagt Wolfgang Huber: „Ihn befehlen wir der Liebe Gottes an.“