Brandenburg : Bevor es zu spät ist

Bobzien-Preis verliehen: Jugendliche erforschten KZ-Historie

Matthias Schlegel
Eingeweiht. An die Opfer eines Massakers im früheren KZ-Außenlager in Jamlitz im Kreis Dahme-Spreewald erinnert seit Montag ein neuer Gedenkplatz. Im Beisein von 50 Gästen, darunter auch ehemalige KZ-Häftlinge, wurde dieser eröffnet.
Eingeweiht. An die Opfer eines Massakers im früheren KZ-Außenlager in Jamlitz im Kreis Dahme-Spreewald erinnert seit Montag ein...Foto: Patrick Pleul/dpa

Oranienburg - Vielerorts ist Gras darüber gewachsen. Im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Welches Leid Gefangene in der NS-Diktatur als Zwangsarbeiter in den mehr als 1000 Außenlagern der KZs erdulden mussten, ist bis heute wenig erforscht. Die Hinterlassenschaften der einstigen Lager hat sich die Natur zurückgeholt oder sie sind längst überbaut und ihres historischen Hintergrunds beraubt worden. Die Reste der Erinnerungen drohen mit dem Ableben der letzten Zeitzeugen verloren zu gehen.

Der Landesjugendring Brandenburg initiierte in enger Kooperation mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie eine breit angelegte Spurensuche. Im Rahmen des Pilotprojekts „überLAGERt“ erforschten fünf Jugendgruppen die KZ-Außenstellen in Grüneberg, Königs Wusterhausen, Bad Belzig, Lieberose/Jamlitz und Schwarzheide. Sie erkundeten die einstigen Lagergelände, sprachen mit ehemaligen Inhaftierten, recherchierten in Archiven. So gestalteten zum Beispiel zehn Schüler des Max-Steenbeck-Gymnasiums in Cottbus eine Ausstellung über das Außenlager Lieberose/Jamlitz. Sie gingen dabei vor allem auf das Schicksal des jüdischen Häftlings Jakob Richter ein, der die Lagerhaft überlebt hatte. Richter, der heute in Chicago lebt, war eigens angereist, um den Jugendlichen Auskunft zu geben.

In Oranienburg wurden die fünf Gruppen und der Landesjugendring nun am Sonntag für ihre Arbeit, mit der sie die einstigen Orte des Schreckens dem Vergessen zu entreißen versuchen, von Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) mit dem Franz-Bobzien-Preis ausgezeichnet. Zum fünften Mal hatte die Stadt Oranienburg gemeinsam mit der dort ansässigen Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen diesen mit 3000 Euro dotierten Preis ausgeschrieben, der nach einem ehemaligen Häftling des KZ Sachsenhausen benannt ist. Er würdigt Initiativen in Berlin und Brandenburg, die für Toleranz und Demokratie stehen und sich der Aufarbeitung des NS-Regimes widmen. Die Preisverleihung fand anlässlich des 73. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen an dem historischen Ort statt.

Der zweite Preis ging an Schüler der Ernst-Litfaß-Schule in Berlin. Die Jugendlichen erarbeiteten nach Recherchen in der Gedenkstätte Ravensbrück eine künstlerische Serie von Drucken. Darin umreißen sie grafisch das „doppelte“ Schicksal der KZ-Überlebenden Ilse Heinrich. Von den Nazis als „arbeitsscheu“ und „asozial“ stigmatisiert und ins KZ Ravensbrück verschleppt, wurde Heinrich nach der Befreiung erneut gesellschaftlich zur Außenseiterin gestempelt und erst später rehabilitiert. Matthias Schlegel