BERLIN-NEUKÖLLN : Camorra in Nord-Neukölln

Hippes Trendviertel? Von wegen, sagt Bürgermeister Buschkowsky. Er fordert neue Lösungen für die „Migrantenstadt“

Thomas Loy
Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky.
Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky.Foto: Mike Wolff

Berlin - Nord-Neukölln ist nicht Neapel, könnte aber mal so werden, warnt Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD). Vor kurzem besuchte er die süditalienische Stadt, um zu erfahren, wie sie dort mit Parallelgesellschaften umgehen. Seine Bilanz: Die italienischen Behörden haben vor dem „Gegenstaat“, der Camorra, kapituliert. Buchkowsky will nicht kapitulieren, fordert erneut eine Kitapflicht und den Entzug von Sozialleistungen bei Regelverstößen. „Mit traditionellen Lösungen ist dem nicht abzuhelfen.“ Andere Bezirke mit den gleichen Problemen sollten sich endlich dazu bekennen. Die Wohnungsbaugesellschaft „Stadt und Land“ hatte zur Diskussion über die Zukunft Nord-Neuköllns geladen und zwei Protagonisten eingeladen, die sich schätzen, aber selten einer Meinung sind: Den Integrations-Sheriff Buschkowsky und den nüchternen Zahlenanalytiker und Stadtsoziologen Hartmut Häussermann.
Und tatsächlich: Buschkowsky spielte wieder den Schlechtwetterpropheten, Häussermann betonte dagegen die positiven Aussichten für das „Migrantenviertel“ Nord-Neukölln. Die Gegend zwischen Landwehrkanal und S-Bahnring sei kein Ghetto für Chancenlose, sondern das „Portal Berlins“, ein Durchgangsviertel für Neuankömmlinge. Dafür sammelt Häussermann gerade Indizien. Die Wanderungsbilanz der vergangenen Jahre belege, dass überdurchschnittlich viele Ausländer nach Nord-Neukölln ziehen, aber keineswegs die üblichen Verdächtigen, also Araber, Türken und Kurden, sondern Europäer aus den alten Ländern der EU. Seine These: „Nord-Neukölln verwestlicht sich“, werde also vielfältiger und bilde damit schon jetzt ab, was anderen Stadtvierteln in der Zukunft noch bevorsteht: Die multiethnische Gesellschaft.
Das klang für Buschkowsky dann doch zu sehr nach Proseminar. „Neukölln ist eine Migrantenstadt mit eigenem kulturellem Gefüge.“ Entscheidend für seine rund 150 000 Einwohner sei die soziale Entwicklung, das Herausarbeiten aus dem Sozialsystem und der informellen Wirtschaft. Gemessen an den Fallzahlen im Jobcenter sei in dieser Frage noch kein Fortschritt erkennbar. An Wanderungsbewegungen beobachtet der Bürgermeister gerade einen Zuzug von orthodoxen Salafiten an der Sonnenallee und einen Wegzug von Abiturienten des Dürer-Gymnasiums in andere Stadtteile. Also gebe es auch hier keinen Anlass zu Optimismus.
Szenemagazine haben Nord-Neukölln dagegen längst zum hippen Trendviertel ausgerufen, mit neuen Bars, Galerien und Boutiquen. Während Häussermann diese Wahrnehmung stützt und daraus Chancen für eine Besserung ableitet, hält Buschkowsky die Wirkung von zuziehenden Künstlern und Studenten für marginal. „Eine neue Boutique nützt nichts, wenn bei der Einschulung doch wieder die gleichen Kinder antreten.“
Buschkowsky setzt auf seinen Campus Rütli als „Signal“ für eine neue Bildungsqualität an den Schulen. „Campus Rütli hat zuletzt nur zwei Schüler ohne Abschluss entlassen, dagegen 36 mit Gymnasialempfehlung.“ Vor dem Zusammenschluss zur Gemeinschaftsschule sei das Nicht-Abschließen an der ehemaligen Hauptschule die Regel gewesen. „Das muss sich herumsprechen.“