Brandenburg : Baufällige Brücken bremsen Bahn

Einer Anfrage der Grünen im Bundestag zufolge sind ein Drittel aller Bahnüberquerungen der Region in schlechtem Zustand. Bei mehr als acht Prozent in Brandenburg wäre eine Sanierung zu teuer

Klaus Kurpjuweit
Maroder Charme. Die meisten Brücken über die Yorckstraße in Berlin sind ohne Betrieb. Ein paar Meter weiter erneuert die Bahn aber die Anlagen der S-Bahnlinie S 1. Die Yorckstraße ist deshalb von Freitag, 20 Uhr, bis Montag, 5 Uhr, hier voll gesperrt.
Maroder Charme. Die meisten Brücken über die Yorckstraße in Berlin sind ohne Betrieb. Ein paar Meter weiter erneuert die Bahn aber...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin/Potsdam - Wer in Brandenburg und Berlin mit der Bahn über eine Brücke fährt, dem darf durchaus mulmig werden. Denn nicht nur viele Überquerungen an Straßen sind in schlechtem Zustand, sondern auch rund ein Drittel aller Bahnbrücken in der Region weist umfangreiche Schäden auf. Das zumindest musste die Bahn jetzt nach einer Anfrage der Grünen im Bundestag eingestehen. Demnach sind allein in Berlin von insgesamt 895 Eisenbahnbrücken gleich 90 so gravierend beschädigt, dass eine wirtschaftliche Instandsetzung nicht mehr möglich sei. Weitere 138 Bauwerke hätten umfangreiche Schäden. Bei diesen sei zwar eine Reparatur möglich, doch deren Wirtschaftlichkeit müsse erst geprüft werden. Die Sicherheit sei aber stets gewährleistet, versichert die Bahn.

Entsprechende Angaben der Bahn zum Zustand der Brücken im Land Brandenburg werden derzeit noch ausgewertet, heißt es aus dem Büro der brandenburgischen Grünen-Bundestagsabgeordneten Annalena Baerbock. Damit beauftragt sei ein Bahnexperte aus Freiberg in Sachsen, heißt es weiter. Allerdings lasse sich bereits aus den Angaben der Bahn schließen, dass der Zustand der Brandenburger Bahnbrücken nicht wesentlich besser ist als der der Berliner. Demnach weisen 8,1 Prozent der Brücken an Bauwerksteilen gravierende Schäden auf, die laut Bahn aber die Sicherheit nicht beeinflussen. Allerdings sei bei diesen Brücken wie in Berlin eine wirtschaftliche Instandsetzung nicht mehr möglich. 25,5 Prozent aller Bahnbrücken im Land sind zumindest so marode, dass vor der Sanierung eine Wirtschaftlichkeitsprüfung erforderlich sei. „Es ist dramatisch, wie die Bahn und der Bund das Streckennetz in der Region verlottern lassen und das damit verbundene Chaos im Fahrplan billigend in Kauf nehmen“, so Baerbock gegenübern den PNN. Die abschließende Bilanz zu Brandenburg solle demnächst vorgelegt werden.

Der Bahn zufolge werden die Brücken mindestens alle drei Jahre aufwendig Jahre geprüft. Einmal pro Jahr würden sie „im Rahmen einer Begehung per Augenschein“ kontrolliert, so ein Sprecher. Bei Bedarf würden auch Gutachten eingeholt. Ein Großteil der Brücken in der Region ist aber über hundert Jahre alt. Immerhin dampften die ersten Züge im damaligen Preußen bereits 1838 zwischen Berlin und Potsdam. Und Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Netz rasant wuchs, wurden auch sehr viele Brücken gebaut, die nun saniert oder gleich durch Neubauten ersetzt werden müssten. Denn nach 100 Jahren besteht in der Regel Sanierungsbedarf. Vor diesen Ausgaben hat sich die Bahn in den vergangenen Jahren jedoch gedrückt. Der Bereich Netze, der auch für die Brücken zuständig ist, muss einen Großteil des ausgewiesenen Bahn-Gewinns finanzieren. Aus den Einnahmen, die Bahnbetreiber für das Nutzen der Gleise zahlen müssen. Die Entgelte haben sich innerhalb kürzester Zeit erheblich erhöht, die Bautätigkeit ist dabei jedoch nicht mitgewachsen.

Bundesweit seien von knapp 25 000 Bahnbrücken etwa 10 000 älter als 100 Jahre und müssten erneuert werden, hatte Bahnchef Rüdiger Grube unlängst geklagt. Und mehr Geld vom Bund gefordert. Derzeit reiche das Budget für jährlich rund 120 Brücken. Erneuert werden müssten aber jeweils etwas 250.

Auf der Liste der maroden Berliner Bauwerke, deren Instandsetzung sich nicht mehr rechnet, stehen in Berlin unter anderem Brücken am Südkreuz und am Ostkreuz, die über Straßen führen. Aber auch die Bauwerke am Eisenbahnkreuz Karow gehören dazu. Sie stehen schon lange im Bauprogramm, nur getan hat sich bisher nichts.

Häufig müssen Züge ihr Tempo auf den maroden Brücken drosseln. Durch einen Trick werden die Verspätungen wegen der verringerten Geschwindigkeit für Fahrgäste meist aber nicht spürbar. Die Bahn baut die längere Fahrzeit einfach in den Fahrplan ein.

Marode sind in Berlin und Brandenburg allerdings nicht nur die Bahnbrücken. Auch die Brücken über den Landesstraßen sind zum Teil erheblich sanierungsbedürftig. So war im Frühjahr bekannt geworden, dass von 1102 Straßenbrücken in Berlin, für die das Land zuständig ist, 26 nur noch eingeschränkt genutzt werden können, weil sie marode sind. Erst Anfang Mai hatte auch die CDU-Landtagsfraktion in Brandenburg auf Basis von Antworten des Landesverkehrsministeriums auf eine Große Anfrage die aus ihrer Sicht ärgsten Brennpunkte zusammengestellt und von der rot-roten Landesregierung Brandenburgs jährlich 50 Millionen Euro mehr für den Erhalt der Verkehrsinfrastruktur im Land verlangt. Demnach sind landesweit bislang zwei Brücken wegen ihres schlechten Zustandes gesperrt. Beide liegen an Landesstraßen. Insgesamt gibt es in Brandenburg 740 Brücken an Landesstraßen. Davon sind nach Auskunft des Ministeriums 108 Brücken in einem nicht akzeptablen Zustand, betroffen ist damit jede siebte Brücke an Landesstraßen. Klaus Kurpjuweit, Matthias Matern