Brandenburg : „Alle Kollegen haben weggeguckt“

Suizid eines Polizisten löst Mobbing-Debatte aus

Berlin - Die Berichterstattung über den Suizid des 61-jährigen Polizeibeamten Henning G., der sich am Sonnabend in Lankwitz selbst verbrannt hat, hat in Polizeikreisen eine Debatte über den Umgang mit Mobbing-Opfern ausgelöst. Thomas Wüppesahl, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten (BAG) spricht von einer Mauer des Schweigens, die bei derartigen Fällen bei der Polizei aufgebaut werde. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft gelten als anonyme Hinweisgeber, die auf solche Missstände in Dienststellen hinweisen. „Im Fall des verstorbenen Polizeibeamten wissen wir, dass er gemobbt wurde, und alle haben weggeguckt“, sagte Wüppesahl. Das Wegschauen sei verbreitet, weil in den Polizeirevieren das so genannte „Champignonprinzip“ praktiziert werde: „Wer reif ist, wird geköpft“, sagte der Sprecher. Viele Kollegen hörten aus Angst vor Ausgrenzung irgendwann auf, kritisch zu sein oder Widerstand zu leisten. Andere unterlägen dem Gruppendruck, würden über rechtswidriges Handeln hinwegsehen oder mobbten selbst mit.

Auch der ehemalige Personalratsvorsitzende Detlef Rieffenstahl, der in seiner damaligen Funktion mit dem Fall Henning G. vertraut war, meldete sich zu Wort. „Was wirklich der Auslöser für seinen Selbstmord war, vermag ich nicht zu sagen, doch die Stellungnahme der amtierenden Polizeipräsidentin, der Suizid habe ausschließlich persönliche Gründe ohne dienstlichen Zusammenhang ärgert mich sehr.“ Rieffenstahl bestätigte, dass G. darunter gelitten habe, dass seine Kritik, die Polizei verwalte die Arbeit nur noch betriebswirtschaftlich, abgeblockt worden sei. „Der Vorgesetzte hat dafür gesorgt, dass er auf einen anderen Abschnitt versetzt wurde. Dort war er nicht glücklich“, sagte Rieffenstahl. Ob zu den dienstlichen Schwierigkeiten auch private Probleme kamen, ist unbekannt, da G. nach Auskunft der Polizei keine Abschiedsbotschaft hinterlassen hat. Die BAG betreut seit Jahren bundesweite Mobbingfälle bei der Polizei. „In derartigen Suizidfällen keinen dienstlichen Zusammenhang festzustellen, ist eine Methodik, die den Dienststellen viele Prozesse erspart“, sagte Wüppesahl.

In Berlin hatte sich zuletzt im Januar ein Polizist unter einer Brücke in der Scharnweberstraße in den Kopf geschossen. Zu Hintergründen der Tat konnte die Polizei keine Angaben machen. 2010 hatten sich gleich zwei Polizisten des Abschnitts 35 in Wedding mit ihren Dienstwaffen das Leben genommen. Ein 49-jähriger Hauptkommissar erschoss sich im Sanitätsraum während seines Dienstes in der Oudenarder Straße. hh/tabu