Abitur in Brandenburg : Mehr Zeit für den Abschluss

Gymnasiasten, die an eine Gesamtschule wechseln wollen, müssen sich in Brandenburg hinten anstellen.

Lieber länger lernen. Acht Jahre Gymnasium (G8) oder neun Jahre (G9)? In Brandenburg ist die Bezeichnung irreführend, weil die Grundschulzeit anders als in anderen Ländern sechs Jahre dauert. Nichtsdestotrotz sorgt das Turbo-Abi für Debatten.
Lieber länger lernen. Acht Jahre Gymnasium (G8) oder neun Jahre (G9)? In Brandenburg ist die Bezeichnung irreführend, weil die...Foto: Armin Weigel/dpa

Potsdam - „Am Ende“, sagt Ursula Scharfenberg, „schreiben wir dasselbe Abitur. Aber der Weg dahin ist unterschiedlich.“ Mehr Zeit, weniger Leistungsdruck, weniger Kurse. Für viele Schüler sind 13 Jahre auf einer Gesamtschule bis zum Abschluss der bessere Weg, meint Scharfenberg, die Oberstufenkoordinatorin der Potsdamer Lenné-Gesamtschule. Einige Gymnasiasten erwägen daher nach der zehnten Klasse einen Wechsel zur Gesamtschule, um sich ein Jahr zusätzliche Lernzeit bis zum Abitur zu geben. Doch für diese wird es künftig noch schwieriger, einen Platz an den stark nachgefragten Brandenburger Gesamtschulen zu bekommen.

Das Bildungsministerium präzisiert zum kommenden Schuljahr die Aufnahmekriterien für die Oberstufe der Gesamtschulen und legt eine Reihenfolge fest: Zuerst gehen die Plätze an die Schüler der eigenen Gesamtschule. Danach kommen Oberschüler zum Zug, die die zehnte Klasse so gut abschließen, dass sie die „Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe“ erwerben, erklärt die stellvertretende Ministeriumssprecherin Antje Grabley. Wenn dann noch Plätze frei sind, können auch Gymnasiasten aufgenommen werden.

Fünf statt zwei Fächer mit höheren Anforderungen

An der Lenné-Schule dürfte das schwierig werden. Sie rechne nicht mit freien Kapazitäten, sagt Oberstufenkoordinatorin Scharfenberg. Am Freitag endete das Anmeldeverfahren, genaue Zahlen habe sie noch nicht. Klar ist: 75 Plätze gibt es für die elfte Jahrgangsstufe. „Bislang hatten wir bis zu 70 Anmeldungen von eigenen Schülern.“ Ein kleines Schlupfloch gebe es für Gymnasiasten: Wenn Schüler, Oberschüler zumeist, nach der elften Klasse abbrechen, weil sie es doch nicht schaffen, werden wieder Plätze frei. Manche Schüler von Gymnasien wechselten deshalb erst zur zwölften Jahrgangsstufe.

Ein weiterer Anreiz für Gymnasiasten, an eine Gesamtschule zu gehen: Während in der Oberstufe am Gymnasium fünf Fächer mit erhöhtem Anforderungsniveau belegt werden müssen, sind es an den Gesamtschulen nur zwei, wie Ursula Scharfenberg erläutert. Dieser vermeintliche Vorteil der geringeren Anforderung gilt aber nur noch für die Schüler, die sich jetzt für die Oberstufe angemeldet haben. Künftig sollen an jeder Schulform wieder nur noch zwei Leistungskurse belegt werden müssen.

Brandenburg lässt seinen Schülern die Wahl zwischen G8 und G9

Im aktuellen Schuljahr verließen nach Angaben des Bildungsministeriums 107 Schüler nach der zehnten Klasse das Gymnasium in Richtung Gesamtschule. Ein Schuljahr zuvor gab es 83 Wechsler, 2002/03 nur 49. Die höchste Zahl an aufgenommen Gymnasiasten gab es 2006/07 mit 179, was aber nichts darüber aussagt, wie viele Schüler jährlich tatsächlich wechseln wollen, denn die abgelehnten Schüler werden nicht erfasst.

Dass es Gymnasiasten an Gesamtschulen zieht, kann Günther Fuchs, Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), verstehen. Mit dem G8, also dem Abitur nach zwölf Jahren, sei es für die Schüler zu einer enormen „Verdichtung“ des Lernstoffes gekommen. In Brandenburg haben 2012 die ersten Turbo-Abiturienten ihren Abschluss gemacht. Die Dauerdebatte um G8 und G9 ist aber noch lange nicht ausgestanden. Das Land hatte dabei immer betont, dass es den Schülern anders als andere Bundesländer die Wahl lasse: entweder das Abitur nach zwölf Jahren am Gymnasium oder nach 13 Jahren an Gesamtschulen und beruflichen Gymnasien ablegen zu können.

„Nicht überall ist die Situation wie in Potsdam“

Aber: Die Wahlfreiheit hängt in der Realität vom Wohnort ab. „Wir müssen vergleichbare Rahmenbedingungen an allen Schulformen schaffen“, fordert GEW-Chef Fuchs. Das bedeute nicht zwangsläufig ein Zurück zum längeren Lernen wie beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Man müsse aber die Möglichkeit schaffen, überall im Land auch das Abitur nach 13 Jahren abzulegen zu können, fordert Fuchs. „Nicht überall ist die Situation wie in Potsdam“, erklärt er. In manchen Regionen gebe für Schüler in erreichbarer Nähe weder eine Gesamtschule noch ein Oberstufenzentrum und daher keine Option für ein Abitur nach dreizehn Jahren. Deshalb müssten an Gymnasien G8 und G9 ermöglicht werden.

Insgesamt gibt es im Land Brandenburg 34 Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe in öffentlicher und freier Trägerschaft, an denen mehr als 18 000 Schüler unterrichtet werden. Davon besuchen knapp 5400 die Jahrgangsstufen elf bis 13. In der Landeshauptstadt haben Schüler die Wahl zwischen zehn Gesamtschulen, darunter die Sportschule „Friedrich Ludwig Jahn“. Von den Potsdamer Gesamtschulen sind sechs in öffentlicher und vier in freier Trägerschaft. Zum Vergleich: Im gesamten Kreis Uckermark, dem flächenmäßig größten Landkreis Deutschlands, gibt es nur zwei Gesamtschulen – eine öffentliche Schule in Schwedt und eine freie in Templin.